30 April 2011

Bekenntnisse eines nearly adopters

Bloggen ist inzwischen so uncool geworden, dass man sofort damit anfangen müsste, wenn man es nicht längst schon täte. Ähniiches gilt allmählich fürs Twittern.

Denn mal ehrlich: Nichts ist schlimmer, als auf fahrende Züge aufzuspringen – wie ich es damals tat, als Bloggen noch halbwegs cool war.

Inzwischen erregt Coolness in mir großes Mitleid. Ebenso die Coolnessträger, also Trendsetter, Auskenner, Herdenführer – und ganz besonders die so innig umschwärmten early adopter. Denn was ist schon ein early adopter? Doch nichts weiter als die arme Wurst, die den Herstellern von unausgegorenem Müll als erste auf den Leim geht.

Derweil wartet der Uncoole ab, bis das Zeugs endlich funktioniert – und trotzdem nur noch halb so viel kostet.

Ich bin allerdings nicht nur kein early adopter, sondern ein für die Unterhaltungsindustrie extrem nerviger Sonderfall, nämlich ein nearly adopter.

Ist zwar nur ein Buchstabe mehr, aber ein himmelweiter Unterschied. Als nearly adopter habe ich nämlich ein gutes, altes Prinzip transformiert, welches sich auch hier auf St. Pauli schon immer als höchst probates Mittel erwiesen hat, keinen Ärger zu bekommen: nur gucken, nicht anfassen.

Das bedeutet, ich bin meist gut informiert über den neusten heißen Scheiß, aber bis ich mir wirklich einen HiTec-Brillen-gestützten 4-D-LED-LCD-USB-DVBT-HDMI-plus-Ultraflachbildfernseher mit Internetzugang, Timeshift, Beamfunktion und WLAN-programmierbarer Mikrowelle kaufe, muss schon die 6-D-Glotze auf dem Markt sein. Mindestens.

Mein sehr verehrter neuster heißer Scheiß, denkt der nearly adopter in mir, während er unbeeindruckt an den Glimmerflimmerwänden im Mediamarkt entlangschlendert, werd du Krücke erst mal deine Kinderkrankheiten los, dann lass uns noch mal reden.

Na ja, lange Rede, ganz kurzer Sinn: Ich gehöre seit kurzem zu den letzten Nachzüglern, die sich nun doch noch das zugelegt haben, was der Rest der Welt schon drei Generationen lang sein eigen nennt: ein iPhone.

Natürlich kein Vierer – viel zu riskant.

Kommentare:

  1. haha, sehr guter beitrag, danke! "nearly adopter" sollte in den allgemeinen sprachgebrauch übergehen.

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  2. Anonym01:01

    Dann dürfen sich all die gierigen Leser ja hoffentlich bald über unfreiwillige Fotos und ein aktuelles Bewegungsprofil freuen!

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  3. dLTexid02:05

    welcher Rest der Welt. Doch nicht der gesamte ;)

    Nein im Ernst, ohne die Earlies gäbe es auch keine Nearlies. Die finanzieren doch die Weiterentwicklung und Funktioniermachung vor. Eigentlich müßten wir denen ein kleines Danke zuraunen, wenn wir uns die flachen, meterundmehrgrossen Fernseher für 499 kaufen. Die haben den Kram damals im unreifen Zustand plus 'ner Null hintendran gekauft.

    Early Adopter, die Robin Hoods der elektronischen Konsumgesellschaft ;)

    .um ,her

    Gruß,
    Icke (noch immer 25kgFernseherbesitzer)

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  4. Anonym08:41

    Dieses Verhalten hat vermutlich weniger mit Coolness o.ä. und mehr mit Pragmatismus zu tun.
    Es braucht halt nicht jeder jeden Sch..., und schon garnicht "sofort". Ökologisch ist die langjährige Nutzung dann irgendwann altgedienter Geräte sowieso erste Wahl.

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  5. Anonym16:33

    Dann können sie ja in Zukunft bei Apple anfragen wo sie gestern Abend ihr Fahrrad angeschlossen (und vergessen). haben. :-)

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  6. Anonym 01:01, bisher nutze nur ich mein Bewegungsprofil, und ich hoffe, das bleibt auch so. Ist jedenfalls eine feine Sache!

    dLTexid, Sie haben natürlich völlig Recht. Für ihr bereitwilliges Opfer bin ich den early adoptern auch überaus dankbar.

    Anonym 08:41, danke für diese schöne Rechtfertigung meiner Prokrastination. Jetzt fühle ich mich NOCH besser.

    Anonym 16:33, die „Wo ist mein Fahrrad?“-App habe ich im iTunes-Store leider noch nicht gefunden. Wissen Sie mehr?

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  7. Besonders ulkig finde ich immer, wenn Zugehörige einer der Gruppen auch noch versuchen, ihr Verhalten als objektiv richtig darzustellen. Der „first mover”, der erklärt, daß er ohne die neue Technik nicht überleben könne, sowie der, gut, nennen wir ihn „nearly adopter”, der erklärt, warum es ökologisch (!) sinnvoll sei, erst später Neuentwicklungen zu kaufen.

    Tatsächlich aber funktioniert nunmal der ganze Prozeß nur, wenn es eben die unterschiedlichen Gruppen gibt. Ohne die „first mover” und die „early adopter” kämen keine neuen Geräte auf den Markt, ohne die „late adopter” würde kein Fehler behoben und nicht auf die Bedienbarkeit geachtet.

    Und das lustige daran: Kein einziger Mensch hat in seinem Konsumverhalten dabei unrecht. So sehr er auch glauben mag, daß alle anderen unrecht haben.

    Ach ja: Ich gucke mir gerade die ersten 3D-Beamer an...

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  8. Anonym18:56

    Hier der eine Anonymus nochmal:
    Es geht bei der ökologischen Betrachtung nicht um das (an einem beliebigen Erstverkaufsdatum orientierte) "späte" Adaptieren von neuen Technologien - es geht um die möglichst langfristige Nutzung möglichst aller Geräte und damit die Vermeidung von Elektro- und anderem Müll.
    Dass man dadurch einen 3D-Beamer manchmal erst Jahre nach den ersten Testberichten erwirbt und bis dahin alles "2D" und auf der altgedienten Mattscheibe anschaut, führt ja nicht zwingend zu einem nicht zu verkraftenden Verlust an Lebensqualität.
    Dies ist ein Beispiel und gilt wohl ebenso für Telefone. Herr Wagner könnte das eventuell anhand seiner Lebensqualität bezeugen, kA.

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  9. Anonym, ich wiederhole mich ungern, daher verweise ich auf den vorletzten Satz meines vorigen Posts.

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  10. Anonym18:47

    Ich sag es mal so: Hä? Wenn Sie etwas ungern tun: Wieso tun Sie es dann? Und wieso überhaupt? Was ist denn an der schlichten Erläuterung der ökologischen Aspekte von bestimmten Verhaltensformen geeignet, Ihre Antwort zu "erzwingen"?
    Aber egal, ich will Sie nicht noch zu mehr Antworten "zwingen", oder was auch immer Ihnen da zu Rübe stieg...
    Alles gut, einfach weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.

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