20 Juli 2006

Hitzewelle

38 Grad im Schatten. Der heißeste Tag in Hamburg seit dem Urknall oder wenigstens seit Domenica ihre Karriere beendet hat. Die Hitze macht die Menschen zu Irren.

An der Schmuckstraße steht ein älterer Herr mitten auf dem Fußgängerweg und dirigiert ein imaginäres Orchester. Sein Blick geht in eine beängstigende Ferne, von der ich nicht mal wissen möchte, dass sie existiert.

Im Bus sehe ich einen Mann mit struppigen Koteletten bis zum Kinn. Er ist kugelig wie Helmut Kohl, aber einen halben Meter kleiner. Das Erstaunlichste an ihm aber ist seine Kleidung. Während ich dasitze und versuche, möglichst flach zu atmen, um jede schweißtreibende Bewegung zu minimieren, trägt dieser Mann einen gestrickten Wollpullover. Langärmlig.

Allein vom Hinsehen geraten meine Schweißdrüsen in Panik. Als ich aufgestanden bin und auf die nächste Haltestelle warte, sehe ich noch Unfasslicheres: Unter seinem Wollpullover lugt ein roter Kragen hervor, offenbar von einem Polohemd oder etwas Ähnlichem. Trotzdem ist auf seinem gurkendicken Nackenwulst kein Schweißtropfen zu sehen.

Plötzlich aber rieche ich es. Ihn umgibt ein dumpfer Geruch wie von fauligem Stroh oder alten feuchtgewordenen Kartoffelsäcken, mit unsagbaren Molekülen angereichert von seiner viellagigen Kleidung. Er schwitzt offenbar doch. Nur nicht am Nacken.

Abends taumele ich nah am Hitzschlag durch Ottensen, als ich überm Eingang von Photo Dose den Kasten einer eifrig brummenden Klimaanlage erblicke. Sofort betrete ich bedürfnislos den Laden. Eine erquickende Kühle umstreichelt mich wie der Fächerwind von hundert Geishas, und ich widme mich ausführlich dem Betrachten billiger Bilderrahmen. Auch das aufmerksame Studium der Funktionsweise eines Digitalbilddruckers beschäftigt mich minutenlang.

Die Geishas sind unermüdlich. Sie scheinen mir zuzulächeln. Als kein anderer Kunde mehr im Laden ist, verwickle ich den Mann hinterm Tresen in ein sinnloses Gespräch über die Preisunterschiede zwischen Postern, die vom Digitalbild gezogen werden, und jenen, die aus Filmnegativen entspringen.

Der Mann weiß rein nichts darüber, er habe die Preise nicht gemacht, erklärt er, aber ich lasse nicht locker und hoffe, unterm Einfluss der Klimaanlagengeishas nicht allzu debil zu grinsen.

„Klären Sie das?“, frage ich ihn abschließend, „ich komme wieder und frage noch mal nach.“ Verwirrt bejaht er. Hauptsache, ich gehe, scheint er zu denken. Und das tue ich auch, beschwingt und gestärkt.

Doch nichts vergisst man so schnell wie Hitze, der man entflohen ist, und kaum stehe ich vor der Tür, bereue ich es, den Mann hinterm Tresen nicht auch noch nach Schumis Chancen gegen Alonso und vor allem zu Lösungsansätzen im Nahostkonflikt befragt zu haben. Na, beim nächsten Mal.

Nur ein eissatter Caipirinha im Aurel kann die Lage jetzt wieder verbessern. Zum Glück erwarte ich dort German Psycho – bei seinem Anblick gefriert einem ja stets das Blut in den Adern. Ein grandioser Effekt bei 38 Grad im Schatten.

Ex cathedra: Die Top 3 der Songs über Hitze
1. „Heatwave" von The Blue Nile
2. „Long hot summer" von The Style Council
3. „The big heat" von Stan Ridgway

Foto: planet-wissen.de

Kommentare:

  1. Na herzlichen Dank - und ich hatte gedacht, Sie träfen mich, um meine klugen Sprüche zu hören. Und nun bin ich doch nur ein Photo-Dose-Klimaanlagenersatz. Pah!

    Übrigens habe ich den verwirrten Herrn ebenfalls gesehen (oder einen Nachahmungstäter), allerdings diesmal am Eingang zum Thaipuff (daneben liegt ein Imbiß, nur um dumme Fragen zu vermeiden). Dort dirigierte er ebenfalls / weiterhin sein imaginäres Orchester. Immerhin: Er beweist Standhaftigkeit.

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  2. Immerhin kann ich auf zurückliegende Treffen an deutlich kälteren Tagen verweisen; Sie müssen also auch noch über andere Qualitäten verfügen. Es ist doch schön, wenn man seiner geneigten Umwelt saisonal unterschiedliche Offerten macht.

    Den Luftdirigenten halte ich für einen Einzeltäter. Diese Schrulle ist zu selten, wie mir scheint, um auf dem Kiez gleich zweimal auftreten zu können. Oder sie ist ansteckend; das kann natürlich sein. Ich werde mich genau beobachten (und Sie auch).

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  3. Darf ich trotzdem mal 'ne dumme Frage (bisher dachte ich, es gäbe nur dumme Antworten) stellen:

    Wo liegt diese thailändische Bedürfnisanstalt?

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  4. Ach kommen Sie, dumme Fragen gibt es zuhauf. Glauben Sie mir, als Ex-Berater weiß ich das.

    Welche meinen Sie jetzt? Die für fleischliche Gelüste - oder das Bordell?

    Große Freiheit jedenfalls. Beides.

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  5. Ich lass mich gerne belehren. Aber Sie verwirren mich schon wieder.

    Bordell habe ich nämlich bisher auch für ein Restaurant für Fleischeslust gehalten. Seh ich mir das halt mal an, bin ja gottseidank kein Vegetarier.

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