20 August 2006

Kant und die Folgen

Der Kategorische Imperativ lautet bekanntlich: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Wendet man Immanuel Kants verflixte Forderung aufs persönliche Konsumverhalten an, stellt sich mir sofort folgende Frage: Welche Branchen wären pleite, wenn sich alle so verhielten wie ich – und welche gingen durch die Decke?

Nun, zunächst einmal raffte es sämtliche Fastfoodketten dahin. Ich esse keine Hamburger, und wenn das nun mal keiner täte, könnten Burger King und McDonald's einpacken, aber in nullkommanichts. Blöd für die Gesamtsituation wäre natürlich das durch meine Autoabstinenz verursachte Zusammenbrechen des Individualverkehrs. Aber vielleicht könnte die Branche das kompensieren – durch den Mehrbedarf an Bussen und Taxen.

Was ebenfalls augenblicks Geschichte wäre: alle Branchen, die an der Herstellung von Limonaden mittun. Ob Coca oder Pepsi, Fanta oder Ahoj-Brause mit Himbeergeschmack: pleite, allesamt. Den kompletten Kollaps gewärtigen müssten auch Schmuck- und Tabakbranche, das Bezahlfernsehen und natürlich Microsoft.

Jetzt zur Sonnenseite dieser Überlegungen. Geradezu explodieren durch mein verallgemeinertes Konsumverhalten würde der Markt für Zwischenraumzahnbürsten, und auch dem deutschen Winzertum stünden die glorreichsten Zeiten seiner Geschichte bevor; es müsste allerdings seine Anbauflächen komplett auf Riesling umstellen.


Restaurants fast jeder Couleur (außer den griechischen und „jugoslawischen” natürlich) wären auf beängstigende Weise überlaufen, und in Frankreich bräche wegen der ungeheuren Mengen auszuliefernder Rohmilchkäsemengen ein unsagbarer Jubel aus, wohingegen die weltweite Atombombenproduktion sofort dichtmachen könnte, denn dafür ist hier in der Seilerstraße noch nie der kleinste Bedarf angefallen.

Und für den dank Kant aufkommenden Megabedarf an hocharomatischen Ökostrauchtomaten müsste man leider sämtliche Anbauflächen für Hanf, Tee und Runkelrüben heranziehen – sie würden ja nicht mehr gebraucht, und irgendwoher müssen die Billionen Tomaten ja kommen, nicht wahr?

Das alles geschähe, wenn sich die Menschheit unisono einigen meiner wichtigsten Konsumgewohnheiten anschlösse. Die Welt wäre eine andere. Aber ganz sympathisch, wie ich finde.

Eigentlich könnte man aus diesem Beitrag fast wieder mal ein Stöckchen … okay, okay, ich hab nichts gesagt.

Kommentare:

  1. Das wird nicht klappen!

    Schließlich gibt es ja noch mich :))

    Und ICH würde, mit all meinen Mitmeinungsinhabern, völlig andere Anbauflächen, Märkete, Restaurants und Fastfoodketten haben.

    Außerdem würde es vermutlich keine unehrlichen Politiker mehr geben ....

    AntwortenLöschen
  2. Opa for President !

    AntwortenLöschen
  3. Meine Welt sähe anders aus:

    Keine Chance mehr für C&A, H&M und Ko.! Busse und Bahnen? Schtonk! Flugzeuge und Porsche. Natürlich bei ersteren nur Airbus. Microsoft geht pleite. Jeder kann sich zwischen Apple und Linux entscheiden. Es gäbe auch mehr Natur: Viel mehr Platz für Erythroxylum coca, zum Beispiel...

    Und die deutschen Bierbrauer (jedenfalls die norddeutschen) bräuchten sich keine Sorgen um ihre Zukunft zu machen.

    Handyherstellern ginge es soweit ganz gut, Klingeltonfirmen dagegen nicht. Bloganbietern stünde eine neue "New Economy" bevor, die Uhrenbranche käme aus dem siebten Himmel nicht mehr weg, ebenso die Hifi-/Heimkinoindustrie.

    Achja. Microsoft würde es wohl doch noch geben. Verdammte Spielekonsolen. Ich hasse mich.

    AntwortenLöschen
  4. Wo zum Teufel sollte der FC St. Pauli ein Stadion für mehrere hundert Millionen Dauerkartenbesitzer hinbauen? Und gegen wen sollten die Jungs dann noch spielen?

    Barmbek wäre eine Weltstadt, gegen die Mexico City verblassen würde.

    Hm, ich fürchte, irgendein Korrektiv muss sich Herr Kant schon ausgedacht haben. Matt: Kannst Du das Deiner Erklärung noch hinzufügen?

    AntwortenLöschen
  5. @ cekado: Die unehrlichen Politiker würde es auch schon aufgrund des Kant-Originals nicht mehr geben.

    @ opa: Meine Stimme haben Sie, aber was hat das mit diesem Beitrag zu tun …?

    @ gp: Dass wir ausgerechnet Ihnen weiterhin Bill Gates zu verdanken hätten, würde Ihnen auch den Hass anderer einbringen, o ja.

    @ Alexander: Die Ergänzung hast du ja nun vorgenommen – und ich bin sicher, alle Blogbesucher lesen auch die Kommentare.

    AntwortenLöschen
  6. jaja, wollen kannste viel. hat meine oma schon immer gesagt und die war nur halb so belesen wie der olle kant ^^

    AntwortenLöschen
  7. Halb so belesen wie Kant? Meine Güte, nicht schlecht! Ich komme höchstens auf ein Hundertsel.

    AntwortenLöschen
  8. Ach Matt, wissen Sie, wenn nur das Weiterbestehen des Herrn Gates (bei mir ja nur noch als Hersteller einer Spielekonsole) mir den Hass sicherte... ich meine, ich hab ja noch nicht einmal angefangen... vegetarische Restaurants wären nicht mehr existent, es gäbe keine griechischen Lokale mehr, ganz Hamburg wäre übersäht von Steakhäusern und Thai-Buden.

    Achja, die Sache mit St. Pauli. Die hätte ich auch noch erwähnen müssen. Aber das versteht sich ja hier in Ihrem sympathischen Familienblog von selbst

    AntwortenLöschen
  9. … und alle Welt würde übersät mit h schreiben … ;-)
    (Sorry, der musste sein.)

    AntwortenLöschen
  10. jaha, meine oma war ne ganz patente frau :D

    AntwortenLöschen
  11. Uuups. Entschuhldigunk ;-)

    AntwortenLöschen
  12. Wenn mein Konsumverhalten allgemeines Gesetz würde, dann kostete die Flasche Barolo aufgrund des ja nun nicht ins unendliche steigerbare Angebots grob geschätzt 76.000 Euro. Das wäre blöd.

    Und farbiges Viny würde durch eine explodierende Nachfrage wohl auch nicht billiger.

    Ganz abgesehen von Erstauflagen diverser Bücher und Zeitschrifrten, deren Zahl ja per se verdammt begrenzt ist.

    Und bei wem kann ich mit Geheimtipp-DVDs angeben, wenn die plötzlich die Plätze 1-10 der Saturn(Media-Markt-Charts belegen?

    Und was die Kühe (die Büffel reichen nie und nimmer) gemolken werden müssten, um den plötzlich vermilliardenfachten Mozzarella-Konsum abzufangen, das grenzte ja schon an Tierquälerei. Die armen Viecher!

    AntwortenLöschen
  13. Ja, ein extrem spannendes Stöckchen wäre das ;-)

    Ich finde es erfreulich und ehrlich, dass bisher niemand behauptet, die Werke Kants ganz gelesen zu haben - und verstanden. Es gibt nicht einmal geeignete Sekundärliteratur dazu, ich bin daran selbst einmal persönlich gescheitert.

    Ich darf trotzdem noch einmal Kant als herausragende Figur der europäischen Kultur hervorheben. Der Kategorische Imperativ sagt selbst Kindern schnell und ohne religiöses Brimborium alles, was man als historisch aufgeklärter Mensch, der sich stets weiterentwickelt, wissen muss: "Was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg auch keinem andern zu." Natürlich ist diese Maxime auch interpretierbar und gilt tatsächlich als verstandesorientierter Religionsersatz, der sich mühelos über Jahrhunderte hinweg selbst trägt.

    Matt, "lust"igerweise hast Du die Komponente hervorgerhoben, die ich mir auch wünschte: Kant meets Freud. Das ging zeitlich leider nicht. Hätten die beiden mal die Köpfe zusammengestecken können, wie einstmals Goethe und Schiller - phew!

    btw: Du kennst meine Knoblauch-gespickte Lammkeule mit gutem griechischem Olivenöl und frischen grünen und weissen Bohnen nicht. Und danach gibt es "Zippero", keinen Ouzo!

    AntwortenLöschen
  14. @ ramses: Deine Einwände geben mir schwer zu denken; daran hätte sogar Kant mit Sicherheit zu knabbern. Die Vertrillionenfachung der Kühe zwecks Mozzarellaerzeugung hätte zudem fatale Folgen für den Treibhauseffekt. Mist, es funktioniert alles nicht!

    @ joshua: Die Lammkeule kannst du mir dann einfach privat kredenzen, wenn alle Griechen pleite sind. Die Rezepte sind ja trotzdem nicht aus der Welt! ;o)

    AntwortenLöschen
  15. joshuatree00:35

    "wenn alle Griechen pleite sind". Wie war das mit Kant? ;-)

    btw: Zippero ist doppelt gebrannter Ouzo. Nicht suß, aber härter.

    AntwortenLöschen
  16. In MEINER Welt gehen die Griechen pleite, in deiner natürlich nicht …

    Zippero klingt, als wär der nix für mich. Auch meine geliebten Single Malt Whiskeys von der Isle of Islay trinke ich niemals in Fassstärke.

    AntwortenLöschen
  17. Joshuatree00:11

    Du verwässerst Whiskeys?

    AntwortenLöschen
  18. Bei Single Malt Scotchs ist das durchaus eine Methode, die Aromen gezielt freizusetzen.

    Der Unterschied zwischen Fassstärke (60 % Alkohol) und handelsüblicher Ware (40 %) wird ebenfalls über Verdünnung hergestellt und ist völlig legitim. Bei 60 % Alkoholgehalt haben es die Aromen wirklich schwer, noch durchzudringen.

    Aber natürlich wäre es ein Sakrileg, schottischen Whiskey mit Eiswürfeln zu foltern. Das machen nur die Amerikaner mit ihrem Maisgebräu namens Bourbon. Eklig.

    AntwortenLöschen
  19. Joshuatree23:13

    Danke für die Erläuterung - ein Gourmand lernt gern dazu ;-)

    btw: "Zippero" hat ebenfalls ca. 40% aber eben weit weniger Zucker. Und ist nur durch Geheimgänge zu bekommen. Wie so oft in griechischen Restaurants, aber das ist eine ganz andere Geschichte ...

    AntwortenLöschen
  20. Wären alle Leute wie ich, würde sich unsere Welt schlagartig in Sodom & Gomorra verwandeln, nein das wäre nicht gut, es muss auch normale Menschen geben. Jemand muss ja noch die Hanf, Coca und Hopfenfelder bestellen. Ich bin da mehr für Tu was du willst sei das Gesetz, und da jeder Mensch ein Individum ist und über andere Vorlieben verfügt dürfte sich eigentlich niemand in die Quere kommen, aber die meisten Menschen haben halt noch nicht verstanden was Sache ist und brauchen eine Staatsmacht, Religion, Sekte, MTV oder sonst irgendetwas das ihnen alles vorgibt was sie zu tun haben.

    P.S.
    Was habt ihr eigentlich gegen griechische Restaurants?

    AntwortenLöschen
  21. Von griechischem Essen kriegt man Blähungen.
    Und jetzt stell dir mal ganz kantianisch vor, ALLE hätten die … Puh.

    AntwortenLöschen
  22. Anonym21:20

    In Kants kategorischem Imperativ geht es ja auch nicht darum zu sagen alle müssen jetzt so leben wie ich, sondern vielmehr eine Maxime des richtigen Handelns aufzustellen. Das heißt zu überlegen, ob mein persönliches individuelles Handeln auch vertretbar wäre, wenn die gesamte Menschheit nach meinen Prinzipien handeln würde. Nur, weil ich es in meiner Situation hier als Beispiel: Notlage - ich brauch Geld - es für mich richtig halte eine bank auszurauben/zu klauen, wäre es fatal, wenn es alle tun würden -> Fazit: diese handlung wäre schlichtweg falsch!

    AntwortenLöschen