15 September 2011

Nur noch 4762 Kreuzfahrten



Die liebe Freundin R., eine zweifache Mutter entzückender Töchter, kritisierte heute meine Vorliebe für Kreuzfahrten mit einem Link auf diese Seite.

Dort werden Kreuzfahrtschiffe völlig zu Recht als Dreckschleudern diskreditiert, die den Klimawandel vorantreiben. Das liegt nicht in erster Linie an der Nachfrage, die ich und Ms. Columbo anmelden, sondern vor allem an der Gesetzeslage, die Schiffen das Verbrennen von Schwerölen erlaubt, die an Land als Sondermüll entsorgt werden müssten.

Ich bin selbstverständlich dafür, dass Schiffe – auch Kreuzfahrtschiffe – endlich verpflichtet werden, umweltverträglichere Treibstoffe zu verfeuern. Macht mal hin, ihr Gesetzgeber! Von der Privatwirtschaft, den Reedereien, wäre Freiwilligkeit einfach zu viel verlangt, so was tun Unternehmen nicht, das mindert ja den Gewinn. Jedenfalls werde ich nach Verabschiedung der entsprechenden Emissionsgesetze ein noch größerer Fan von Kreuzfahrten, versprochen.

Als R. mir diesen Link mailte, führte ich zur Entschuldigung erst mal unser Alltagsleben außerhalb von Kreuzfahrten ins Feld, denn das kann sich sehen lassen. Wir haben weder Auto noch Motorrad, sondern fahren immer Fahrrad oder Zug, wir fliegen nie – und bei einem so klimafreundlichen, mobilitätstechnisch geradezu vorbildlich asketischen Leben dürfen wir ja wohl ab und zu auch mal auf ein Schiff, verdammte Hacke.

Bis auf die verdammte Hacke schrieb ich ihr das praktisch genauso und schloss zudem mit einem passgenauen Adorno-Zitat („Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“). All das war schon mal nicht schlecht, doch ein weiteres Argument fiel mir erst im Nachhinein ein. Es ist in mehrerlei Hinsicht ein Killerargument.

Jeder Mensch in Deutschland verbraucht nämlich pro Jahr elf Tonnen Treibhausgase. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren macht das also satte 880 Tonnen. Und da ich bis dato – im Gegensatz zu R. – keine zwei entzückenden Töchter in die Welt gesetzt habe, müssen mir auf meinem Weltzerstörungskonto von vorneherein schon mal minus 1760 Tonnen Treibhausgase gutgeschrieben werden, jawohl.

Dann habe ich mich hingesetzt und meinen persönlichen Treibhausgasverbrauch für die bevorstehende Mittelmeerkreuzfahrt ausgerechnet. Laut Greenpeace verbrauche ich pro 100 Kilometer auf dem Meer 1,31 Liter klimaschädlichen Treibstoff. Bei der anstehenden Reise komme ich somit auf knapp 42 Liter, also rund 0,042 Tonnen.

Seien wir generös und nehmen Ms. Columbos Verbrauch noch dazu, macht also 0,084 Tonnen. Da ich – wie oben ausgeführt – durch den ebenso vorausschauenden wie selbstlosen Verzicht auf klimaschädliche Reproduktion 1760 Tonnen im Plus bin, kommen wir
also von der Kreuzfahrt mit einem weiterhin satten Guthaben von 1759,92 Tonnen zurück nach St. Pauli.

Selbst wenn man nur den transportbezogenen Klimaschaden der beiden Töchter zugrunde legte (2,5 Tonnen pro Jahr x 2 x 80 = 400), könnten Ms. Columbo und ich noch 4762-mal auf Kreuzfahrten gehen, ehe wir das ausgeglichen hätten.

Aber keine Sorge: Das haben wir nicht vor.

Kommentare:

  1. dLTexid06:00

    die Welt ist eh am Po, ob mit oder ohne Kreuzfahrten. Und wie immer wird sich Mutter Erde als zäher als erwartet zeigen. Datt Muttchen überlebt uns alle. Um Längen. Also frönen Sie weiter Ihren Kreuzfahrten, Templer Matt...

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  2. Anonym08:23

    Meine Empfehlung als Urlaubslektüre:
    David Foster Wallace `Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich`
    Ich hoffe auf spannende Urlaubsberichte!
    Frau-Irgendwas-ist-immer

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  3. dLTexid, danke für die Exkulpierung …!

    Frau Irgendwas, das habe ich natürlich längst gelesen, schon vor der letzten. Nach der Lektüre machen Kreuzfahrten doppelt so viel Spaß.

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  4. Ja, die Erde wirds überleben. Aber die Menschheit nicht. Darum ist Umweltschutz auch hauptsächlich Selbstschutz der Menschen.
    Obwohl es der Erde ohne die Menschheit sicher deutlich besser gehen würde...

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  5. Anonym10:59

    Es ist auch ziemlich Wurscht wie viel CO2 wir in D sparen wenn der Ami pro Kopf das doppelte raushaut.
    Ich meine wie machen die das?

    http://www.google.com/publicdata/explore?ds=d5bncppjof8f9_&met_y=en_atm_co2e_pc&idim=country:USA&dl=de&hl=de&q=co2+pro+kopf#ctype=l&strail=false&nselm=h&met_y=en_atm_co2e_pc&scale_y=lin&ind_y=false&rdim=country&idim=country:USA:DEU&ifdim=country&hl=de&dl=de

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  6. Anonym13:11

    Mit verschiedensten Methoden, @anonym 10:59.
    Erstens müssen da natürlich ganz andere Distanzen zurückgelegt werden als hier, weil das Land etwas dünner besiedelt ist.
    Zweitens liegen weite Teile der USA in ganz anderen klimatischen Verhältnissen als das relativ gemäßigte Deutschland.
    Aber natürlich hat die Energie-Mentalität auch etwas damit zu tun.
    Allerdings bin ich bei diesen Zahlen immer vorsichtig, denn ich weiß nicht, wie sie genau errechnet wurden. Was fließt mit rein, was nicht?

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  7. Anonym16:09

    Habe gerade mal eine Kreuzfahrt bei atmosfair.de eingegeben. Ergebnis:

    Bei dieser Kreuzfahrt verursacht eine Person Emissionen in Höhe von

    3.180 kg CO2.

    Diese Menge CO2 kann atmosfair für Sie in einem Klimaschutzprojekt für 73 Euro einsparen.

    Meine Kreuzfahrt im Vergleich
    Emissionen einer Person auf dieser Kreuzfahrt 3.180 kg CO2
    Ein Jahr Autofahren (Mittelklassewagen, 12.000 km) 2.000 kg CO2
    Emissionen pro Passagier auf Flug Frankfurt - Gran Canaria und zurück 1.600 kg CO2
    Jahresemissionen eines Inders 900 kg CO2
    Jährlicher Betrieb eines Flachbildfernsehers, durchschnittlicher Strommix 250 kg CO2
    Klimaverträgliches Jahresbudget eines Menschen 2.000 kg CO2

    Die eingegebene Kreuzfahrt dauert 14 Tage, davon 10 Tage auf See.

    Und nun...?

    Viele Grüße, Stefan

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  8. Das müssen Sie Greenpeace fragen, von denen ich die Angaben habe. Wahrscheinlich beschönigt Greenpeace die Rechnung zugunsten der Klimakiller – und ich bin auf sie reingefallen …

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  9. Anonym07:30

    Wenn Sie sich eine CO2Gutschrift wegen nicht in die Welt gesetzter Kinder erteilen, müssen Sie sich später selbstredend auch eine Rentenminderung einrechnen.

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  10. Anonym08:23

    Rentenminderung? Na im Gegenteil, der CO2-Schaden, der durch das Kinder-In-Die-Welt-setzen vermieden wird, sollte mit einer Rentenerhöhung einhergehen. Und das wäre erst der Anfang... Kindergarten, Schule, Universität, Krankenbehandlung, alles könnte man sich sparen!

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  11. Mir gefällt das Adorno-Zitat.

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  12. Also, jetzt weiss ich endlich, warum mein Häubchen und ich noch keine Kreuzfahrt gemacht haben und Greenpeace mich nicht wieder ins Meer rollt, wenn ich am Strand liege - wegen unserer schlechten CO2-Bilanz ... wir haben's versaut und uns vermehrt ;-)

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