26 August 2009

Gesetz ist Gesetz, aber nur hier

Auf St. Pauli gelten Sondergesetze, die es sonst nirgendwo in Deutschland gibt. Der Stadtteilkern um die Reeperbahn, wo wir wohnen, heißt „Gefahrenbereich St. Pauli“; hier herrscht juristischer Ausnahmezustand, und zwar dauerhaft.

Wenn ich zum Beispiel samstagsabends eine Tüte Altglas wegbringe, mache ich mich augenblicklich bußgeldfähig. Denn Flaschen sind am Wochenende zwischen 22 und 6 Uhr laut Glasgetränkebehältnisverbotsgesetz rund um die Reeperbahn verboten. Dass ich sie nur in den Container statt jemanden an den Kopf zu werfen gedenke, ist aus Polizeisicht nur partiell interessant.

Selbst das nicht zustellbare Marmeladenglas von Muttern, welches ich am Schalter der Postfiliale ausgehändigt bekomme, darf ich legal nicht mit nach Hause nehmen, wenn es versehentlich bis 22 Uhr in der Tasche verblieben ist, denn damit wäre ein Betreten der Straße verbunden, und das ist in Begleitung von Mutterns Marmelade wochenends nun mal verboten.

Frauen mit Parfümflakon nachts auf dem Kiez? Haha, träumt weiter!

Ähnliche kiezexklusive Regeln gelten für alles, was als Waffe missbrauchbar ist, zum Beispiel Panzerfäuste, Anthrax oder Napalm, aber auch Baseballschläger. Ein braver Handwerker, der mit Schweizermesser hurtig gen Kunden eilt, ist sofort dran, wenn er der Polizei in die aufnahmebereiten Arme läuft. Denn was ist ein Schweizermesser? Korrekt.

Wie laut Waffenverbotsgesetz Gegenstände aus der Grauzone à la Schraubenzieher, Hämmer, Bohrer, Zangen oder Zahnbürsten zu behandeln sind, vermag ich nicht genau zu sagen, doch wenn man mich fragte, riete ich vorsichtshalber von ihrer Mitführung ab.

Ebenso hat man sich nur auf St. Pauli verdachtsunabhängigen Taschenkontrollen zu stellen, wie Ms. Columbo zu wissen glaubt. Überall anderswo musst du dich lediglich ausweisen, hier aber auch den polizeilichen Blick auf deinen Kondombestand im Seitenfach gestatten.

Ein weiteres Sondergesetz gilt unter Missachtung der grundgesetzlich garantierten Gleichberechtigung ausschließlich für – oder besser gesagt: gegen – Frauen. Sie dürfen nämlich die Herbertstraße nicht betreten.

Allerdings scheint es sich dabei eher um privates Hausrecht zu handeln; ich habe jedenfalls noch nie einen Polizisten gesehen, der die Huren in der Herbertstraße vor weiblichem Besuch zu bewahren versucht. Das regeln die schon selber.

Doch ich will nicht schwarzmalen; es gibt nicht nur Sondergesetze, die St. Pauli Guantanamo Bay näherbringen. Zum Beispiel kennen wir so etwas wie eine Sperrstunde nur vom Hörensagen oder von Besuchen in München.

Wer auf dem Kiez Wirt wird, wird als Wirt wirken bis zum Abwinken oder er vom Barhocker fällt – und selbst dann muss er seine Bar noch lange nicht zumachen. Auch der Einzelhandel ist hier erfreulich dereguliert, zum ständigen Verdruss der Sauertöpfe in Kirchen und Gewerkschaften.

Das Schlimmste, was man hier also tun kann, ist Samstagnacht mit einem Rucksack voller Flaschen, Waffen und Marmeladengläser durch die Herbertstraße zu stapfen – als Frau.

Wahrscheinlich explodiert dann die Welt oder so was.


Kommentare:

  1. Anonym04:11

    Schlimmer geht immer. Man schaue sich zum Bleistift die Selbstdarstellung von Konstanz an:

    http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/abgefischt/chemie/2009-08-24/konstanz-die-stadt-am...-formaldehyd

    (und vor allem die Kommentare dazu ... hihi)

    Gruß Paddy

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  2. Marc08:52

    Soweit ich weiss, gilt das Glasgetränkebehältnissverbotsgesetz nur in der Zeit zwischen 22 und 6 Uhr, Samstagsmittags eine Tüte Altglas wegzubringen macht Sie also bislang noch nicht bußgeldfähig. Oder übersehe ich da etwas?

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  3. Marc, Sie haben Recht; ich habe den Text etwas angepasst …

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  4. Nils die Maus09:26

    Vor zwei Wochen auf dem Kiez wurde ich Zeuge einer Schlägerei und vermutlich auch Messerstecherei, weil zum Schluss Blut floss. Als die drei Täter abgehauen sind, haben sie noch 2-3 Flaschen/Gläser in Richtung ihres Opfers geschmissen, die aber nicht am selbigen, sondern an der Front des Edekamarktes zerklirrten. Ich frage mich heute noch, wo die die Flaschen her hatten ...

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  5. sven10:40

    "Ebenso hat man sich nur auf St. Pauli verdachtsunabhängigen Taschenkontrollen zu stellen, wie Ms. Columbo zu wissen glaubt. Überall anderswo musst du dich lediglich ausweisen, hier aber auch den polizeilichen Blick auf deinen Kondombestand im Seitenfach gestatten."

    Ach, in München gibts sowas auch. Wer aussieht wie ein nicht-CSU-wählender Mann um die 20 kann man das wohl wöchtentlich erleben in bestimmten Gegenden.

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  6. Nils die Maus11:23

    Also in Stuttgart, wo ich die letzten Tage verweilt habe, ist mir derartiges nicht passiert. Im Gegenteil, die Ordnungshüter waren allesamt superfreundlich. Augenscheinlich hat Oettinger Stuttgart noch nicht ganz im Griff ;)
    Und ich frage mich nach wie vor, ob dort Muslime auch mit "Grüß Gott" begrüßt werden ...

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  7. Nihilistin11:47

    Ich empfehle Berlin. Sperrstunde hamwa nich, Glas hat hier jeder und immer in der Hand (entweder in Form eines halbleeren Becks oder eines Plastikbeutels mit aus den Papierkörben gefischten Altflaschen), Messer sollte man immer offen am Gürtel tragen, sonst isses uncool (lediglich der Wachmann vor dem 24-Stunden-Kaisers könnte was dagegen haben), die Drogenszene am Kottbusser Tor kriegt man gratis dazu, und in der U1 ("Fahr mal wieder U-Bahn...") ist es eher ungewöhnlich, wenn man NICHT ungewaschen, volltrunken, als Strassengang auftretend oder mit sich selbst wirr sprechend auftritt.

    Aber die frauenverbotene Herbertstrasse fuchst mich schon seit Jahren, das geb ich zu. Hatte aber noch nie den Mut, es einfach mal auszuprobieren. Ob mit oder ohne Marmeladenglas. Vermutlich geschieht entsetzlicherweise gar nix.

    @Nils die Maus: Ja, diese immerwährende Stuttgarter Freundlichkeit ist schon irritierend, gell? Für eine Berlinerin ist es jedenfalls sehr viel fremder als ein Besuch auf dem Mars. Ich wollte mich manchmal schon empören: Wie kommt diese blöde Verkäuferin dazu, mich beim Betreten eines Ladens einfach freundlich zu grüßen? Unglaublich.....

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  8. Ähem. Altglas sollte man aber zwischen 22 und 6 Uhr ohnehin nicht wegschmeißen, aus Gründen der Ruhestörung (was natürlich von der kieztypischen Geräuschlulisse gleich wieder ad absurdum geführt wird, klar).
    @ Nihilistin: Probieren Sie es aus, gehen Sie durch die Herbertstraße. Es wird etwas passieren, da bin ich mir sicher, wenn auch nichts Schlimmes. Mit einer Dusche lassen sich Folgeschäden problemlos verhindern.

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  9. Man sollte es ausprobieren. Vielleicht explodiert die Welt dann ja wirklich und da könnte man gern die Verantwortung für übernehmen, oder?
    Ich würds tun...

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  10. Nihilistin13:15

    @Zahnwart: Ich vermute, Sie spielen auf die althergebrachte Vermutung an, dass (Fremd)Frauen beim Betreten der Herbertstrasse aus den oberen Stockwerken mit Nachttopf-Inhalt übergossen werden könnten.
    Ich gehe davon aus, dass diese Annahme auf Geschehnissen basiert, die bereits mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Denn: Hand aufs Herz - wo findet man heute noch Nachttöpfe mit Inhalt? Da es keine Altenheime in der Herbertstrasse gibt, vermute ich diese Behältnisse dort eher nicht. Den Inhalt schon, aber der verschwindet auf modernen Wegen.

    Vielleicht gibt es ja inzwischen ein Nachttopf-Surrogat? TÜV-geprüft und gesundheitlich unbedenklich? Extra produziert für die Herbertstrasse? Hm.....Spannender Gedanke.
    Aber auch Nihilistinnen können feige sein. Ich glaub ich verzichte bei meinem nächsten Hamburg-Besucht auf das Experiment.

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  11. Lucky Luciano16:34

    "Ein braver Handwerker, der mit Schweizermesser hurtig gen Kunden eilt,..."

    Ein Handwerker... mit Schweizer Messer?... am Samstag zum Kunden??... Am Wochenende??? Höhöhö..hahahaha... In St. Pauli nicht und wahrscheinlich im ganzen Rest unseres Landes (zumindest offiziell) auch nicht.

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  12. Herr Luciano, Sie haben eindeutig meinen Beitrag über die Vögel nicht gelesen, sonst würden Sie nicht so daherreden.

    Frau Nihilistin, sollten Sie jemals das Experiment wagen, würde ich mich über eine Berichterstattung in Kommentarform freuen.

    Dein_Koenig, Sie haben natürlich leicht reden, als Mann.

    Herr Zahnwart, an der Budapester Straße wäre eine mitternächtliche Altglasentsorgung mit Sicherheit das Letzte, was Aufsehen erregen würde.

    Sven, aus Sicht der CSU sind diese Maßnahmen natürlich vollauf berechtigt, aber sind sie auch rechtens? Wäre interessant, ob das ohne gesetzliche Grundlage gerichtsfest ist.

    Nils_die_Maus, Sie erleben aber auch Sachen, die uns nie zustoßen. Okay: So gut wie nie.

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  13. In die Herbertstraße hab ich mich auch noch nie getraut. Da dort aber wohl heftigere Wasserattacken erwartet werden dürfen, würde ich diese Art von Selbstversuch nur in lauen Sommernächten wagen.
    Für die flexibleren Öffnungszeiten mußt Du halt mit nur bedingter Nutzungsmöglichkeit von Altglascontainern leben... man kann eben nicht alles haben :-)

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  14. Anonym15:52

    Sperrstunde in München gibt es tatsächlich nur noch vom Hörensagen,
    die Abschaffung stand - meine ich zu erinnern - irgendwie im Zusammenhang mit meinem Umzug von HH nach MUC im Jahr 2000. Das Münchner Exil bietet zwar keinen Kiez, aber durchaus eine Reihe interessanter open end Klubs und Cafes. Matt, wird also dringend Zeit für einen Besuch, finde ich :-)

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  15. Anonym16:41

    die bayrische polizei darf verdachtsunabhängige taschenkontrollen durchführen. und tut das auch. vorallem bei nicht csu wählern.

    - con

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  16. Anonym16:49

    Ich hab im Mai noch mit nem Astra (gerade frisch im Alt Hamburg erworben) draußen auf der Straße Polizisten umarmt. Die haben sich zwar beschwert aber nicht wegen der Flasche...

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  17. Am besten beantragst du eine Sondergenehmigung bei der zuständigen Stelle, ich glaube es war die Abteilung "zentrale Waffenangelegenheiten" bei der Innenbehörde, steht auch in dem Schreiben dass man als Anwohner von der Polizei bekommen hat... Völlig bekloppt man braucht nen Waffenschein für ne Glasflasche. Es gibt noch etliche weitere Gegenstände die sich als Waffe nutzen lassen, meiner Ansicht nach sollte man die gesamte Verbotszone komplett mit Gummi auskleiden und den Zutritt nur noch in Zwangsjacke gestatten. Sicherheit um jeden Preis!

    Das mit der Herbertstraße ist meines Erachtens auch eher eine Empfehlung als ein Gesetz ;)

    Ich bin inzwischen weggezogen, allerdings vor allem weil ich keine neue Wohnung gefunden habe. Ich muss allerdings sagen dass ich bisher auch nicht wirklich gesehen hätte dass das Verbot konsequent verfolgt würde. Wird denke ich so sein wie beim Rauchverbot.

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  18. Anonym19:45

    Sie könnnen ja mal die weiblichen Prostituierten aus der Herbertstraße werfen, sind ja schlielich auch Frauen.

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  19. Anonym22:35

    1996 waren wir zu 6 in St. Pauli. 4 Jungs, 2 Mädchen, alle so um die 20.
    Wir konnten ohne Probleme u.a. durch die Herbertstr. laufen, und die 2 Mädels wurden sogar von einem Türsteher angesprochen, ob sie nicht dort anfangen wollten (und sie waren nicht nuttig angezogen oder heftig geschminkt!).
    Es scheint mir, in den letzten 13 Jahren hat sich einiges geändert...

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  20. München? Sperrstunde? Ist doch schon seit 1999 abgeschafft! Das kommt davon, wenn man hinterm Mond (oder ner Tanzbar) lebt - da bekommt man solche wichtigen Änderungen gar nicht mit .. ;->

    .. gebracht hats Minga aber trotzdem nix: Viele Kneipen und Szeneläden haben in den letzten 5 Jahren dicht gemacht - weggehen in München lohnt sich höchstens noch für die Schikimicki-Front.

    cu, w0lf.

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  21. @sven: Da brauchst du nur am Hauptbahnhof rumspazieren und ein bisserl mehr nicht den Konformitäten - entweder Rentner, Anzugtyp oder Tourist - entsprechen, um von den Polizisten-in-Ausbildung belästigt zu werden.

    Oder ums anders auszudrücken: In Minga verdienen sie sich ihre Sternchen.

    Also einfach mal "standardkonform" anziehen, auf ne Bank hocken und am Tag mindestens 100 Polizeikontrollen inkl. in anderer Leute Taschen rumwühlen beobachten ;)

    cu, w0lf.

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  22. Dirk10:44

    Am Hamburger Berg gibt es jetzt einen schönen Aushang: "Früher konnten wir auf Grabscher, Diebe, Dealer aufpassen, seit dem Flaschenverbot geht das nicht mehr, wir müssen uns darauf konzentrieren. Aber dafür haben wir jetzt Sicherheit. Danke."
    Bezeichnend.

    An einen Beitrag oben: Im Mai ging Astra in Flaschen noch, das Verbot gilt erst seit Juli.

    Im wesentlichen finde ich es auch ok. Der vorherige, freiwillige Versuch ist ja gescheitert, man sieht/sah aber doch auch wirklich oft genug irgendwelche besoffenen in Blutlachen liegen. Keine Ahnung ob es wirklich wirkt, aber ein Versuch ist es wert. Bin nur gespannt wann Penny den Wodka in Tetrapacks verkauft. Zwischen 22 und 23 Uhr müssen die ja die ganzen Flaschen rauskarren und denen entgeht schon Umsatz.

    Zur Umsetzung durch die Polizei. An den ersten Wochenenden haben die schon heftig kontrolliert und standen ja fast an jeder Ecke in Gruppen rum.

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  23. Dirk:

    An den ersten Wochenenden, ja. Ich treibe mich mehr aufm Albers Platz und Umgebung rum, da ist ab und an mal ein Polizeibus aber auch das ist in letzter Zeit weg. Ich frage mich auch wie man mit der gleichen Zahl an Polizisten immer mehr Verbote durchsetzen will, zumal die meistens schon viel zu viele Überstunden schieben...

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  24. aehm - Mattmuss glaub' ich nochmal korrigieren, denn das Verbot gilt von Fr abend bis Mo. frueh *durchgehend*...

    klugsche*ssende Gruesse,

    gb.

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  25. Johnny20:59

    Zur Herbertstrasse:
    hier gibt es kein Gesetz, das einer Frau das Betreten verbietet.

    Und die Erfahrung des einen Herren weiter oben der mit 2 weiblichen Begleitungen dort durchlief, ist eher ein glücklicher Zufall gewesen.

    Denn frau tut es einfach nicht, wird hier normalerweise beschimpft, bespuckt, mit Abfall und Dreck beworfen.

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  26. Anonym13:21

    zum thema herbertstraße ... ich war jetzt die woche auf der reeperbahn und ich konnte und wollte nicht einsehen, warum ich nicht alles auf und um den kiez sehen durfte, nur weil ich weiblichen geschlechts bin. Nachdem ich mir etwas mut angetrunken hatte und ein freund meinte, dass ich nichts zu befürchten hätte, weil frauen hinter schaufenstern auf stöckelschuhen mir nicht schnell genug hinterherstaksen könnten, wollte ich es tatsächlich wagen (obwohl auch ich die geschichten mit dem nachtopf gehört hatte und eine nute vom straßenstrich dazu nur meinte das könnte böse enden ... )
    fazit: ich bin weder nass geworden, noch mit schuhen od müll beworfen worden und die welt is bisher auch noch nicht untergegangen - zumindest nicht im klassischem sinne.
    nochmal tun würde ich es allerding nicht, weil ich mich nicht daran erinnern kann, wann ich das letzte mal soviel schiss hatte, wie an diesem abend. und wer weiß ... vllt hatte ich auch nur unverschämtes glück, weil ich derzeit eine kurzhaarfrisur trage, schmuck abgenommen hatte und in begleitung zweier jungs gewesen bin ..., lg britta

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