12 April 2011

Das billige Perpetuum mobile



Zwei dieser verboten köstlichen Walnussbrötchen kosten beim Backhus im Brauquartier (Foto) 1,30 Euro. Ich sammle mein Kleingeld zusammen und komme – in Ermangelung eines Ein-Cent-Stückes, allerdings u. a.mit Hilfe dreier Zwei-Cent-Münzen – auf 1,31 Euro.

Dieser minimale Überschuss bietet die wunderbare Gelegenheit, mit einem fröhlichen „Den Glückscent schenke ich Ihnen!“ ein Lächeln aufs Antlitz des Backhus-Verkäufers zu zaubern und so generell die allgemeine Weltstimmung zu heben.

Eine solche Geste nämlich ist gleichsam ein soziales Perpetuum mobile. Der Verzicht auf den einen Cent (oder auch auf 10, 20 oder 50, das sind letztlich nur graduelle Unterschiede) verbessert das mentale Klima in unmittelbarer Nähe weit mehr, als diese mikrogeneröse Geste deiner Vermögenssituation schadet. Einstein wäre begeistert.

Doch zurück zu den 1,31 Euro für die beiden verboten köstlichen Walnussbrötchen. Ich lege also das recht unübersichtliche Münzensammelsurium auf den Tresen, und gerade, als ich meinen weltstimmungsverbessernden Text „Den Glückscent schenke ich Ihnen!“ salbungsvoll hersagen möchte, schiebt der Verkäufer das Häufchen ohne nachzuzählen umstandslos in die Kasse und bedankt sich.

Mein Vorhaben verpufft also völlig wirkungslos; es ist nicht mal mehr ansprechbar, ohne mich sofort der Lächerlichkeit preiszugeben. Oder wie hätte das laufen sollen – etwa so:

„Übrigens habe ich Ihnen einen Cent zu viel hingelegt, ich wollte Ihnen den als Glückscent schenken, aber jetzt …“
„Was, Sie haben mir zu viel bezahlt? Das tut mir Leid, das habe ich nicht gewollt! Entschuldigen Sie bitte vielmals, nehmen Sie bitte …“
„Nein, Sie verstehen nicht, ich wollte den Cent nicht zurück, sondern …“
„Aber ich bestehe darauf, hier, Ihr Cent!“
„Nein, behalten Sie diese doofe Münze doch, verdammt! Ich will diesen blöden Cent nicht mehr zurück!“
„Das kann man auch in einem anderen Ton sagen!“
„Was habe ich denn in welchem Ton gesagt, hä? Was denn?“
„Mir reicht’s! Hier: 1,31 Euro, bitte schön, für Sie. Und jetzt gehen Sie, raus! Halt, die Brötchen bleiben hier! Lassen Sie sich bloß nie mehr blicken! Wegen einem Cent ein solches Theater, unglaublich!“


Na ja, und so weiter. Kurz: Die Situation lässt eine Selbstthematisierung aus intrinsischen Gründen nicht zu.

Allerdings schmeichelt mir das Vertrauen, welches der Backhus-Verkäufer mir mit seinem ungeprüften Einkassieren entgegenbringt. Und deshalb verzaubert plötzlich ein verblüfftes Lächeln mein Antlitz. Nehme ich zumindest mal an (denn es ist gerade kein Spiegel in der Nähe).

Auf dem Heimweg bleibt zudem der Trost, dass der Verkäufer wenigstens beim abendlichen Kassensturz ein unverhofftes Tagesplus von einem Cent vorfinden wird. Ein doppelter Weltstimmungsaufheller also. Was will man mehr an einem sonnigen Frühlingstag auf dem Kiez?


Höchstens noch Weltfrieden.



Kommentare:

  1. Anonym01:26

    Wie wär's mal mit einer genaueren Ortsangabe?
    Webtauglich, kurz und knackig z.B. hiermit erzeugbar:

    http://gmna.de

    scnr und Gruß ;-)

    Paddy

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  2. Anonym09:24

    ...und was für ein tolles Bild!

    Netten Gruß quer durch die Stadt,
    Olli S.

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  3. Nihilistin12:12

    Jottchen. Die Hamburger Weltverbesserer :-)

    Das Gleiche in der Hauptstadt:
    Käufer, eintretend: "Tach"
    Verkäufer, hinterm Tresen: "Tach"
    Käufer: "Zwei Walnussschrippen"
    Verkäufer: Wortlos die Schrippen in die Tüte packend
    Käufer: Wortlos 2 EUR auf den Tresen legend
    Verkäufer: "Kleener hamses wohl nich, wa?"
    Käufer: "Nö"
    Verkäufer: zählt hasserfüllt guckend das Wechselgeld in Sechsern (=5-Cent-Stück) auf den Tresen
    Käufer: Geht wortlos ab

    (Würde auch viel Platz sparen hier im Blog)
    ((Wäre aber nur halb so unterhaltsam))

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  4. Und in Minga:

    Da !
    Kanst Fressn wi da Schleida aff
    (salesman)

    Ihr Faulpelz

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  5. (= Schleuderaffe)

    Alls klar ?

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  6. Anonym17:27

    Das Schlimme könnte sein: Er wird wegen einem Cent zuviel genauso zusammengeschissen wie wegen einem Cent zu wenig...

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  7. Anonym02:24

    Habe ich das richtig gelesen? Macht das (wohl zu erfolgreiche) Bloggen Menschen SO selbstherrlich? „Nein, behalten Sie diese doofe Münze doch, verdammt! Ich will diesen blöden Cent nicht mehr zurück!“ ist hoffentlich Grund genug, Sie auf Lebenszeit aus sämtlichen schleichbeworbenen "Backhus"- Filialen zu verbannen!

    Aber jemand, der ein derart hohes Bildungsniveau sowie Sprachvermögen vor sich herschiebt ("graduell", "mikrogenerös", "intrinsisch") MUSS dieses natürlich wohl auch vor einem bemitleidenswerten, ehrlich arbeitenden Backereifachverkäufer "raushängen" (entschuldigungen Sie vielmals, aber mir fällt kein ähnlich hochtrabendes Synonym ein) lassen, nur um des Vorhabens willen, dieses dann dem hocherlauchten Blog- Publikum mitteilen zu dürfen, welches es nach derartigen "Kiez"- Stories dürstet...

    Es scheinen ja zu mindestens 95% ähnlich "intelektuelle" Menschen das Zielpublikum zu stellen, zumindest in Ihrer Vorstellung. Diese scheinen dann auch den noch unglaublicheren (vor)letzten Absatz "lustig" oder zumindest "amüsant" zu finden, wohingegen die hinzugefügten "Labels" in ihrer Neutralität ähnlich geduldig wie Papier ihren eigenen Zweck, das Vorangegangene zu kategorisieren, eisern ertragen.

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  8. Anonym13:54

    Nachtrag: Es war nicht "eisern" sondern "geduldig" gemeint, sonst macht der Vergleich mit dem Papier, der hier subtil aber erkennbar einfliessen sollte, nicht so viel Sinn. War aber auch schon spät.

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  9. Wie auch immer: Sie liegen voll daneben. Der Dialog ist klar erkennbar fiktiv und selbstironisch. Wenn Sie das nicht verstehen, kann ich Ihnen auch nicht helfen.

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  10. Man bin ich ungebildet! Musste doch tasaechlich machschauen was 'intrinsischen' bedeutet. (fubar)

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