18 Mai 2010

Frau M. im Glück



Gestern Nachmittag um zwanzig nach fünf fand ich mitten auf der Clemens-Schulz-Straße in der Nähe der abgebildeten Bausünde (barocker Dunkelholzkitsch an Graffitiklinker – hallo???) eine prallgefüllte Börse.


Geld war bis auf ein paar Münzen keins drin, aber sonst alles, vom Führerschein über Krankenkarte bis zum Adressbüchlein und Sportspaßpass. Alles, nur keine Telefonnummer der jungen Besitzerin, einer gewissen Katarzyna M.

Also rief ich bei Sportspaß an und bat darum,
Katarzyna M. anzurufen, damit sie wiederum mich anrufen und ihre Börse zurückerhalten könne. Es ging schließlich um Minuten: Ich wollte M. ersparen, alle Karten sperren zu lassen und die Börse erst danach unbeschadet zurückzuerhalten. So was ist bei aller Glimpflichkeit ja besonders ärgerlich.

Wenig später rief Sportspaß zurück: Sie hätten eine falsche Nummer, unter diesem Anschluss gäbe es keine Frau M. mehr. Also rief ich bei der BKK Mobil Oil an mit der Bitte, Frau M. anzurufen, damit sie mich anrufen etc. …

„Frau M.“, sagte die Telefonistin der BKK Mobil Oil nach kurzer Datenbankrecherche, „ist schon länger nicht mehr Mitglied bei uns. Bitte zerreißen Sie die Kundenkarte!“ Na klar, ich zerreiße fremdes Eigentum – was denkt die Öl-BKK eigentlich von mir?

Die Telefonistin, der ich das Nichtzerreißen der Kundenkarte vorsorglich verschwieg, versprach umgehend Frau M. anzurufen, und nur wenig später rief mich zwar nicht Frau M., doch immerhin ihre Mutter zurück. Mit perfektem polnischen Akzent schwankte sie wortreich zwischen „Was makt diese Kint nurr immerr!“ und „Ville, ville Dank!“.

Eine Stunde später stand schließlich M. höchstselbst vor unserer Wohnungstür, in Begleitung einer Freundin mit Gipsarm und entzückender Schneidezahnlücke. Glücklich nahm sie ihre Börse wieder in Empfang.

Ihr „Vielen, vielen Dank!“ war völlig akzentfrei. Ein sehr schönes Beispiel für gelungene Integration.


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Kommentare:

  1. Na Glückwunsch für die gelungene hilfsbereite Aktion.

    Was die Karte angeht: Da ist immer so ein Passus bei, daß die Karte selbst Eigentum des ausgebenden Unternehmens ist, quasi nur geliehen. Somit forderte die Mitarbeiterin dazu auf, Eigentum der von ihr vertretenen Firma zu schreddern. Aber auch als früher berüchtigter Kreditkartenhäcksler hätte ich das wohl auch nicht gemacht.

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  2. Das mit der Leihe mag ja sein. Aber es war definitiv nicht meine Aufgabe als unschuldger Finder, hier irgendwelchen Besitzverhältnissen durch Zerstörung zu entsprechen.

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  3. Anonym08:35

    Ich finder Herr Matt hat schon genug gute Taten getan wenn er ihr so aufwendig hinterhertelefoniert! :-) Erfüllungsgehilfe einer Krankenkasse zu sein ist doch komplett freiwillig.
    Die gute Tat gibt bestimmt 'ne halbe Stunde Rabatt vom ewigen Fegefeuer. Oder so.

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  4. Anonym09:24

    Schade nur, dass uns nur das Foto der häßlichen Seitenansicht angeboten wird. Mich hätte die Schneidezahnlücke sehr interessiert. Stefan

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  5. Mensch Matt, Sie sind aber auch wieder ein guter Mensch. Ich hätte natürlich dasselbe getan, schon bei dem Namen! Und aufgrund der Tatsache, daß kein Geld... nein. Natürlich nicht.

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  6. Ich fand mal ein Handy eines Griechen, ein gutes. Ich rief ihn an und nach einigen Telefonaten mit Leuten, die schlecht Deutsch sprachen, fand ich Ihn, brachte ihm sein Handy. Mein Lohn war ein gratis Essen in einem griechischen Restaurant, wo er Koch war. :)

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  7. Da sind Sie besser weggekommen als ich … ;)

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  8. Anonym00:12

    Zett said....
    Bin heute extra durch die CSS gefahren um das Kunstwerk in Natura zu sehen. Ich muss sagen das ist so "krank", dass ich es echt gut finde. Zu meiner Meinung muss man allerdings wissen, dass das Barokwerk ein Windschott eines Cafes ist. Schön wäre gewesen, wenn der Hausherr das Bild etwas weiten aufgezogen hätte um die Gesamtheit der "Bausünde" sehen können.

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  9. So weit wollte ich nicht gehen. Ich trage schließlich Verantwortung für alle, die dieses Blog besuchen.

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