11 Dezember 2006

Saturday Night Fever

Die Julklappparty bei unserem Freund GG begann turbulent. Schon nach einer Viertelstunde versuchte eins der herumtollenden Kinder, sich im Fallen an meinem Weinglas abzustützen. Der Gastgeber musste mir mit einem seiner Hemden aushelfen.

Nach einer neuen Unterhose wagte ich nicht zu fragen; ich hoffte einfach, der riesige dunkle Fleck in meinem Schritt bliebe dank des Schummerlichts verborgen. So war es wohl auch. Nehme ich mal an.

Mit C., einem Musikjournalisten aus Berlin, der Bob Dylan schon 60-mal live gesehen hat, geriet ich in einen kleinen Disput. Er behauptete, Dylan betrachte Studiofassungen seiner Songs immer nur als Anfang einer langen Weiterentwicklung, worauf ich ihm triumphierend entgegenwarf, die definitive Fassung zumindest von „Desolation Row“ sei ja wohl die im Studio entstandene, oder etwa nicht.

„Nein“, widersprach er kühl, „die definitive Version war Glasgow. Oder Aberdeen.“ Merke: Man hat keine Chance gegen einen, der schon 60 Dylan-Konzerte gesehen hat, während man selbst gerade mal fünf zusammenkratzen kann.

Dafür wusste C. nicht, wer „Quincy“ gespielt hat. Auch zwei in die Diskussion verwickelte Texaner konnten meine etwas unsicher vorgetragene Theorie („Jack Klugman?“) nicht verifizieren, und ich musste mindestens fünf Leute mit diesem Problem behelligen, ehe A. sie endlich bestätigte.

Aus dem Julklappsack fischte Ms. Columbo für uns eine Rolle Designerklopapier („Topi“, 3-lagig, 200 Blatt). Auf der Heimfahrt strich ich die Vorzüge dieser Ziehung heraus. Normalerweise muss man beim Julklapp damit rechnen, irgendetwas total Unbrauchbares mit nach Hause zu nehmen, was allenfalls dank eines weiteren Julklapps wieder vom heimischen Interieur subtrahiert werden kann. Eine Rolle Designerklopapier aber, so führte ich aus, löse sich über kurz oder lang restlos auf und sei somit ein Julklappgeschenk geradezu idealen Zuschnitts.

Ms. Columbo war inzwischen längst zu müde, um zu widersprechen.

Ex cathedra: Die 3 definitiven Studiofassungen von Dylan-Songs
1. „Desolation Row“
2. „Hurricane“
3. „I want you“

Kommentare:

  1. *grinst*
    Danke für diesen Spaß vor dem Schlafen gehen.

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  2. Ahhh...Julklapp? Habe ich, soweit ich mich erinnern kann, genau ein Mal in meinem Leben mitgemacht. Anschließend immer irgendwie einen Ausweg gefunden.

    Obwohl ich mir schon ein paar lustige Geschenke ausdenken könnte:

    1. Vorausgefüllte Kreuzworträtsel (ausschließlich mit „Meat“ und „Bone“)
    2. Gutschein für „einmal gratis barfuß laufen im Winter“
    3. Die Überreste meiner Exfreundin (als exotisches Filet beschrieben)
    4. Eine angerauchte Zigarette, noch glimmend
    ... und all den Schrott, für den ich bei eBay kein Geld mehr bekomme. Hmm - gibt's sowas eigentlich?

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  3. Einige Ihrer Ideen könnten mit bestehenden Gesetzen in Konflikt geraten. Ansonsten haben Sie die Idee des Julklapp perfekt verstanden.

    Veranstalten Sie doch mal einen! Wir könnten eine Rolle Designerklopapier beisteuern (ungebraucht).

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  4. Stimmt - die Rauchergesetze habe ich völlig vergessen.

    Vielleicht verschenke ich einfach Designerwaffen (gebraucht).

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  5. "Julklapp"? Das klingt für einen badensischen Blaufüßler ja wie ein winterlicher Mülleimer "designt" von einer schwedischen Möbelbastelfirma.

    Bei uns heisst das "Wichteln" oder "Krabbelsack". Worte, die mir auch wegen den positiv besetzten und fast pornographisch lautmalerischen und inhaltlichen Interpretationsmöglichkeiten besser gefallen und viel mehr rhetorischen Spielraum in der kommunikativen Praxis böten. Aber ihr seid im kühlen Norden, und ich drücke mich immer vor Weihnachtsfeiern.

    Um das Designerklopapier beneide ich Euch natürlich trotzdem.

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