04 Januar 2007

Zu spät im Büro

Immer, wenn die S- oder U-Bahn auf freier Strecke langsamer wird und schließlich stehenbleibt, weiß der geübte HVV-Benutzer Bescheid.

Erst einmal wird gar nichts passieren. Still und stumm sitzen wir herum und denken uns unseren Teil. Irgendwann knackt es im Lautsprecher, und eine sachliche Stimme erzählt etwas von einer „technischen Störung“.

Manchmal, wie heute morgen, sagt sie auch etwas, was der Wahrheit näher kommt. Wir stehen also hier auf freier Strecke zwischen Königstraße und Altona wegen eines „Rettungswageneinsatzes“.

Nach zehn Minuten ruckt die Bahn wieder an. Wir fahren im Bahnhof ein. Wir steigen aus, wir wuseln durcheinander. Auf der Rolltreppe – „Entschuldigung, darf ich mal durch?“ – drängeln wir uns aneinander vorbei, gehen zum Kiosk, durch die Halle.

Alles ist wie immer, die Wände, der Boden, die Luft. Der Crobag-Mann reicht seine Croissants über den Tresen, jemand holt sich eine Abokarte am Automaten, er flucht über die Münze, die ihm aus der Hand rutscht und hell keckernd über die Kacheln tanzt.

Wir gehen hoch ins Freie, träge treibt der Westwind atlantische Wolken über die Stadt – und nichts, überhaupt nichts erinnert mehr an diese sekundenlange Explosion der Verzweiflung, die vor wenigen Minuten einen Menschen dazu trieb, sich vor einen Zug zu werfen.


Kommentare:

  1. schau,
    und Du schreibst auch :
    Zu spät ins Büro..und nicht :"Was könnte ihn dazu getrieben haben..."

    AntwortenLöschen
  2. Gut beobachtet. Ich habe sogar die ganze Zeit von „wir“ geschrieben …

    AntwortenLöschen
  3. Wurde darüber in der HH-Lokalpresse berichtet? Die Mopo wirft online nichts raus. Statistiken gibt es auch nicht. Aber wohl ein Tabu.

    AntwortenLöschen
  4. Es gibt eine gewisse Selbstverpflichtung der Lokalpresse , die Berichterstattung über solche Fälle klein zu halten, um keine Nachahmer auf den Plan zu rufen. Ich habe heute in der Printausgabe auch nichts entdecken können.

    AntwortenLöschen
  5. Ich habe Ende der 80er etwas länger in London gelebt. Da war das Tagesgeschäft. Na ja, bei mehr Einwohnern als in Hamburg ist die Wahrscheinlichkeit auch größer, dass es öfters passiert.

    Übrigens, Mario Mettbach (ehemals Bausenator in Hamburg) soll gestern einen Selbstmordversuch verübt haben. Ob es da einen Zusammenhang gibt?

    AntwortenLöschen
  6. @Matt, diese Selbstbeschränkung ist mir wohl bekannt, obwohl sie Prominenten und Suizidversuchen von Prominenten nie arbeitete, wie Stefan auch schrieb ...

    Wie gesagt, die Statistiken werden auch verschwiegen. Ich finde das alles sehr seltsam.

    AntwortenLöschen
  7. Was, nur 10 Minuten? Hier dauert das länger, wenn ... es einen sog. 'Personenschaden' gibt. Und außerdem "bitten sie immer um unser Verständnis" - wenn, ja wenn sie denn überhaupt eine Lautsprecherdurchsage machen. Oft jedoch bleibt der S-Bahn-Kunde bei Verspätungen un-informiert.

    AntwortenLöschen