30 Januar 2007

Guido wollte auch mal was sagen

Heute stellt sich doch wahrhaftig FDP-Chef Guido Westerwelle vors Mikro und behauptet, die Einführung eines Mindestlohns gefährde Arbeitsplätze. Ach ja? Mit diesem Argument, Westerwelle, ließe sich auch die Beibehaltung der Sklaverei rechtfertigen.

Denn führte nicht die Einführung eines Mindestlohnes für Sklaven dazu, dass sich die Sklavenhalter leider, leider von den bisher kostenlosen Zwangsarbeitern trennen müssten?

Dem Topverdiener Westerwelle ist die Gewinnspanne der Unternehmen im Zweifelsfall aber wichtiger als ein menschenwürdiges Leben. Deshalb sollen sich nach Guidos Gusto viele Menschen weiter für zwei Euro fünfzig pro Stunde als Halbsklaven verdingen müssen.

Nun, wer das okay findet, der mag ihn das nächste Mal wählen. Hier auf St. Pauli, so viel ist sicher, wird er damit nicht punkten. Viele hier wissen nicht einmal, wie man „Lohn“ buchstabiert.

Zum Beispiel diese orangehaarige Punkerin bei Penny. Im Eingangsbereich streitet sie mit einem Sicherheitsmann. Sie soll gehen, aber sie will nicht gehen. Gut, dann Polizei, sagt der Sicherheitsmann. Dann eben Polizei, sagt die Punkerin und zieht freudlos an der Kippe.

Als die Streife kommt, erklärt sie, sie habe noch nie hier geklaut oder sonstwie Ärger gemacht. „Nur weil ich einen Iro hab, habe ich Hausverbot. Das können die doch nicht machen. Ich will hier einkaufen wie jeder andere auch.“

Aber Hausrecht ist Hausrecht, die Kriterien sind frei definierbar, und eins davon kann eben auch ein Irokesenschnitt sein, sorry. Hätte die Punkerin einen menschenwürdig bezahlten Job, könnte sie sich den Sparmarkt in der Paul-Roosen-Straße leisten. Dort wird man auch nicht wegen seines Aussehens als Kunde abgelehnt.

Selbst Westerwelle würde dort bedient.
Denke ich mal.

Kommentare:

  1. Freiheit, lieber Matt, ist verdammt wichtig und ich habe den Eindruck, Du hast den Freiheitsbegriff noch nicht recht verstanden: Deshalb hier eine Einführung:
    Freiheit heißt vor allem Konformismus und Monotonie. Darum haben die Liberalen auch ihre politischen Konzepte und Gedanken durch das kollektive Summen eines tautologisches Mantras ausgetauscht: Arbeit um der Arbeit willen! Weil: Arbeit und frei gehören ja zusammen irgendwie. Das war doch schon immer so ...

    Und alle Anderen, vor allem die, die noch mehr anders sind als die Anderen, die sollen sich gefälligst mal waschen und rasieren, dann klappt das auch wieder mit der Arbeit und im Supermarkt oder gar der Arbeit im Supermarkt. Mit oder ohne Geld. Was ja bekanntlich alles frei macht. Irgendwie.

    AntwortenLöschen
  2. Der Griff in die Mottenkiste, genannt Gefährdung von Arbeitsplätzen, wird leider bei allem, was den Status Quo gegfärdet, angewandt. Mit dem Arbeitsplatzabbau wird auch die CO2 Belastung durch Porsche (297g CO2 pro Kilometer) gerechtfertigt. Offensichtlich braucht es standhafte, von deutschen Lobbyisten befreite EU-Kommisare, die den Mut haben, die CO2 Belestung auf 120 zu drücken, was wahrscheinlich immer noch zu viel ist. Aber es wäre ein Anfang.

    AntwortenLöschen
  3. MSPro:
    In der Tat scheint der Freiheitsbegriff keinerlei Wichtigkeit mehr zu besitzen. Wir haben uns so daran gewöhnt, in Freiheit zu leben, daß alle anderen Werte scheinbar wichtiger sind. All die, die wir nicht zu haben glauben.

    „Freiheit ist Konformismus“ ist so ziemlich - entschuldigung - das Unsinnigste, was ich jemals gelesen habe.

    Eine nette Idee, diese beiden Begriffe gleichzusetzen, um dann die Nazikeule auszupacken. Dennoch ist Freiheit genau das, was dem Ideal der Nationalsozialisten am krassesten entgegensteht. Hohe Arbeitslosigkeit jedenfalls ist keine Garantie für Freiheit. „Arbeit macht frei“ ist daher auch ein Satz, der von den Nazis in zynischer Weise gebraucht wurde; nicht der Satz an sich war zynisch, es war der Gegensatz zu dem, was in Wirklichkeit passierte.

    Freiheit ist natürlich auch ein Gegensatz zu sozialer Gerechtigkeit; hier gilt es eben stets abzuwägen, welcher Grundsatz im konkreten Fall wichtiger ist.

    Ob nun der Mindestlohn arbeitsplatzvernichtend ist oder nicht, ist eine andere Diskussion.

    AntwortenLöschen
  4. Leider ist der Liberalismus mit diesen Figuren zu einem reinen Wirtschaftsliberalismus verkommen. Das ist doch nicht neu.

    Manchmal bekomme ich richtig Sehnsucht nach Liberalen wie Hamm-B., Scheel, Genscher und - jawoll - dem vorbestraften Lambsdoff.

    AntwortenLöschen
  5. mspro, ich denke, GP ist der Sarkasmus in deinem Statement nicht zur Gänze deutlich geworden. Normalerweise hat er damit keine Probleme, das kann ich versichern.

    GP, mir geht es in der Tat überhaupt nicht um die makroökonomische Diskussion, ob solch eine Maßnahme nun Arbeit schafft oder nicht. Sondern nur darum, dass sich hier einer kaltschnäuzig hinstellt und es völlig okay findet, wenn Leute für 20 Euro am Tag (!) malochen. Da geht mir der Iro hoch.

    Opa, immerhin gibt es ja noch Herrn Baum. Übrigens hätten Sie beinah „Lambsdoof“ geschrieben, geben Sie’s zu … ;-)

    AntwortenLöschen
  6. Über einen humpelnden Leidensgenossen würde ich mich nie verlustieren ;-)

    AntwortenLöschen
  7. Matt, doch, ist es. Aber das bedeutet ja nicht, daß es automatisch richtig oder schlau ist, was man sagt. Sarkasmus allein garantiert jedenfalls keine Zustimmung.

    Mir persönlich geht letztlich immer der nicht vorhandene Iro hoch, wenn ich Politiker über Arbeitslosigkeit reden höre. Das geht mir ganz extrem bei Salonbolschewisten wie Lafontaine so, aber in gewissen Maßen auch bei Herrn Westerwelle. Dennoch halte ich seine Grundaussage, daß ein Mindestlohn (in Deutschland und bei ansonsten gleichbleibender Gesetzeslage) ein Risiko darstellt.

    Sie dürfen diese Meinung gerne in Frage stellen, deswegen sind wir ja hier in einem freien Land.

    Aber die Idee, gleich Herrn Westerwelle mit KZs gleichzusetzen, und sei es "nur" aus Sarkasmus, muß kommentiert werden dürfen. Auch unsarkastisch.

    AntwortenLöschen
  8. @GP.
    Irgendwie war die zur Zeit so augenfällige Beziehung zwischen "Liberal" und "Arbeit" eine viel zu gute Vorlage, als dass ich sie so einfach hätte liegen lassen können. Aber natürlich ist der Vergleich inhaltlich unangemessen. Da gebe ich Ihnen Recht.

    AntwortenLöschen
  9. Dennoch halte ich seine Grundaussage, daß ein Mindestlohn (in Deutschland und bei ansonsten gleichbleibender Gesetzeslage) ein Risiko darstellt.

    ???

    Das ist ein zynischer Standpunkt. Der gefällt mir.

    AntwortenLöschen
  10. Joshuatree23:05

    @Opa 15.44: Du meintest sicher Dahrendorf, oder? ;-)

    @GP: Durch das Wort "dennoch" gehe ich davon aus, dass Sie einen Mindestlohn für subversiv halten und damit den Thesen des Herrn Westerwelle und auch anderen sog. Politikern zustimmen. Ich muss natürlich zustimmen: Ich fuhr vorgestern mit einem Taxifahrer, der messebedingt seit vielen Stunden unterwegs war (sein musste). Ein Architekt mit Familie. So hatte ich neben der reinen Fahrt auch sehr interessante Gespräche auf vielen Gebieten - welch ein kongenialer Mehrwert!

    @Opa 20.16: Ja ;-)

    AntwortenLöschen