28 September 2010

Wie ich mal oberschlau sein wollte

Vor genau 27 Jahren brachte ich drei überflüssige englische Briefmarken im Wert von einem Pfund und elf Pence aus Reading mit. Schüleraustausch. Eigentlich hatte ich sie drüben auf Postkarten pappen wollen, aber wie das halt immer so ist, you know.

Seit 27 Jahren jedenfalls lagen sie in meiner Schreibtischschublade in einer kleinen Schatulle, und zwar in Gesellschaft einiger Münzen aus aller Herren Länder, von denen ich auch nicht mehr wusste, wie ich sie je wieder loswerden sollte. So was nimmt einem ja keine Bank mehr ab, die wollen immer nur Scheine, diese Verbrecher. Und ich kann ja nichts wegwerfen, vor allem nichts, was auch noch seinen monetären Wert vorwurfsvoll vor sich her trägt.

Der Zufall aber hätte schon ein bisschen mithelfen können in diesen 27 Jahren. Warum zum Beispiel hat das fragile Schatüllchen eigentlich überhaupt fünf (in Worten: FÜNF) kapitale Umzüge überstanden, ohne je verloren gegangen zu sein? Das sind so Fragen.

Wie auch immer: Neulich erzählte mir Ramses, er reise am Wochenende nach England. Ich sah sofort meine Chance, und als ich ihn im Herz von St. Pauli unter einem schwer durchschaubaren Vorwand ein bisschen betrunken gemacht hatte, zückte ich ein kleines Kuvert mit den drei englischen Briefmarken drin und überreichte sie ihm.

„Was soll ich denn damit?“, staunte er großäugig.
„Na, zum Beispiel Postkarten schicken oder so was“, sagte ich.

Das war vor ein paar Wochen. Am Samstag nun öffnete ich den Briefkasten und erblickte zu meiner Überraschung eine Postkarte, die Lady Di zeigte und geformt war wie ihr Kopf am Tag der Hochzeit; sie trug das berühmte Diadem.

Die Karte kam von Ramses. Auf der Rückseite klebten meine drei Briefmarken im Wert von einem Pfund und elf Pence. „Anbei Ihre Briefmarken auf einer vermutlich hoffnungslos überfrankierten Postkarte“, erläuterte Ramses, und zwar in außergewöhnlich charaktervoller Schrift.

27 Jahre nach ihrem Erwerb habe ich die Schlingel also wieder, nach nur rund vierwöchiger Absenz. Allerdings hat sich die Lage subjektiv noch verschlechtert. Sie sind nun fest mit dem Riesenkopf von Lady Di verbunden und passen nicht mehr in die Schatulle; dabei freuten sich die Fremdwährungsmünzen schon ganz kirre aufs Wiedersehen.

Der liederlich hingehauene Stempel der Royal Mail hat immerhin nur die Pfundmarke erwischt; ich könnte also die Pencegeschwister unter heißem Wasserdampf ablösen, an alter Nichtwirkungsstätte einlagern und geruhsam dem nächsten Einsatz entgegendämmern lassen, also bis circa 2037.

Mein Einfall, Ramses zum willenlosen Opfer meiner Briefmarkenentsorgungsgelüste zu machen, war jedenfalls doch nicht ganz so clever, wie er mir zunächst vorkam. Aber so was weiß man ja oft erst im Nachhinein.

Wer wüsste das besser als Lady Di.


Kommentare:

  1. Das ist nicht Lady Di auf den Stamps, sondern die Königin, wie auf jeder britischen Standardmarke. Oder auf den Sondermarken immer rechts oben.

    http://www.coolstamps.com/princess-diana-specials.html

    http://en.wikipedia.org/wiki/British_stamps#The_monarchy_and_trends_in_design_of_British_stamps

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  2. Anonym06:27

    Eigentlich ist es ganz einfach Lady Di in dem Text zu verorten, Schlaumeier! Tststs

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  3. Anonym06:46

    @ Manuel - einfach nochmal lesen... Die Postkarte zeigte Lady Di, nicht die Briefmarken ;-)

    Schöne Geschichte übrigens :-)

    Lieben Gruß,
    Josie

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  4. Nihilistin08:09

    Ich kenne Herrn Ramses nicht, beglückwünsche ihn allerdings zu diesem bemerkenswerten Coup. Sehr einfallsreich und abgebrüht.
    Allerdings frage ich mich, was er Ihnen, Herr Matt, und uns mit der einen, kopfüber verklebten Queen sagen will. Geheime Zeichen? Freimaurersymbolik? Aufruf zum Selbstmordattentat? Oder doch nur das Ergebnis eines ausgedehnten Pub-Besuches?

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  5. Frau Nihilistin, das Exegesenexpertenteam arbeitet noch an der Dechiffrierung. Sie sagen, es hat irgendwas mit den Illuminaten zu tun, wollen aber noch keinen Klartext reden.

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  6. Anonym09:16

    Wie bei Lady Di hat es also nicht so richtig geklappt mit dem Ägypter.

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  7. Anonym10:41

    Mit dem Ägypter hätts schon geklappt aber bevor das was ernstes hätte werden können wurde ja leider Lady Di sowie Ihr Ägypter vom Transporteur auf den Kopf gestellt. Ähnlichkeiten zur Briefmarke sind vielleicht Teil der Verschwörungstheorie.

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  8. Die unregelmäßig aufgeklebten Briefmarken (bitte beachten Sie auch das halb offen gelassene für die Marke vorgesehene Feld) sind als Beitrag gegen das Establishment zu sehen. Postpubertärer Postpunk, wenn der Kalauer gestattet ist.

    Ähnliches gilt übrigens dafür, gleich alle Marken auf die Karte geklebt zu haben, wo es doch 50p oder so auch getan hätten.

    Aber anstatt damit irgend einen königlichen Postangestellten vor Schreck erbleichen zu lassen, scheint er wohl nur den Kopf über den doofen Deutschen geschüttelt und in einem Anflug von Berufsehre nur so viel abgestempelt zu haben, bis die Karte ausreichend frankiert war.

    (Und dann ging die Karte offensichtlich erst mal in den Korb "Wiedervorlage und Weiterleitung frühestens in 4 Wochen". Unfassbar.)

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  9. blogspargel13:42

    Also Herr Ramses, in Wirklichkeit bedeutet doch die verkehrt herum geklebte einzelne Marke "Ich liebe Dich!" (siehe http://www.liebeswelle.de/sprache/marke-sprache.htm) ;-)

    Erst macht Herr Wagner Sie betrunken und dann das! Einfach schön ...

    In England allerdings ist die Sache etwas schwieriger gelagert. Dort sollte man unbedingt auf die richtige Orientierung der Marken achten. Googeln Sie mal nach "briefmarke verkehrt herum queen" und schauen den Eintrag von einestages an. Puuusssttt, heiße Maroni! Offensichtlich waren Sie glücklicherweise schon außer Landes.

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  10. Hui. Die Karte hab ich in Heathrow gekauft, geschrieben und auf dem Weg zum Gate eingeworfen. Gott sei dank musste ich mich etwas beeilen. Die Stunde, die ich da normalerweise noch mit Tee und DVDs kaufen verbringe, hätte dem MI6 doch locker gereicht. Das war also knapper als ich dachte und subversiver als geplant. Vielen Dank für die Aufklärung!

    (Nur leider sagt Ihr Briefmarkengeheimsprachenlink nichts über Kombinationen aus drei Briefmarken aus. Vielleicht auch besser so.)

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  11. … und weil ich das verbloggt und dokumentiert habe, verhaften sie mich bei der Einreise wahrscheinlich schon in Dover. Was haben Sie mir da nur eingebrockt, Herr Ramses!

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  12. Anonym14:50

    Wie viele Häuser hat den die Seilerstraße? Muß man da keine Hausnummer angeben?

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  13. Wie ungerecht! Als ich letztens eine dänisch frankierte, aber jenseits der Grenze in Deutschland eingeworfene Postkarte erhielt, wurde ich genötigt, sie unter Nachzahlung eines Strafportos von 98 Cent persönlich beim Hauptpostamt auszulösen - aber kriegt Herr Wagner das zuviel gezahlte Porto von der Post erstattet? Die Welt im Allgemeinen und die europäischen Postunternehmen im Speziellen sind ungerecht...

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  14. Anonym 14:50: Die Hausnummer habe ich selbstverständlich eliminiert, damit mir nicht plötzlich furchterregende Gestalten wie German Psycho einfach so auf die Pelle rücken können.

    Smithee, wahrscheinlich könnte ich jederzeit in London zur Post gehen und mir alles erstatten lassen. Ich bin gerade noch dabei, das Kosten/Nutzen-orientiert durchzurechnen.

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  15. Ach so. Gott bin ich doof!

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  16. gerade hatte ich statt des kommentarfeldes folgendes feld: "Service Unavailable - Error 503". ist uns das MI6 schon auf die schliche gekommen?

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