05 Oktober 2005

Die Kühlschrankstemmer

In der Seilerstraße gibt es haufenweise sogenannte Import/Export-Läden. Draußen stehen meist ein paar Kisten mit traurigen LPs herum (James Last: „Jetzt geht die Party richtig los!"), drinnen sind diese Geschäfte stets voll bis unters Dach mit Unterhaltungselektronik knapp diesseits des Schrottzustands – plus einem bis zwei meist schnauzbärtiger Herren, die in dem Sekundenbruchteil, wenn du die Tür öffnest, tiefer in dein Innerstes schauen als jeder freudianisch ausgebildete Psychoanalytiker.

Sie wissen genau, wie sehr du dir wünschst, den mitgebrachten Videorekorder wirklich loszuwerden, auch wenn du so tust, als blute dir das Herz vor Trennungsschmerz. Mich hat mal einer bei einem durchaus passablen Gerät (ich glaube von Philips, Neupreis einst rund 1000 Mark) auf 5 Euro runtergehandelt. Eine Niederlage, die ich noch immer nicht verdaut habe.


Frappierend sind die kontrastreichen Nachbarschaften. Da gibt es diese Videothek für Schwule (Foto), deren Hauptattraktion die allmonatliche „FKK-Party – Das Original!“
ist, was immer sie darunter verstehen. Und direkt daneben ein Import/Export-Laden, der sich auf Haushaltsgeräte spezialisiert hat und tagein-, tagaus seilerstraßenverengend von Transportern und Klein-Lkws umlagert wird, die unablässig Kühlschränke, Trockner und Waschmaschinen aufnehmen und ausspucken. Eine ganze Armada hemdsärmeliger, schnauzbärtiger Herren mit Kippen in den Mundwinkeln ächzt und wuchtet sie Stund' um Stund' rein und raus und raus und rein.

Das alles erinnert beim täglich zweifachen Vorbeiradeln an den ätzenden (und dazu untertariflich bezahlten) Job von Sisyphos. Und was denken die fatalistischen Kühlschrankstemmer wohl über die allmonatlichen Besucher der „FKK-Party – Das Original!"? Kennt man sich, grüßt man sich? Oder bleiben das unversöhnliche Parallelwelten? Ich werde das mal recherchieren.

Wenn ich mich traue.

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