21 Februar 2006

Die wahren Psychopathen

„Sofort, als sie hereinkamen, wusste ich, dass es ein Fehler gewesen war, mich mit German Psycho und Pat Bateman zu verabreden. Bewusst hatte ich einen öffentlichen Treffpunkt vorgeschlagen, nämlich das Aurel in Ottensen. Hier war ich einst dem Dude begegnet, hier fühlte ich mich sicher.

Doch was da torkelnd und schreiend durch die Eingangstür hereinbrach wie zwei gleichzeitige Hurrikane über die Florida Keys, war in höchstem Maße beunruhigend. GP, den ich von einem gemailten Passfoto kannte, sah aus, als hätte er im Müllcontainer übernachtet. Sein Zegnahemd hing ihm aus den Baggypants, in den schulterlangen Dreadlocks hatten sich Stofffetzen verfangen, seine schneeweiße Wildlederhose war gesprenkelt mit roten Flecken irgendeiner Flüssigkeit, die sich an den Rändern bereits dunkel verfärbte; offenbar aufgrund eines Trocknungsprozesses.

Batemans hagere Gestalt hingegen wurde umflattert von einer ärmellosen Jeansjacke, darunter trug er ein vollkommen verdrecktes Hell's-Angels-T-Shirt, das lange parallele Risse aufwies – als hätte ihm jemand mit einer riesigen Gabel die Brust gefurcht. Oder war es eine verkrampfte, panische, mit langen spitzen Fingernägeln gespickte Hand gewesen? Auf seiner vollverspiegelten Dolce&Gabbana-Sonnenbrille schimmerte es öligbunt, die orangefarbenen Spandexleggings waren dunkelfleckig und mit Brandlöchern übersät.

Beide, mit den Armen über des anderen Schultern, grölten „Eat the rich“ und waren augenscheinlich völlig von Sinnen. Dennoch hätte dieser bizarre Auftritt mit etwas gutem Willen noch als hanseatische Exzentrik durchgehen können. Was aber die Gäste des Aurel – und mich – augenblicklich erstarren ließ, war die gewaltige Axt, die Bateman an seiner schwergliedrigen silbernen Halskette befestigt hatte und deren Stiel ihm fast bis an die Knie reichte. Vom einst chromblitzenden Keil tropfte eine rote Flüssigkeit, fleischartige Bröckchen säumten die Schneide, irgendetwas Furchtbares musste geschehen sein.

„Come on baby, eat the rich“, schrie Bateman, und GP antwortete: „Put the bite on the son of a bitch!“ Ich duckte mich hinter mein gottlob hoch aufragendes Halbliterglas Große Freiheit und hoffte, sie würden mich nicht entdecken.

Mir wurde schlagartig alles klar. Es war ein verdammter Fehler gewesen zu glauben, diese beiden hätten sich ihre psychopathischen Blogidentitäten nur zugelegt. Nein, alles, was GP und Bateman in ihren Blogs geschrieben hatten, alle blutigen Metzelfantasien, diese ganze scheinbar literarische Bret-Easton-Ellis-Mimikry war nichts weniger als wahr, wahr, wahr – und das zynische, gefühllose Schreiben darüber die beste Tarnung, die sich Psychopathen nur wünschen konnten.

Ich musste hier raus, musste diesen Irrsinn stoppen, sofort. Beide taumelten jetzt brüllend auf die Theke zu, der wild schlenkernde Axtstiel streifte einen Gast am Knie, doch der wagte nichts zu sagen, sondern stand geduckt auf und huschte zur Tür.

Meine Chance! Im Windschatten des Fliehenden schlüpfte ich hinaus, ich rannte wie wahnsinnig zum Bahnhof Altona, stürzte in ein Taxi, „Zur Davidwache!“, schrie ich, dort stolperte ich mit jagendem Puls die Treppe hoch, klammerte mich hechelnd an den Tresen und stammelte meine Geschichte.

Der Beamte schaute mich an. Dann lächelte er. Er glaubte mir kein Wort. Kein einziges.“


Ex cathedra: Die Top 3 der gefährlichsten Songs
1. „Careful with that axe, Eugene“ von Pink Floyd
2. „Don't fear the reaper“ von Blue Öyster Cult
3. „The killer in the rain“ von Paul K. & The Weathermen

Kommentare:

  1. Joshuatree01:10

    Scheint ja wahrlich eine waghalsige Begegnung gewesen zu sein - Du zitterst ja noch wie Espenlaub, wie man an der Kursivschreibweise erkennen kann ;-). Der hanseatische Tourismusverband wird Dich für diesen Beitrag aber sicher ächten.

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  2. Anonym09:27

    große gefühle! vorallem die "hagere figur" und die "orangenen leggings" haben mir besonders gut gefallen. und jetzt? ziehen sie weg? ;-)

    Ad

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  3. Ich muss wohl – die beiden wissen, wo ich wohne!

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  4. Anonym12:04

    lassen sie mich bitte vorher ihre wohnung besichtigen! die beiden wissen nähmlich auch wo ich wohne, ob sich dabei die adresse ändert spielt keine rolle mehr, sie hätten aber vielleicht noch eine chance unterzutauchen! ;-)

    Ad

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  5. Es tut mir außerordentlich leid, daß ich Sie mit Herrn Ad bekannt gemacht habe. Ich dachte nicht, daß das so schnell geht.

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  6. Ich muß Sie ausdrücklich loben. Dermaßen genau wurde ich noch nie beschrieben. Bitte denken Sie daran, daß wir, wenn Sie umzögen, Ihre Adresse in wenigen Minuten herausfänden. Widerstand ist zwecklos.

    (Und bei nächster Gelegenheit wiederholen wir das, ja?)

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  7. Ja, GP, Sie sind jetzt bundesweit zu identifizieren. Das schränkt die Möglichkeiten des Untertauchens enorm ein, denken Sie daran.

    (Gerne.)

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