
Klar, die Deutsche Post ist schon lange keine Behörde mehr, doch manches Relikt aus jenen glorios seriösen Jahrzehnten steckt ihr noch immer tief in den Genen. Ich werde weiter unten auf diese These zurückkommen.
Seit der Privatisierung hat sich bei der Post, wahrscheinlich durch Lohndrückerei, eine Selbstbedienungsmentalität breit gemacht, die einst, als Schwarz-Schilling noch Postminister war, niemals denkbar gewesen wäre. Die Quote der Umschläge mit CDs und DVDs, die an unsere Redaktion adressiert sind und „verschwinden“, beträgt fünf bis zehn Prozent, mit deutlichen Spitzen in der Vorweihnachtszeit.
In der Regel verdunstet das ganze Zeug spurlos, und da es fast immer als einfache Briefsendung verschickt wird, ist die Post stets auf der sicheren Seite. Sie kann schließlich nur Einschreiben und Pakete zurückverfolgen, tja.
Enttarnt wird der Schwund meist erst durch telefonische Nachfragen der Absender bei mir. Manchmal schicken sie eine Platte dreimal, ehe die Post endlich so gnädig ist, sie bis zu uns durchzuwinken.
Doch zurück zum eingangs erwähnten Gen, welches sich als Relikt hie und da noch bemerkbar macht. Neulich war es mal wieder so weit: Ich fand das oben abgebildete Objekt in meinem Postfach. Es handelt sich dabei um einen unverhohlen grobmotorisch aufgerissenen DIN-A5-Umschlag in einer Plastikhülle.
Nachdem Herr Werauchimmer die CD entnommen hatte – und jetzt wird’s bürokratisch –, steckte er den zerstörten Umschlag in eine Klarsichttasche, verschweißte sie sorgfältig und gab dieses völlig nutzlose Ensemble dann wie zum Hohn doch noch in die Zustellung.
Mal ehrlich, Post: Dann doch lieber einfach stillschweigend einsacken. Der aufgedruckte Text – „Die Sendung wurde leider beschädigt und deshalb von der Deutschen Post mit Kunststoffhülle versehen“ – düpiert mich nämlich mehr als eine vorerst unbekannt gebliebene Mopserei. Zumal dieser Text zu allem Überfluss auch noch Dankbarkeit einfordert – für eine Fürsorge, die gar nicht nötig gewesen wäre, hätte man diesen Umschlag einfach ordnungsgemäß zugestellt, statt ihn zu flöhen.
Übrigens ist die Verzweiflung auch auf Absenderseite groß. Da die Labels sich das Porto für Einschreiben nicht leisten können (weil Sie alle, meine Damen und Herren, wild downloaden, jawohl), versuchen sie es mit bisweilen rührenden kleinen Tricks. Promo-CDs von besonders begehrten Künstlern etwa tragen immer seltener den wahren Namen. Statt Eric Clapton steht dann zum Beispiel „Ian Snodgrass“ drauf (schon erlebt), in der Hoffnung, Herr Werauchimmer kratzte sich darob ratlos am Kopf und ließe unwissentlich den Clapton passieren.
Übrigens möchte ich meine obigen Ausführungen hiermit in aller Deutlichkeit als spekulativ klassifizieren; alle angedeuteten Beschuldigungen sind lediglich stilistisch und rhetorisch motiviert.
Einschreiben und Pakete verschwinden übrigens nie. Doch dafür gibt es bestimmt eine ganz einfache Erklärung. Die mir nur gerade nicht einfällt.
Nachtrag vom 11.8.2011: Die Sendung „Kerner“ dokumentierte heute Abend einen Test mit Bargeldsendungen. Ergebnis: 30 Prozent aller Briefe werden von Postdieben geöffnet, gefleddert und teils leer weitergeschickt.