Gerade als wir am Montag abreisen wollten aus Timmendorfer Strand, wo wir ein entspanntes Wochenende im empfehlenswerten Country Hotel verbracht hatten, kam ein neuer Besucher an, allerdings unfreiwillig: ein etwa zwölf Meter langer Buckelwal. Er strandete auf einer Sandbank im Ortsteil Niendorf und kam nicht mehr weg.
Da ich noch nie einen echten Buckelwal zu Gesicht bekommen hatte, beschloss ich am Dienstag wieder dorthin zu fahren. Schließlich ist Niendorf keine anderthalb Stunden entfernt von Hamburg und zudem in Deutschlandticket-Reichweite.
Als ich die Mole vorm Hundestrand erreichte, wo der Wal in einiger Entfernung festsaß, war ich nicht der Einzige, der auf diese Idee gekommen war. Auf den Steinbrocken, die zungenartig in die Ostsee hineinragten, um die Wellen zu brechen, standen und saßen Familien mit Kindern, Männer mit Ferngläsern und eine Frau aus Zittau, die mir ungefragt ihr Herz ausschüttete. Über ein rücksichtsloses Ausflugsboot, das schon mehrfach das leidende Tier umkreist habe (gerade kam es wieder), über die „bestimmt vierzig oder fünzig Schreie“ des Wals (es ist mehr ein tieffrequentes Brummen, wie ich feststellen konnte), darüber, dass sie schon gestern den ganzen Tag hier verbracht habe und die Steine warm würden, wenn man länger darauf sitze (sie hatte das selbst getestet), und dass manche hier sogar lachten, dabei gebe es keinerlei Grund zur Freude.
Ihr aufrichtiges Mitgefühl, das ihre Mitteilsamkeit befeuerte, rührte mich. Und wer mir jetzt mit Whataboutismen kommt à la „Aber was ist mit den Menschen in Gaza, Teheran, Beirut?“, dem halte ich entgegen: Man sollte Opfer nicht gegeneinander ausspielen. Ein Buckelwal in höchster Not hat ebenso ein Recht auf Empathie, und niemand von uns kann sich in so viele Persönlichkeiten aufspalten, dass er allem Leid der Welt gleichzeitig Tribut zollen könnte.
Während ich dort stand und die Frau aus Zittau mich zum zweiten Mal fragte: „Woher kommen Sie? Ach, das hatte ich ja schon gefragt“, befragte ich mich selbst: Bin ich ein sensationslüsterner Whale Watcher, der den Überlebenskampf eines mit mir eng verwandten Großsäugers als Entertainmentgelegenheit missbraucht? Bin ich schaulustig?
Doch als ich in mich hineinhorchte, fühlte sich nichts schaulustig, sondern nur schautraurig an: das dunkle Brummen des Wals, die zischende Atemfontäne, die er von Zeit zu Zeit ausstieß, seine hoffnungsarme Lage, die Hilflosigkeit der Rettungskräfte … Was denkt der Wal, was fühlt er, wie vergeht für ihn die Zeit, wie nimmt er den Verlauf des Tages wahr, die Dunkelheit und den Sonnenaufgang, das Gefangensein an diesem Ort? Macht er sich eine Vorstellung von der Zukunft? Ist er zu Hoffnungslosigkeit fähig?
Er muss hungrig sein, vielleicht sogar panisch, jedenfalls voller Adrenalin, und das seit Tagen. Als ich über die Steine zurückkletterte, über die zahlreichen toten Kormorane in den Spalten hinweg, war ich froh, hierhergefahren zu sein. Ich habe einen Buckelwal gesehen, mit eigenen Augen, und ich fühle mit ihm.
Käme er doch noch frei und schwämme schließlich davon Richtung Kattegat, es wäre die schönste Nachricht in dieser an schlechten Nachrichten überreichen Woche.


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