30 Januar 2010

Und als nächstes Voodoopuppen?

In einem Behandlungszimmer meines Hausarztes – zum Glück im kleinsten, schäbigsten und deshalb von mir zuvor noch nie betretenen – hängt ein Riesenplakat an der Wand. Es ist überschrieben mit „Ohrakupunktur-Tafel“.

Diese Übersicht, bei der Hirnrissigkeit und Detailreichtum eine unheilvolle Allianz geschmiedet haben, behauptet, es gäbe Punkte an meinem Ohr, die hingen direkt mit meinem Hintern zusammen. Oder meiner Gebärmutter.

Das Plakat faselt von „Meridianen“ und „Energielinien“, also lauter zusammenfantasierten Schimären, deren experimenteller Nachweis bisher immer laut krachend scheiterte und für deren Erforschung man deshalb hinfort bittebitte keinen Cent mehr ausgeben soll. Abgemacht?

Das Plakat als solches wäre natürlich kein Problem (ich meine, es gibt Leute, die lesen Vampirromane und hängen trotzdem keinen Knoblauchkranz ans Küchenfenster) und sein Verfasser nur ein interessanter Fall für einen einfühlsamen Psychotherapeuten – …

… hinge dieses Ding nicht ausgerechnet im Behandlungszimmer meines Hausarztes.

Was kommt als nächstes – Voodoopuppen? Das Handeln dieses mir stets ehrenhaft und seriös vorkommenden Mannes schien mir bisher von überprüfbaren Erkenntnissen geprägt und weniger von Spinnereien aus einer eh von Spinnereien komplett durchsuppten Zeit, als man noch an Drachen, fliegende Teppiche und die Scheibenform der Erde glaubte.

Kurz: Ich war nachhaltig erschüttert.

Dummerweise ist der Mann gerade im Schiurlaub, weshalb ich ihm nicht persönlich mein Vertrauen entziehen konnte. Und vielleicht – an diese Hoffnung klammere ich mich jetzt – weiß er auch gar nichts von diesem vertrauenserodierenden Schaubild, sondern es war die Interims- und Assistenzärztin, die den (auch künstlerisch erbärmlichen) Humbug heimlich aufgehängt hat.

Bei ihrer Diagnose verließ sie sich übrigens dann doch lieber auf Laboranalysen und Röntgenbilder. Sonst hätte ich ihr auch was gehustet.

(Andererseits: Das hab ich auch so. Aber aus anderen Gründen.)

PS: Von irgendwelchen ohrakupunkturverteidigenden Kommentaren bitte ich dringend abzusehen. Der Effekt wird eh nur der sein, dass ich das Bedürfnis verspüre, Ihnen die Nummer eines einfühlsamen Psychotherapeuten rauszukramen. Und danach können Sie schließlich auch selber googeln.


Kommentare:

  1. miele00:30

    gehst du jemals ohne knipskiste aus dem haus ?

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  2. Anonym08:05

    Ohrakupunkturverteidger könnten sich ja aus Protest, mit einer Überdosis homöopathischer Schlafmittel das Leben nehmen.

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  3. Und so wird Niki Lauda nie erfahren, wo ihm was, warum weh tut.

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  4. Ja, es ist tragisch. Auch Tiere ohne Ohrmuschel haben einfach Pech.

    Anonym, Ihr Vorschlag ist von schier magischem Reiz und gefällt mir sehr. Allerdings sollte man bedenken, dass es sogar möglich ist, mit WASSER Selbstmord zu begehen – indem man einfach so viel trinkt, bis durch Salzmangel der Stoffwechsel zusammenbricht.

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  5. Anonym17:57

    Der Tod tritt beim Wassertrinken bestimmt durch die hochpotenzierten (verdünnten) homöopathischen "Wirkstoffe" ein. Die Idee stammt nicht von mir sondern von 10:23: http://www.heise.de/tp/blogs/3/146995. Leider.

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  6. Das nenne ich mal einen zielführenden Link. Besten Dank dafür.

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  7. da stimme ich zu Matt

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  8. Oberschwester Hildegard23:19

    Da sage ich nur: Belonophobie!

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  9. Verschonen Sie uns bitte mit Ihren Gebrechen.

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  10. Anonym10:00

    Watt der Bauer nich kennt, dat frisst er nich..

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  11. vierundachtzig13:04

    Wozu die Aufregung? Offensichtlich hilft es manchen (mir nicht). Ist das nicht die Hauptsache, egal, woran es liegt und wie es wirkt? Ich finde Sachen spannend, die rational nicht zu erklären sind. Wenn man beispielsweise Musik macht und es schafft, durch bestimmte Vorstellungen technische Grenzen eines Instruments ein kleines Stück zu erweitern.

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  12. möglicherweise führt ihr hausarzt ein geheimes zweites leben als ohrologe? einen "einfühlsamen psychotherapeuten" müssen wir übrigens abziehen wegen doppelt...

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  13. Tommy, keineswegs: Auch unter denen gibt es gewiss grobe Klötze.

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  14. vierundachtzig, Sie plädieren anscheinend dafür, jede Scharlatanerie durch das Krankenkassensystem bezahlen zu lassen. Doch auch die wissenschaftlich fundierte Medizin hat ihre Placebotechnik; dafür reichen aber Zuckertabletten – dazu braucht man nun wirklich kein milliardenteures Bohei, an dem sich Lügner, Betrüger und Hinterslichtführer gesundstoßen.

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