03 August 2009

Immer weiterlächeln



Dieses „Smile“, Wolfsburgs Zufallsantwort auf Ursula von der Leyens Netzsperrenstoppschild, ist vielleicht nicht kritisch, sicher nicht ironisch, doch auf jeden Fall eins: tapfer.

Und es hat auf den ersten Blick keinen Autobezug, im Gegensatz zum mahnenden „Wer lenkt Sie eigentlich?“ – zu finden ebenfalls am Rande der sogenannten Autostadt, dieser Stadt in der Stadt, die ein gewaltiger Altar ist für den Verbrennungsmotor.

Nirgendwo anders in Deutschland dürfte man Schilder mit Werbesprüchen, die aufs Verwechselbarste offiziellen Verkehrsschildern nachempfunden sind, auf öffentlichem Grund installieren. Doch VW darf das, weil die Kommune nur der verlängerte Arm des Autobauers ist.

Denn die oft unterschätzte adrette Schönheit dieser Stadt, die patinalose, nie ganz das Sterile abstreifende Makellosigkeit ihrer Seen, Gärten und modernen Architektur, mit der sie ihre Geschichtslosigkeit und ihren schlimmen Geburtsfehler vergessen machen will: All das hängt am Tropf von VW, und ginge VW unter, die ganze Stadt ginge unter. So wie Detroit.

Der Untergang aber ist tabu in der Autostadt. Hier feiert VW noch immer ungebrochen die Ästhetik und die Verheißung des Autokaufs. Die Autostadt – mit der man jene von VW errichtete genauso bezeichnen kann wie ganz Wolfsburg – zelebriert mit aller Kraft und Kreativität den Erwerb von kunstvoll veschmolzenem Blech und Plastik. Sie verwandelt die Profanität des Warenkaufs in einen sakralen Akt.

Und die Zwillingstürme, in denen all diese Autos, die bald keiner mehr haben will, abholbereit herumstehen, glänzen riesig und gläsern in der Sonne wie Kathedralen.

Man sieht von draußen durch die Scheiben die winzigen Scheinwerfer der wartenden Wagen, wie sie hoffnungsfroh hinausschauen in die Ferne – den Käufern entgegen, die das alles hier am Leben erhalten (sollen).

Es hat fast etwas Rührendes, wie die Autostadt, dieses komplett auf die Erotik des Kaufaktes abgestimmte Ensemble aus Gebäuden und Interieuer, ihren drohenden Untergang ausblendet. Und dafür hat Wolfsburg, die Stadt des durchästhetisierten öffentlichen Raumes, das perfekte Symbol gefunden.

Es ist ein tapferes weißes „Smile“ auf rotem Grund, ein Oktagon des Ausblendens.



Kommentare:

  1. "[...] ihren drohenden Untergang ausblendet." Aha.
    Und das schließt du woraus?

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  2. Joshuatree01:53

    Alphonsisch, mit Wolfsburger Akzent. Rational kaum mehr nachvollziehbar, aber stimmig und fast fehlerlos geschrieben ;-)

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  3. Sonnenuntergangsromantik.

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  4. Der Teil "Autostadt" in WOB ist nicht öffentlich. Deswegen kann VW auch Schilder jedlicher Coleur aufhängen.

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  5. Die Schilder habe ich auf dem Weg dorthin entdeckt, nicht innerhalb der (kostenpflichtigen) Autostadt.

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  6. Nihilistin08:11

    Aber dafür hat Wolfsburg mit Abstand den saubersten Bahnhofstunnel (Unterführung zu den Gleisen), den ich je erlebt habe.
    Oder waren Sie, wie es sich für eine Autostadtvisite gehört, mit dem Auto dort, Herr Matt? Schade, dann ist Ihnen das Erlebnis entgangen, eine Gleisunterführung zu betreten, ohne auf Mundatmung umzustellen.

    Aber unabhängig davon gebe ich Ihnen in sofern recht, dass W. die nichtstädtischste Stadt ist, die ich kenne.

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  7. puh in was für einer stimmung ist denn der text entstanden!? was über die stadt geschrieben steht ist allzu wahr - man muss sich mal die gestylten tollen hengste und schnitten da ansehen. was den drohenden untergang angeht, dass kannste vergessen solange da dieser piech was zu sagen hat.

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