28 Dezember 2006

Das Dorf in mir

Erstaunlich, wie naiv ich manchmal bin. Heute Abend im Miller (Foto), einer der wenigen Kneipen für Normalos auf St. Pauli, stand ein Typ neben uns an der Theke, der trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „My girlfriend's sick in bed“.

Abgesehen davon, dass dieser Spruch meine These von den Normalos ins Wanken brachte, fragte ich mich
, was der junge Mann uns damit sagen wollte. War das mitleidsheischend gemeint, oder wollte er damit vielleicht Spenden generieren? Der lebensweise German Psycho aber hatte sofort die richtige Exegese parat: „Das heißt: Bin bereit zum Ficken.“

Natürlich. Klar. Logisch.
Hätte ich auch drauf kommen können.
Wenn ich nicht vom Dorf käme.

Denn du kannst die Provinz verlassen, wie ein alter Spruch sagt, aber die Provinz verlässt dich nie. Und wenn man so ein T-Shirt sieht, wird einem das mal wieder überdeutlich bewusst.

Vielleicht lag meine Begriffsstutzigkeit aber auch an den vier Gläsern Weißwein, die ich im Lauf des Abends gepichelt habe. Bestimmt.

Kommentare:

  1. Ehrlich gesagt habe ich es sofort verstanden. Welchen Grund sollte man(n) sonst haben, so ein Shirt auf der Reeperbahn zu tragen?
    Ich hab 16 Jahre meines Lebens in wirklich kleinen Dörfern verbracht, und dann noch mal zwei in Ahrensburg. Dörflicher geht es nicht. Das heißt: Trockne deine Tränen, junger Jedi, es war der Wein.

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  2. Danke, Obi-Wan Kenobi. Jetzt geht es mir besser.

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  3. Es freut mich sehr zu hören, dass sich die kleine Runde wieder traf.

    Ich lese hier aber zwei Sprüche, gegen die sich bei mir massiver mentaler und emotionaler Widerstand entwickelt: Den auf dem T-Shirt und dem bzgl. der Provinzherkunft. Beide haben imvho etwas gemeinsam ...

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  4. Das ist mann doch immer, ganz egal, woher mann kommt. Das braucht mann doch nicht aufs T-Shirt schreiben.

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  5. ich hätte jetzt auch gedacht : Das war der Wein..;-)

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  6. ... zu schreiben. (Verzeihung, das Allgäu).

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  7. Warum hast du ihn nicht einfach gefragt?

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  8. Ich spreche doch nicht einfach wildfremde Menschen in der Kneipe an, ts.

    Außerdem hatte ich ja eine kluge Begleitung dabei ...

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  9. Ach, ich mach das ständig. Wie sonst will man denn Leute kennen lernen, eh?
    's Internet jetzt mal ausgeschlossen, ne.

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  10. "Dude, this set is fuckin' sick!"
    Im echten US-Slang ist das die Höchstbewertung für ein gutes DJ-Set. Es bedeutet in etwa:
    "Mann, dein Set ist verdammt gut!"
    "Fuckin'" hat nicht mit ficken zu tun und "sick" nichts mit krank/unpässlich.

    Wie SpOn unlängst schrieb, lassen die Englishkenntnisse der Werbefuzzis zu wünschen übrig, so dass mancher Reklametext für einen Anglo-Muttersprachler oft wenig Sinn ergibt. Warum sollte das bei den T-Shirthökern anders sein?
    Der langen Rede kurzer Sinn: möglicheweise ist die Freundin des mysteriösen Gastes ein wilder Matratzenfeger und er sucht schlicht eine Anwärterin, die es mit ihr aufnehmen kann - oder besser noch toppt.

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  11. Sehr gute Exegese. Kann aber auch das Gegenteil bedeuten: Sie ist eine derart gute Bettsportlerin, dass er nicht im Traum darauf käme, fremdzugehen.

    Wir sind also noch immer nicht weiter. Aber die Deutung Nietzsches hat ja auch eine Weile gedauert.

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  12. Ich hätte ja spontan darauf getippt, dass der T-Shirt-Träger mit einem zweideutigen Spruch über seine Freundin versucht hat, den des Englischen mächtigen Leuten ein Grinsen ins Gesicht zu zaubern.

    Ist doch klasse, wenn man gleichzeitig sagen kann, die Freundin sei schlecht, pervers und saumäßig gut im Bett.

    Vermutlich hat eine Frau das Shirt kreiert. Wir Frauen finden nämlich in jeder Äußerung eine völlig kranke zweite Bedeutung. Allerdings finde ich, dass wir dabei selten so viele Umwege gehen, wie ihr hier. ;o)

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