14 Mai 2010

Das Kabinett des (Unbe)Hagens

Zwei Tage in Bremen, zwei makabre Tage.

Während unseres gebuchten Rundgangs lenkt der Stadtführer unsere Aufmerksamkeit auf den Bleikeller. Dabei handelt es sich um eine Grabkammer mit der speziellen Marotte, automatisch Leichen zu konservieren.

Irgendwie hat das was zu tun mit Salmiak, fehlender Luft und zuviel Blei; jedenfalls liegen dort Menschen von ledriger Konsistenz aus dem 30-jährigen Krieg herum, die sich zu Lebezeiten bestimmt nicht hätten träumen lassen, irgendwann einmal in Glassarkophagen ihr schlechtes Gebiss herzeigen zu müssen.

Noch drastischer geht es allerdings in der Körperweltenausstellung des Anatomen Gunther von Hagens zu, die wir am Folgetag besuchen. Er hat seine Leichen, wie bestimmt alle Blogleser wissen, mit einem dauerhaft aushärtenden Kunststoff unverwesbar gemacht, was er „Plastination“ nennt.

Dieses Verfahren erlaubt zweifellos faszinierende Einblicke in den Auf- und Abbau unserer Anatomie. Doch von Hagens hat nicht nur didaktisches Interesse an der Laienbildung. Oft nämlich inszeniert er seine gehäuteten, entbeinten Toten als Sportler, Musiker, Wellenreiter; eine Seiltänzerin stemmt ihr komplettes Innenleben in die Höhe, während sie balanciert. Und ein Paar sitzt doch wahrhaftig da und kopuliert (sie rück- und rittlings oben).

Bei soviel rein ästhetisch motiviertem Exhibitionismus wird einem doch mulmig zumute. Hätten diese Menschen, als sie einst den Körperspendeausweis unterschrieben, sich das vorstellen können? Manche stehen sogar frei zugänglich im Raum, man kann ihnen obszön nahekommen, sie anfassen, und es gab Besucher, die entblödeten sich nicht, das auch zu tun.

Mehrfach wird man während des Rundgangs aufgefordert, sich selbst completement zu spenden, damit man später ebenfalls plastiniert, auseinandergenommen, ausgestellt und von Besuchern aus aller Welt begafft und betatscht werden kann.

Mir aber wäre dabei höchst unbehaglich zumute. Hauptsächlich wegen eines imaginierten Dialogs, den meine dunkle Fantasie einfach nicht mehr los wird. Er geht ungefähr so:

von Hagens: Hey, Quasimodo, wir brauchen für die nächste Ausstellung noch einen schlanken und doch muskulösen Mitteleuropäer in den besten Jahren. Ist da jemand in unserer Körperspenderdatei?
Quasimodo: Ja, Boss. Lebt (leider noch) in Hamburg, mitten auf dem Kiez.
von Hagens: Fantastisch, Quasimodo! Sagst du bitte German Psycho Bescheid, wir bräuchten das Exponat in spätestens drei Wochen?
Quasimodo: Klar, Boss. Aber ich würde auch gern selber mal wieder …
von Hagens: Na gut, ausnahmsweise. Aber mach nicht wieder so ne Sauerei wie beim letzten Mal. Da war ja nix mehr von zu gebrauchen.
Quasimodo: Sicher, Boss, ich pass schon auf. Hehehe.

Na ja, und deshalb habe ich mich am Ende doch gegen eine Körperspende entschieden.

Nach soviel morbidem Blogstoff ist ein erheiternder Abschluss Pflicht. Und was wäre besser geeignet, die Stimmung aufzuhellen, als der oben dokumentierte Tippfehler?

Die asiatische Lebensmitte gegen das Kabinett des (Unbe)Hagens: Da geht man doch ganz anders ins Wochenende.

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Kommentare:

  1. ich dachte, der hagen macht jetz in tieren? ich guck zu viel stern-tv, ich merk schon...

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  2. Immerhin: Es gab auch eine Giraffe. Und ein Rinderherz.

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  3. Lange nicht mehr hier gewesen. Aber so lange German Psycho noch herhalten muss für die Späße ist alles beim Alten. Gruß aus Hannover.

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  4. "Glassarkophagen". Klingt fast wie Dänemark.

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  5. Waren Sie im Exil, Dein_Koenig?

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  6. Danny Wilde10:35

    Die Ausstellung habe ich vor Jahren mal in Köln besucht. Sehr interessant, allerdings rein aus anatomischem Interesse. Den "künstlerischen" Aspekt hätte es für mich nicht gebraucht bzw. war zum Teil sogar störend.

    Nachdem allerdings einige Medien - und zwar mit recht schlüssiger Argumenation - die Frage aufwarfen, ob die Exponate nicht zum Teil chinesische Hinrichtunsgopfer seien und daraufhin von von Hagens mundtot gemacht wurden, ohne dass er den Gegenbeweis erbracht hätte, halte ich von dieser Veranstaltung lieber Abstand.

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  7. Danny, ich habe in der Tat während der Ausstellung nach asiatischen Spuren in den Gesichtern gesucht, doch entweder gab es keine, oder GvH hat sie gut wegmodelliert.

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