18 Juli 2006

Berlin kennt keine Bandansagen

Kaum in Berlin, erweckt ein Busfahrer der Linie M46 mein ganzes Mitgefühl. Der arme Knecht muss nämlich nicht nur seinen Dieseltrumm durchs Chaos des Hauptstadtverkehrs manövrieren, sondern auch noch alle Haltestellen selber ansagen und die Anschlussbahnen und -busse gleich mit. Und das alles an jeder schäbigen Station und hinein in ein fies fiependes Mikrofon, zu dem er sich auch noch linksseitig tief hinabbeugen muss.

Seine Halswirbelsäule wirkt bereits gefährlich verbogen, und sein Rücken neigt zu ungesunder Wölbung. Der ganze Mensch wirkt unterm satanischen Wechselspiel aus Schalten, Gasgeben, Bremsen und krumm Ansagenmachen verhärmt und ausgelaugt. Früher sahen nur die Junkies am Bahnhof Zoo so aus. Sein Schnurrbart ist strohig, sein immerhin dichtes Haupthaar so aschfahl, als sähe er die Sonne nie, dabei sitzt er doch den ganzen Tag gleichsam mittendrin.

Klar, deses Verdammtsein zur unablässigen Ansagerei verhärmt jeden gesunden Menschen über kurz oder lang. Vor jeder Station denkt der Mann sich doch: Jleich muss icke wieder quaddeln, und dette jrässlich fehljustierte Mikro taugt jarnüscht und uzt mir auch noch!

In Hamburg – um jetzt mal wohldosiert die lokalpatriotische Karte auszuspielen – kommt so etwas komplett vom Band, liebe BVG, da muss sich kein Busfahrer mit abmühen; er kann sich stattdessen Ampeln und Mitverkehr widmen und falsch abbiegende Radfahrer sauber erlegen. In der hiesigen U-Bahn spielen sie momentan sogar locker Kinderstimmen ein, die fröhlich „St. Pauli!“ krähen oder „Please leave here for harbour boat trips!"

Ja, Berlin, soweit ist die Technik bei uns schon: Bandansagen! Vollautomatisch! Stell dir das mal vor: Keine 300 Kilometer entfernt, und doch eine ganz andere Zivilisationsstufe!

An der gebeugten aschfahlen Figur hinterm Lenker auf der Berliner Linie M46 hingegen erkennt man ungeschönt die ganze bittere Lage der Haupstadt – und zwar viel besser, als sie aus todtraurigen Wowereitschen Haushaltsplänen je herauszulesen wäre.

Ex cathedra: Die Top 3 der Songs über den öffentliche Personennahverkehr
1. „Crosstown traffic" von Jimi Hendrix
2. „Stuck inside of mobile (with the Memphis blues again)" von Bob Dylan
3. „Autobahn" von Kraftwerk

Kommentare:

  1. Lustig, wie verschieden der Blickwinkel sein kann. Ich finde, wir Hamburger sind zu bedauern, daß der HVV auf Bandansagen zurückgreift. Das machen sie nicht mal in London (zu coolen Ansageerlebnissen in der tube gibt's übrigens hier eine schöne Seite).

    Früher gab's bei uns den netten Busfahrer, der auf Linie 36 die pure Sightseeing-Tour gestaltete: "Nächster Halt Sieberlingstraße, Hotel Jakob, Weinstube Kleines Jakob, Liebermann-Terrassen, grandioser Elbblick der nur durch die Airbus-Halle gestört wird!".
    Ab und zu kamen auch Sprüche wie "Wir biegen gleich auf die Reeperbahn ein, verbinden Sie ihren Kindern die Augen oder lassen sie sie ans Fenster."
    Jetzt gibt's Bandansagen. Wie arm.

    AntwortenLöschen
  2. Also, wenn du diese leidende Kreatur über ihr Mikro gebeugt gesehen hättest … Er hätte werweißwas gegeben, um einfach in Ruhe seinem Fahrerjob nachgehen zu können.

    Deine Beispiele sind natürlich toll. Aber um so agieren und kommentieren zu können, muss man, glaube ich, ein Naturtalent sein. Und die landen ja heutzutage alle in der Standupcomedy.

    AntwortenLöschen
  3. Har har.

    Immer wieder toll wenn die Hamburger über Berlin schreiben.
    Dabei führt die BVG aktuell mit 3000:200 Punkten.
    Die BVG gewinnt, gar keine Frage, da kann der HVV nach Hause gehen, aber sowas von deutlich, alter Schwede.

    Ausserdem, in den zwei Buslinien hier um die Ecke gibt es keine Bandansagen. Dafür kommen die immer zu spät oder sie sind komplett überfüllt.

    AntwortenLöschen
  4. svensonsan, diesen Spielstand will ich aber nachgewiesen haben - Beispiele bitte!

    AntwortenLöschen
  5. Berlin hat halt einen Ruf zu verlieren. Ich wurde dort am donnerstag Abend auch mit dem absurdesten Pfandsystem der Welt konfrontiert. Allerdings hätte ich gerne gewusst, wo die ganzen muffeligen Taxifahrer hin sind. Hat die WM die auf dem Gewissen? Die waren durch die Bank nett wie ganz normale Dienstleister.

    Was die Ansagen betrifft: In HH scheinen die Busfahrer sich das aussuchen zu können. Ich hab hin und wieder auch mal wieder nette Live-Ansagen mit den besten Wünschen fürs Wochenende und so. Allerdings simd die Mikros in den Bussen hier auch eher arbeitnehmerfreundlich in Kopfhöhe (justierbar) angebracht. Da entwickelt man als Busfahrer natürlich eine ganz andere Motivation.

    AntwortenLöschen
  6. Ergänzung zu kiki:

    „Vadder meckert, Mudder quakt, nächster Halt ist Rödingsmarkt"

    In schön breitem Hamburgisch. Zugegeben - das kam selten vor. Aber das ganze Abteil lachte. Und das in Hamburg, wo in Bahnen nur gemurmelt wird.

    AntwortenLöschen
  7. Anonym13:54

    Haste mal daran gedacht, daß vielleicht im Bus was defekt war. Sonst haben nämlich alle Busse Ansagen.

    Wie schön, immer von einem Beispiel auf alles zu schließen.

    AntwortenLöschen
  8. heisst es nicht bei uns immer so schön "plies change hier for alster boot tripps?". das fällt nem berliner natürlich nicht auf, die können ja nichtmal echtes deutsch, aber für hamburg ist das schon mehr als peinlich ^^

    AntwortenLöschen
  9. Berlin führt 300:200? ROFL! Den Spielstand möchte ich aber auch nachgewiesen haben. Mag ja sein, daß mir der Lokalpatriotismus ein wenig die Optik trübt, aber für mich ist das schönste an Berlin noch das Autobahnschild "nach Hamburg". Immerhin haben sich inzwischen die Busfahrer hier den rüden Umgangsformen ihrer Berliner Kollegen voll angepasst. Erst rausziehen, dann vielleicht blinken falls jemand hinter ihnen voll in die Eisen steigen mußte. Meist genügt jedoch die Hupe und der Stinkefinger aus dem Busfahrerfenster.
    Nee, nee.

    AntwortenLöschen
  10. Also hier sagen die nüschts außer:" Hmpf bwtkrrrrrr schwpfffffffff kruddemuddä Allee"

    AntwortenLöschen
  11. Oh ja. Bandansagen machen alles so furchtbar unmenschlich und früher war das alles viel lustiger. Bis auf die 99,99% der Fahrten, in der der Busfahrer anstelle lustiger Bemerkungen die von Martha so treffend beschriebenen Blähgeräusche von sich gab. Aber die vergessen wir mal, das ist nix für die nostalgische Phase. Wenn's menschelt, müssen die harten Fakten draußen bleiben.

    Und diejenigen, die sich Hörschwierigkeiten vorstellen können, werden sicherlich auch den Vorzug einer Bandansage für ältere Menschen verstehen...

    AntwortenLöschen
  12. Anonym03:21

    nichts gegen kraftwerk - aber was bitte schön hat der titel "autobahn" mit dem öffentlichen nahverkehr zu tun?

    AntwortenLöschen
  13. Na gut, ich erweitere auf „Fernverkehr“ … ;-)

    AntwortenLöschen
  14. Auf jeden führt Berlin.
    Mindesten 300:200

    Der HVV rockt einfach nicht.

    Warum und wie die Punkte zustande gekommen sind habe ich leider vergessen, aber wer sich mit solchem Quatsch beschäftigen möchte kann das ja im Blog gerne machen.

    AntwortenLöschen
  15. schon allein die tatsache das man mit nem hvv ticket schiff fahren kann bringt hamburg 300 punkte in führung. wo kann man das denn sonst noch?

    und zu den bandansagen: sie haben es geändert. ich konnt's garnicht glauben als ich auf einmal "please exit here for town hall" gehört hab ^^

    AntwortenLöschen
  16. Anonym01:43

    Die BVG bietet einen ganz ähnlichen Schiff-Service und holt sich somit die Führung zurück: 600:500

    AntwortenLöschen