10 Oktober 2005

Der Obdachlose

Vor einiger Zeit ging ich an einem Verkäufer des Obdachlosenmagazins Hinz & Kunzt vorbei, es war vor der unteren Rolltreppe in der S-Bahnstation Reeperbahn. Plötzlich rief er mir vorbereitungslos zu mit geweiteten Augen: „Es hat geklappt mit der Wohnung!“

Ich wusste trocken und spontan mit einem „Herzlichen Glückwunsch!“ zu parieren. Und während ich lächelnd weiter mein Fahrrad Richtung Ausgang schob, rief er mir nach: „Und am 24. Dezember habe ich eine Frau!“


In diesem Augenblick schien jener sagenhafte Herzog'sche Ruck durchs Land zu gehen, die Rezession wurde schlagartig egal, alle Gläser waren dreiviertelvoll. Dieser Mann stand da und war glücklich. Der Optimismus hatte menschliche Gestalt angenommen.
Aber verdammt: Warum bin ich nicht umgekehrt, habe ihm die Hand geschüttelt und fünfzehn Hinz & Kunzt abgekauft? Verdammt!

Nun, es war eh nicht wahr, das alles. Er stand beim nächsten Mal wieder da und beim übernächsten Mal immer noch, und drei Wochen später auch. Keine Wohnung, keine Frau, nicht mal mehr ein Hinz & Kunzt.


Heute, als ich mit dem Schwaben, Kramer, C. und dem Franken nach der Arbeit vorm Aurel in Ottensen saß (im Oktober! In Südschweden! Es lebe der Treibhauseffekt!) und ein Feierabendbier trank, da kam eine schneidezahnlose Obdachlose vorbei, und ich kaufte ihr ein Hinz & Kunzt ab.


Die Entscheidung hatte irgendetwas mit dem Typen in der S-Bahnstation Reeperbahn zu tun. Ich weiß nur nicht genau was.

Kommentare:

  1. blogspargel16:33

    Also das war eine gute Entscheidung, das Heft zu kaufen, chapeau!

    Diese Sozialmagazine, die es glücklicherweise bundesweit in großer Zahl gibt, haben mehrere positive Effekte:
    1. Der Verkäufer hat einen Job, was sein Selbstwertgefühl hebt
    2. Er bekommt vom Käufer einen Kaufpreis und kein Almosen, was auch gut für das Selbstwertgefühl ist. Für das obligatorische Trinkgeld gilt dann das gleiche.
    3. Er hat ein berufliches Ziel (Hefte verkaufen) und sieht sofort den Erfolg (in der Provision), was ihn motivieren kann.
    4. Wir als Käufer helfen lokal Bedürftigen, also in unserer unmittelbaren Umgebung, was mindestens genauso wichtig ist, wie für Afrika etc. zu spenden.

    Wir kaufen bei uns immer jedes Heft mindestens bei zwei verschiedenen Verkäufern, einfach, weil wir von der o.g. (eigenen) Argumentation überzeugt sind. Und die glücklichen Verkäuferaugen hinterlassen auch ein sehr gutes Gefühl.

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  2. Stimmt. Trotzdem hat das bei mir keine Systematik. Manchmal möchte ich, manchmal nicht. Weiß auch nicht, woran das liegt.

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