03 Oktober 2005

Der Schuh

Wenn ein verlängertes Wochenende ansteht, macht das Tollhaus Kiez Überstunden. Wie heute früh, am blutjungen Tag der Deutschen Einheit. Auf der Straße lange nach Mitternacht plötzlich Geschrei, von einer sehr hellen, sehr besoffenen Stimme. Wieder mal Straßenkino, denke ich, und betrete gemessenen Schritts den Balkon. Eine sehr blonde Frau brüllt auf der anderen Straßenseite einen sehr stummen Mann an; er wirkt wie ein melancholischer Türsteher.

Sie zetert, zieht ihren rechten Schuh aus, pfeffert ihn weg, ihm vor die Füße. Man versteht kein Wort. Sie verstummt kurz, um sich zwecks oraler Erleichterung ganz anderer Art über die Baustellenabsperrung zu beugen, nimmt den Faden aber gleich danach wieder auf - und den Schuh natürlich, den sie erneut wirft, diesmal nach ihm. Er will den Rückzug antreten, sie humpelt hinterher, obgleich ihre Standfestigkeit an die eines Kreisels erinnert, der stark an Schwung verloren hat.

Sie kriegt ihn zu fassen, krallt nach seiner Jacke, zieht sie ihm dabei schreiend halb aus. Er immer noch stumm, nicht aber die beiden Hilfspolizisten, die eigentlich die Falschparker-Armada abzetteln wollten und jetzt alarmiert herbeieilen. Ihr schwant Unheil, ihr vernebeltes Ich trifft im Prinzip die richtige Entscheidung: Flucht. Allerdings gerät die ihr taumelnd, schier kreisförmig. Ihr Erzürner dackelt nebenher, die Polizisten holen sie ein, ein paar Ermahnungen, dann lassen sie die beiden wieder allein.

Und sofort geht's weiter. Sie schreit, wirft schon wieder den Schuh, verschwindet im Eingang der Spielhalle gegenüber. Die Polizisten kommen zurück, verhandeln mit dem ratlosen Tropf - und entscheiden, einen Streifenwagen herzufunken. Fünf Minuten später ist der da, zwei Beamte holen die Frau aus der Spielhalle und verfrachten sie ins Auto. Das letzte, was ich höre, ist die sehr laute Stimme eines Polizisten aus dem Streifenwagen: „Ziehen Sie endlich ihren Schuh wieder an!"

Ihr Begleiter trollt sich. Wie das Paar sich wieder zusammenraufen will, ist mir schleierhaft. Er hat sie ja quasi der Polizei ausgeliefert. Eigentlich ein Grund, mit mehr zu werfen als nur einem Schuh.

Kommentare:

  1. blogspargel17:27

    Also der Mann wollte seine Frau los werden und das hat er auf sehr subtile, ja sogar humane Weise getan. Er wusste, nichts bringt eine Frau mehr in Rage, als auf ihre Vorwürfe überhaupt nicht zu reagieren, ja, sogar ratlos zu erscheinen - streiten unmöglich.

    Hätte er sie mit nach Hause nehmen sollen und sich ihrer mit Hilfe einer Chromaxt entledigen? Oder an die Niagarafälle, auf die Zugspitze oder das Walberla fahren, sie dort "verlieren" und dann als vermisst melden?

    Nein, er hat sie sogar noch der Obhut des Staates übergeben, wo sie noch Obdach bekam und ihr Leben ab dem nächsten Tag bindungslos neu gestalten konnte.

    Wahrlich großes Straßenkino. Gab's Kameras?

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  2. Nein, der dazugehörige Film existiert nur in meinem Kopf.

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