23 Oktober 2005

Die Porno-DVD

Auf dem Weg zur Bäckerei stolpere ich über eine Porno-DVD, die in der Detlev-Bremer-Straße auf dem Gehweg liegt. Die Rückseite zeigt nach oben, und die Macher hatten mit routiniertem Blick einige sehr ausdrucksstarke Szenen ausgewählt, welche die Kaufentscheidung begünstigen sollten.

Jetzt aber liegt die Hülle hier im Schmutz des Sonntagmorgens, der nächtliche Regen hat für Feuchtigkeit zwischen Cover und Plastikhülle gesorgt, so dass leichte Verfärbungen und eine Wellung des Papiers zu sehen sind.

Ich bin unschlüssig, was ich damit anstellen soll. Reinschauen, um zu sehen, ob noch eine DVD drin ist? Ohne näheren Augenschein in die nächste Mülltonne stopfen? Immerhin könnten Kinder das Teil finden. Zwar sind Kiezkids sicher abgebrühter als ihre Altersgenossen in Castrop-Rauxel oder gar Hodenhagen, aber hierbei handelt es sich unbedingt um Hardcore.


Wie auch immer: Ich hebe das in jeder Hinsicht schmuddelige Teil nicht auf, sondern schubse es mit dem linken Fuß nur etwas näher an die Hauswand und gehe weiter. Unterwegs plagt mich allerdings schnell das Gewissen, und ich beschließe, die DVD auf dem Rückweg doch noch spitzfingrig aufzuheben und der geborgenen Anonymität eines Mülleimers zu übereignen.

Als ich wenig später wieder in die Detlev-Bremer-Straße einbiege, sehe ich 20, 30 Meter vor mir eine junge Familie, und sie ist unweigerlich auf Pornokurs. Die beiden um die Eltern herumtollenden Kinder sind vielleicht vier oder fünf Jahre alt, und mir wird klar, dass ihr Vorsprung zu groß ist, um ihren Weg noch moralisch säubern zu können.

Ich habe es versaut, ich hätte es auf dem Hinweg erledigen sollen …
Angespannt gehe ich hinter ihnen her, die Kinder sprühen vor Energie und dem altersüblichen Willen zur umfassenden Welteroberung. Jetzt kommen sie an die Stelle, gleich wird eins der Kinder etwas vom Boden aufheben und sagen: „Papa, was hat denn der Mann da für einen Stock am Bauch? Tut er der Frau weh? Warum haben die denn nichts an?“ Es wird so kommen, und ich kann nichts mehr tun.

Doch die DVD, sie ist weg.
Die Stelle an der Hauswand tut, als sei nichts gewesen. Fünf Minuten ohne Aufsicht haben gereicht. Jemand hat sie mitgenommen, vielleicht einer, der sie kopfschüttelnd in die Tonne drosch, vielleicht einer, der sich einen schönen entspannenden Sonntagnachmittag damit macht.

Oder vielleicht ein Kind.

Eine Schrift auf dem Pflaster in unmittelbarer Nähe scheint sich spöttisch an mich zu wenden: „Es wird wieder“. Die Lehre daraus: Denk nicht nur das Richtige, sondern tu's auch. Und zwar sofort.

Große Musik, die heute durch den iPod floss: „City of dreams“ von Marah, „Silver bullets“ von Ryan Adams und „Just one star“ von Antony & The Johnsons.

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