26 Januar 2010

Busfahrers Glücksmomente

Heute traf ich den schweigsamsten Stoiker seit Buster Keaton. Er war Busfahrer der Linie 37 und sah exakt aus wie Fritz Rau: strähnige graue, zurückgekämmte Haare, schmale Lippen, Brille, grauer Bart.

Als ich grüßte und ihm im Vorübergehen meine Abokarte zeigte, blickte er stoisch durch die Windschutzscheibe.

Vom Gang aus sah ich eine Rollstuhlfahrerin, die gerne die hintere Tür geöffnet haben wollte. Ich ging den halben Weg zurück Richtung Buster und rief: „Bitte öffnen Sie die Tür für eine Rollstuhlfahrerin!“. Dann setzte ich mich.

Die Rollstuhlfahrerin klopfte gegen die weiter geschlossene Tür. Ich stand noch einmal auf und ging diesmal ganz nach vorne. „Eine Rollstuhlfahrerin möchte gern rein, könnten Sie die Tür öffnen?“, fragte ich. Buster zeigte etwa die gleiche Reaktion, wie man sie in diesem Moment auch vom Matterhorn erwartet hätte, und gab weiter stumm Karten aus.

Eine Passagierin, die als zweite in der Schlange – also in etwa einem Meter Entfernung vom Fahrer – auf die Entrichtung des Fahrpreises wartete, lächelte mich an und sagte gut verständlich: „Er kann keine zwei Sachen gleichzeitig.“ „Er kann anscheinend nicht mal hören“, antwortete ich so laut, dass er uns ebendieses Handicap zwangsläufig weiterhin vorspielen musste. Daher: keine Reaktion.

Von hinten lautes Klopfen. Tja. Man sollte halt immer ein Brecheisen mit sich führen, als Buspassagier. Ich setzte mich. Als alle neueingestiegenen Fahrgäste abgefertigt waren, öffnete der Herr der Türen endlich mit einem Tastendruck die hintere. Die Rollstuhlfahrerin fuhr herein und rief ein unberechtigtes „Danke!“ nach vorne.

Buster schloss beide Zugänge. Ein junger Mann kam angelaufen, prallte an die vordere Tür und klopfte. Der Busfahrer schaute geradeaus und fuhr los. An der Haltestelle Davidstraße dann die letzte kleine Schikane, die seinem Arbeitstag die nötige Restsüße verlieh: Am einzigen dort stehenden Fahrgast fuhr er fünf Meter weit vorbei, damit der Mann fluchen und spurten musste.

Ich liebe den HVV.



Kommentare:

  1. pils02:47

    Als Berliner fühlt man sich dann doch von soviel Anteilnahme und Mitgefühl eines Busfahrers ernsthaft überrascht.

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  2. Anonym13:30

    Na, das können die Angestellten anderer Verkehrsbetriebe auch. Es gab neben den "statischen Ignorierern" auch die Fraktion der "dynamischen Quäler" - die herausragenden Elemente der Fahrweise dieser Diesel-Schumis hießen dann "Rentnerkegelstart" und "Punktbremsung".

    (Kommentator ist nicht "Anonym"!)

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  3. Seit wann arbeitet das Matterhorn eigentlich beim HVV?

    Achso, bestimmt wegen der Krise. Job auf 400€ Basis, wa?!

    Gruss

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  4. Das Führen von Linienbussen gilt schon seit ihrer Erfindung als Charakterschule. Ich erinnere an meinen Erlebnisbericht Vorne Einsteigen!

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  5. … und zwar zu recht, denn er gehört zu Ihren (nicht wenigen) Glanzleistungen.

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