06 September 2011

Ein Wein zum Weinen



Am 14. Dezember 2010 stand hier in diesem Blog eine faustdicke Lüge.


Oder freundlicher ausgedrückt: eine Glutaeus-maximus-dicke Fehleinschätzung – nämlich die, dass der damals just auf dem Flohmarkt erstandene 1955er Chateau Latour das darauffolgende Wochenende keinesfalls überstehen würde, weil nämlich die Anreise des Dr. K. bevorstand, und wir alle wissen, was das heißt.

Doch das war falsch. Dr. K. erschien dank einer akuten Erkrankung überhaupt nicht, und dann verschwand er für ein halbes Jahr an einen gewissen Bondi Beach in ein gewisses Sydney (angeblich, um zu „arbeiten“).

Der 1955er Chateau Latour wanderte also in den Weinklimaschrank und vertrieb sich hinfort die Zeit mit Dummrumliegen. Er dachte wahrscheinlich schon, das würde gar nichts mehr mit uns dreien, doch weit gefehlt. Denn Dr. K. ist zurück, und gestern Abend ging es dem Latour doch noch an den Kragen.

Nachdem der Kapselschneider den Korken freigelegt hatte, zeigte sich uns ein rußartiger Belag, der sich tapfer, aber letztlich erfolglos dagegen sperrte, abgekratzt zu werden. Einzelne rote Tropfen quollen hervor, was ein schlechtes Zeichen war, ein ganz schlechtes.

Der Korken erwies sich als ebenso klammeraffenhaft wie bröselfreudig, will sagen: In insgesamt vier Etappen musste er dem Flaschenhals entwunden werden wie ein Gnu dem Maul eines Nilkrokodils.

Dann goss ich ihn ein, den Wein, der älter war als wir alle, der nur zwölf Monate nach dem Wunder von Bern gekeltert worden war. Damals hieß der Bundeskanzler Adenauer, die Saarländer (diese Deppen) traten der Bundesrepublik bei statt Frankreich, Thomas Mann hauchte sein Leben aus, und Farbfernsehen war Sciencefiction.

Der Latour gluckerte in die Gläser. Er war von einem alarmierend trüben Dunkelrot, und er roch … nun ja, wenigstens nicht nach Essig.

Wir stießen an, wir nippten vorsichtig, wir schluckten, wir sahen uns an. Dr. K.s Augen wurden zu Schlitzen, seine Stirn warf Runzeln, seine Nase kräuselte sich und seine Mundwinkel nahmen jene Haltung an, die sie gemeinhin nur dann optional hervorkramen, wenn der Verzehr von Schimmelbrot oder Rizinusmarmelade nicht zu vermeiden war. „Oh-ho-ho“, machte Dr. K. dazu.

Kurz: Der Wein war hinüber, aber so was von.

56 Jahre hatte er geduldig gewartet – um in der Hamburger Kanalisation zu enden. Doch das wäre ihm ja auch passiert, wenn wir ihn getrunken hätten, nur über einen kleinen unappetitlichen Umweg.

Wenn ihn das tröstet.

Kommentare:

  1. Anonym00:39

    Hätte man den nach 4 Flaschen $Billiggesöff nicht Pietätshalber noch verzehren können?

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  2. hoffe, dass ich mich jetzt nicht laecherlich mache im Klub der Experten der deutschen Sprache!

    Warum 'an einen' und nicht 'an einer' Bondi Beach?

    Uebrigens, Melbourne ist die lebenswerteste Stadt der Welt und nicht Sydney trotz der oder die Bondi Beach ...

    http://tinyurl.com/3vtqcex

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  3. Ich erinnere mich. Sollte der nicht Verwendung finden als "äußerst edler Rotweinessig, den es so gar nicht zu kaufen gibt?"

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  4. Ja, das war die Absicht. Aber er war eben kein Essig geworden, sondern einfach nur … ungenießbar.

    Hans-Holger, ich habe einfach von Strand rückgeschlossen und mich für „den“ Beach entschieden. Besser weiß ich’s auch nicht.

    Anonym, wir sind ja Menschen mit Stil. Und sich einen Wein vorab schönzusaufen: Das ist nicht unsere Art.

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  5. Ella08:51

    Aber war das nicht schön, so eine... äh Verheißung zu besitzen? Toll!

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  6. In der Tat. Vorfreude ist ja die schönste … Sie wissen schon.

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  7. 25 euro in den ausguss entsorgt. herr matt hat es dicke...

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  8. Na ja, jetzt nicht mehr …

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  9. Anonym15:04

    Erinnert mich ein wenig daran:

    http://blog.weinbar-stpauli.de/?p=377

    Nur dass der noch genießbar war...

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  10. Matt, aber mein herzlichstes Beileid an Dein Weintrinkervorfreudenherz. Das muss ja sein, als wenn man in den Himmel kommt und dann ist der schwarz und aus Beton. Oder?

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  11. Ach, ich habe mir gar nicht so viele Illusionen gemacht. Nur wenige Weine auf der Welt sind so gut, dass sie ein halbes Jahrhundert lagerfähig bleiben. Und die kriegt man wohl eher bei Sotheby’s als auf dem Schlachthofflohmarkt.

    Doch aus so einem Dekantierungsabend ein kleines Ereignis zu machen, es zu ritualisieren, der Aura (wenn schon nicht der Nase des Weins) hinterherzuschnuppern: Das ist ein Wert an sich.

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  12. Hätten Sie den Wein zugelassen, wäre die Vorfreude sicherlich auch auf ihre Erben übergesprungen und Sie hätten sich noch Jahrzehntelang an diesem "edlen" Tropfen erfreuen können. Aber ach, die Gier der Menschen... Sie wiegt so schwer. ;)

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  13. Ja, und selbst ich bin nicht frei davon.

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  14. Plan B wäre gewesen:
    Stoppel wieder rein, Schimmel aus dem Keller draufkleistern und ab zu ebay.
    *schulterzuck*
    So hätte noch ein anderer die Vorfreude genießen können. Wer weiß, der wie vielte Vorfreuling Sie bereits an dieser Flasche waren?

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  15. Kann ich ja immer noch machen – mit einem netten Aldiwein als Nachfüllmasse.

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  16. Womit sie sicherlich den Inhalt qualitätiv erhöhen würden. Sie Gutmensch!! Grins..

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