07 Dezember 2006

Das Zucken des Zeigers


Alltäglich begegne ich dieser Uhr, sogar jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen, und zwar an einem Ort, der eigentlich einer Uhr nicht gemäß ist. Dennoch vermag sie gemeinhin auch dort treu und unbeeindruckt ihren Dienst zu tun.

Bis heute. Als ich den besagten Ort betrat, lag der Sekundenzeiger gleichsam in den letzten Zuckungen. Er schuftete unermüdlich und in stummer Verzweiflung, doch all sein Trachten und Streben reichte nicht mehr aus, auch nur die nächste Sekunde zu wuppen. Es war, als läge Clark Kent im Bett mit einem Brocken Kryptonit statt mit Lois Lane.

Und was soll ich sagen: Es rührte mich, diesem hoffnungslosen kleinen Stäbchen beim Scheitern zuzuschauen. Er gab einfach nicht auf, wie Thomas Doll. Sysyphos bei der Arbeit – ein trauriger Anblick, aber auch ein sehr tapferer. Weitermachen, immer weitermachen: Dieser Lehrsatz eines zeitgenössischen Philosophen schoss mir unwillkürlich durch den Kopf. Doch es war alles nutzlos.

Andererseits stand die Uhr auf fünf vor zwölf, und somit war es gut, dass er keine Sekunde mehr weiterkam. Alles hat seine zwei Seiten.

PS: Ja, ich gebe zu, ich habe die beiden großen Zeiger von viertel nach auf fünf vor zwölf gedreht. Doch ich achtete peinlich genau darauf, den zuckenden Sekundenzeiger nicht zu berühren, ehrlich.

PPS: Er ist erlöst. Ich habe die Batterie gewechselt.

Kommentare:

  1. Hat irgendwie etwas Beruhigendes, fast so schön, wie dem Trockner bei seiner Arbeit zu beobachten. Ausserdem ist das subjektive Gefühl, dass man nicht altern kann auch ganz reizvoll, zumindest für den Moment, auf den man sich an diesen "Ort" zurückzieht.

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  2. Ich sag Ihnen was: Wenn Sie sich mal eine echte Uhr kauften (m Gegensatz zu diesem elektrischen Synchronisationswerkzeug), könnten Sie nicht nur viel versonnener auf die nahezug analoge Sekundenzeigerbewegung starren, sondern auch den Zustand des Nicht-Altern-Könnens bewußt durch Nichtaufziehen herbeiführen - und ihn ohne Kosten und Mühe wieder beenden, sobald Sie wollen...

    Na?
    Wann?

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  3. Ein ganz schön trickreicher Vorschlag, wie mir scheint. Aber ist das nicht zuviel Arbeit, dieses ständige Nichtaufziehen?

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  4. Welch faustisch-metaphysische Grundidee, GP. Die hält ja sogar jeder albernen neuzeitlichen esoterischen Interpretation stand. Ich bin mir sicher, echte Uhrenhandwerker haben sich Ihren Satz schon kopiert. Sie hätten ein Copyright einsetzen müssen.

    Ich gehöre leider auch zu den Menschen, die sich fremdbestimmt dem Ladezustand der Uhrenbatterie anpassen müssen.

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  5. JT, danke, danke! Aber tatsächlich vermag ich nicht zu glauben, daß ein an sich so wenig fremdbestimmter Mensch wie Sie sich tatsächlich nicht den Ablauf der Zeit immer wieder in kleinen Schüben kaufen müssen, sondern tatsächlich auch noch zu denjenigen Menschen gehören, die durch Uhrenbatterien und Quartzmüll ein erhebliches Maß an Umweltzerstörung in kauf nehmen...

    (Nicht, daß ich irgendetwas davon ernst meinte, aber ich probiere gerade verschiedene Taktiken aus, wie ich alle Menschen dazu bringen kann, sich echte Uhren zu kaufen) ;-)

    Matt: in der Tat - daher muß auch von einem Automatikwerk in Ihrem konkreten Fall abgeraten werden. Zu leicht ließe es sich aus Versehen in Schwingung versetzen und Sie aus dem selbstgemachten Zeitloch reißen.

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  6. danke für den beitrag, der mir gerade an diesem doch so tristen vormittag ein lächeln auf die lippen zauberte ;-)

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