07 August 2006

Das Camillo-Felgen-Mantra

Neulich auf dem Flohmarkt an der Hoheluftchaussee stand ich versonnen vor einer alten 45er-Single von Camillo Felgen. Der Song auf der A-Seite, „Ich hab' Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren", fand auf erstaunlich homogene Weise seine inhaltliche Fortsetzung auf der B-Seite: „Schaukelstuhl, bleib niemals stehn". Und das verpackt in ein bedenkenlos unhippes Cover.

Wow, dachte ich in meiner Versonnenheit, w
elch mutige Preisung des in unserer besinnungslos jugendvernarrten Zeit so verpönten Alters!

Doch dazu später. Zunächst einmal dieser Name, den ich schon halb vergessen hatte, so tief ist er eingesunken in die Fernseh- und Hitparadengeschichte und somit auch in mein Kindheitsgedächtnis: Camillo Felgen. Camillo. Felgen. Wenn man sich diese fünf Silben oft genug vorsagt, kommt man dem Nirwana näher, als man es je erwartet hätte. Wirklich wahr, ich hab's ausprobiert.

Dabei war das nicht mal ein Künstlername, zumindest fast nicht. Der Luxemburger, der für die Beatles deutsche Fassungen ihrer Hits textete („Sie liebt dich“; „Komm gib mir deine Hand“) hieß nämlich Camille Jean Nicolas Felgen. Man braucht nur das o aus Nicolas herzunehmen, es zu tauschen gegen das e in Camille, streiche dann den ganzen Rest bis auf Felgen, und schon landet man bei diesem Mantra. Camillofelgen. Om.

Doch ich schweife ab. Das Besondere an dieser Single von 1973 war nämlich das unverblümte Feiern und Preisen eines gesellschaftlichen Zustandes, den man damals eigentlich nicht einmal hätte erahnen dürfen: die Gerontokratie.


Erst jetzt stecken wir mitten in der Pubertät dieser Gesellschaftsform; es werden bereits Bücher über unsere dramatische Vergreisung geschrieben, niemand zeugt mehr Kinder, es gibt bereits Seniorensupermärkte, die Rente ist so realistisch wie die Apokalypse nach den Berechnungen der Zeugen Jehovas, und ich selbst erkenne mit jedem neuen grauen Haar plötzlich die wachsende Relevanz dieser beiden Lieder, ihre hellsichtige, geradezu avantgardistische Kühnheit.

Camillofelgen. Der Nostradamus der 70er Jahre. Ich glaube, es ist höchste Zeit für einen Remix, von A- und B-Seite.

Wer übernimmt – Sven Väth?

Ex cathedra: Die Top 3 der Songs übers alte Menschen
1. „Old man" von Neil Young
2. „When I'm 64" von The Beatles
3. „The ballad of Gary Glitter" von Al DeLoner

Kommentare:

  1. Wenn schon Sven Väth, dann aber mit dem allgegenwärtigem Guuuuuuddddeeeeee-Laaaauuuuunnnnneeee Remix. Feierei Alder

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  2. Das du Sven Väth vorschlägst für einen Remix macht die Platte irgendwie interessant ;)

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  3. Oder The Prodigy? Hätte auch was. Die brauchen wieder mal einen Hit. „Keep on rockin', rockin' chair“: klingt doch.

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  4. Ihre Musikempfehlungen werden mir immer sympathischer. Wenn ich mir Ihre Kommentare bei mir drüben dagegen so ansehe ("Ist das ein Selbstportrait mit Dame?"), möchte ich meinen, das "Preisen" könnte noch etwas intensiver erfolgen.

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  5. Zustimmung in rational-geprägten Blogs soll ja dumpf und uncool sein. Deswegen möchte ich hier auf die sinnvolle Arbeit von Zivildienstleistenden in der Seniorenarbeit hinweisen.

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  6. Diese beiden Songs mochte ich weder damals noch heute :)

    Allerdings bin ich eifriger Sucher und Verfechter eines Nicht-Hits von Camillo, den er mal in seiner irren Show "Spiel ohne Grenzen" vorgetragen hat und der mich seit meiner frühen Jugend nicht mehr los lässt. Vermutlich, weil ich die Platte nicht habe: "Ferne und Einsamkeit - La Montananza"

    DAS ist Schnulzenschlager allererster Kajüte! Und sorgt immer wieder für Tränen bei anfälligen Weibchen ;-)

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  7. blogspargel20:16

    Camillo Felgen hat schon in meiner Jugend den Drang nach einem Zweitfernseher im Kinderzimmer intensiviert, was mangels Kohle und alternativen Fernsehprogrammen zum Scheitern verurteilt war.

    Entschuldigen Sie derweil die Nachfrage, auch wenn es als unschicklich erscheint: Wo entdecken Sie graue Haare?

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  8. blogspargel12:18

    Wenn ich bisher richtig aufgepasst habe, lautet die Antwort doch "Nein", oder? Aber ich kann mich natürlich auch irren.

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  9. Ich habe ja durchaus noch ein paar Haare, aber halt sehr, sehr kurz. Und die verfärben sich, das sieht man.

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