01 Oktober 2005

Die Frau auf dem Bürgersteig

Auf dem Weg ins Konzert. Vorm East-Hotel liegt eine junge Frau auf dem Trottoir, umringt von zwei Männern und einer weiteren Frau. Ich steige vom Rad und frage, ob ich helfen kann.

„Nein, alles klar“, sagt einer der Männer, „sie hat sich nur übergeben und ist dann umgefallen. Sie raucht schon wieder.“ Und in der Tat: Das tut sie. Sie liegt langgestreckt und bewegungslos auf den herbstkalten Platten des Bürgersteigs, sie trägt nabelfrei eine goldfarbene Discolackweste – und zieht an der Zigarette, die ihr fürsorglich in den Mund gesteckt wird.

Ob ich nicht lieber einen Arzt rufen soll? Nein, nein, alles klar, alles im Griff.

So radle ich weiter, umfahre ein paar Meter weiter mit letzter Not den strahlenförmig ausgebreiteten Inhalt ihres Magens und erreiche wenig später das Knust, einen zum Kuscheln netten Club im Schanzenviertel, der den großen Vorteil hat, zur Hälfte aus Konzertsaal und zur anderen Hälfte aus Tresen zu bestehen. So lässt es sich leben.

Es spielt Ex-Pulp-Gitarrist Richard Hawley (Foto, mit Heiligenschein) vor lachhaft wenigen Zuschauern (wovon rund ein Drittel der gleichen Spezies wie ich angehören, nämlich jener der Musikjournalisten), doch er schwelgt selbstvergessen im eigenen Oeuvre; es ist, als windsurften wir auf einem Meer aus Paradiescreme. Auf dem Rückweg komme ich wieder am East-Hotel vorbei. Das Quartett ist längst weitergezogen, sogar die Kotze ist schon trocken.

Das Wochenende auf dem Kiez: Es kann losgehen.


Kommentare:

  1. blogspargel17:38

    Also Danke für die plastische Schilderung, das wirkt nach.

    Ich glaube, hätte Amelia Donaghy aus dem Film "Der Knochenjäger" vorher zwei Wochen auf St. Pauli verbracht, hätte sie sich an den Tatorten bei der Spurensicherung nicht so angestellt.

    Ich muss mal kurz an die frische Luft ...

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  2. Ist doch schon fünf Jahre her …

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