22 Juni 2011

Die turnusmäßige Pannenbeichte



Neulich erzählte mir eine Bekannte, sie müsse dringend ein neues Fahrrad anschaffen, da ihr altes nach jahrelanger Nichtnutzung quasi im Herumstehen verrottet sei und nichts daran mehr funktioniere, weder Gangschaltung noch Bremsen.

Interessant, antwortete ich. Die entscheidende Frage sei aber doch, fuhr ich süffisant fort, warum sie ihr Fahrrad überhaupt dank jahrelanger Nichtnutzung der Verrottung anheimgegeben habe.

Weil ihr Vater, antwortete sie mit leiser Stimme und musste schwer schlucken, jahrelang im Koma gelegen und sie in jeder freien Minute mit dem Auto zum Krankenhaus am Rande der Stadt habe fahren müssen.

Nun gut: Eine solche Falltür kann man praktisch nicht erkennen, bevor man mit Karacho hineintappt, daher mache ich mir letztlich keinen Vorwurf. Und doch war mir das Ganze recht peinlich.

Immerhin bin ich in Übung, denn solche Sachen passieren mir öfter. Die Geschichte mit der schwangeren Bekannten im Winterparka etwa, die ich fragte, wann es denn so weit sei, woraufhin mir der bisher irgendwie unsichtbar danebenstehende Kindsvater vorwurfsvoll das Baby vors Gesicht hielt, ist altgedienten Mitlesern (also seit 2006) längst bekannt, die wärme ich hier also nicht mehr auf.

Eine weitere blieb allerdings bislang noch unerzählt. Sie spielt in einem Restaurant, ich wollte Smalltalk machen und fragte eine mit am Tisch sitzende Frau, die Krücken dabei hatte: „Oh, haben Sie sich verletzt?“ „Nein“, sagte sie, „ich habe nur ein Bein.“

Wenn ich mich recht entsinne, versuchte ich erst gar nicht, die Situation zu retten, sondern guckte hoffentlich einfach nur mitfühlend melancholisch. Vielleicht aber auch wie ein Stück Weißbrot.

Das alles erzähle ich eigentlich gar nicht, um mich mal wieder per Blogbeichte von den wichtigsten Pannen der vergangenen Monate reinzuwaschen, sondern vor allem, um dieses ziemlich neue Foto einer formidablen Fahrradleiche loszuwerden, womit auch der Bogen zum Anfang dieses Eintrages mit beiläufiger Eleganz geschlagen wäre.

Der Kadaver hängt übrigens unterm U-Bahnhof Rödingsmarkt rum, falls ihn jemand weiter fleddern möchte.

Kommentare:

  1. Anonym03:21

    Oh Gott, ich musste so sehr lachen :D

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  2. Anonym08:45

    Sie scheinen Talent zu haben das Fettnäpfchen so zu treffen, das Sie bis zur Oberkante Unterlippe darin versinken.

    Ist auch ja nicht jedem gegeben ....

    Frau-Irgendwas-ist-immer *schwer grinsend*

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  3. Faouzi09:52

    Rätselhaft (und fast schon ein Wunder) nur, wie es dem Vater im ersten Teil des Eintrags gelungen ist, Ihre Bekannte fast täglich herumzuchauffieren. Und das in seinem Zustand ...

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  4. Faouzi, ich spüre die Anwesenheit der Rechtschreibpolizei.. Oder ist es doch nur der gemeine Wortfuchs... *grübel*

    Naja, es sei Ihnen gestattet. Der Herr Matt is ja auch gern mal wortfuchsig. Eigentlich schade das ich nicht drauf gekommen bin. Naja.. *schulterzuck*

    In dem Sinne.. Schönes Wochenende.. :)

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  5. Mist, Mist, Mist, Faouzi, das wollte ich auch anmerken. Chapeau. Sie waren schneller. Es gibt immer einen, der schneller zieht.

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  6. Es handelt sich um einen Subjektwechsel auf halber Strecke, meine sehr verehrten Damen und Herren Schlaufüchse, UND DAS WISSEN SIE GANZ GENAU!

    Aber ich habe diese Korinthenkackerei natürlich verdient, das muss ich zugeben.

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  7. Eine querschnittsgelähmte Bekannte erzählte von einem Verkehrsunfall, der passierte, als sie schon gelähmt war.
    Der übereifrige Sanitäter meinte beim Verladen in den Krankenwagen zu ihr, dass sie bestimmt bald wieder gehen könnte..... öööhm.

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  8. Also, Herr Wagner, alles harmloses Zeugs.

    Oder haben Sie schon mal dem Chef zum vierzigsten gratuliert, obwohl er erst 34 wurde (vom Kollegen hereingelegt), in der Büroklokabine von der eigenen Frau mit dem entsprechenden Klingelton einen Anruf bekommen oder in ihrer Anwesenheit - zum Spaß, haha! - erstmals www..de eingegeben - Ruf mich an! - oder die Gehaltsabrechnung an den gleichnamigen Kollegen in der Firma anstatt an die private E-Mail-Adresse weitergeleitet?

    Da ändert sich die Gesichtsfarbe, aber nicht zu knapp!

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  9. Sie sollten bloggen. Stoff genug scheint vorzuliegen … ;)

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  10. Anonym10:42

    Da Sie ja offenkundig "unabsehbare Weiterungen" von auf den ersten Blick banal wirkenden Fotos schätzen, hier noch eine Anmerkung: Das gezeigte (ehemalige) ad stammt mit einiger Wahrscheinlichkeit aus der West-Berliner "Senatsreserve", die nach dem Mauerbau 1961 angelegt wurde. An verschiedenen Stellen Berlins lagerten dann also jeweils größere Reserven von Sachen und Zeugs, das man bei einer erneuten Blockade der Teil-Stadt zu brauchen meinte (die heutige Berlinische Galerie ist z.B. im ehemaligen (Fenster-)Glaslager untergebracht: http://www.berlinischegalerie.de/museum/gebaeude.html). Und zur eingelagerten Senatsreserve gehörten eben auch 10.000 Fahrräder, alles solche kleinen 26"-Dinger von verschiedenen Herstellern (Baujahre offenbar immer 1961/62). Diese Räder sind dann nach 20 Jahren Lagerfrist chargenweise verkauft worden, ungebraucht und werksverpackt; es gibt auch heute noch viele davon, in allen denkbaren Erhaltungs- bzw. Verfallszuständen.
    Und mit der Marke 'Alvia' (offenbar ein Phantasiename, wenn das allwissende Internet nicht irgendetwas übersehen haben sollte) hat es noch eine besondere Bewandnis: Diese Räder tragen zwar ein Lenkkopfschild der Express-Werke in Neumarkt, aber diese Firma (die immer damit warb, die "Älteste [noch existierende] Fahrradfabrik des Kontinents [also abgesehen von England]" zu sein, ist 1958 in Konkurs gegangen und kann daher 1961 keine Fahrräder mehr hergestellt haben. Ich vermute, dass diese Räder faktisch bei den Victoria-Werken in Nürnberg hergestellt worden sind (die sich ansonsten nicht offiziell an der Lieferung von Senatsreserve-Fahrrädern beteiligt haben), die zu dieser Zeit allerdings auch gerade in der Zweirad-Union auf- bzw. untergingen ...

    Das alles weiß ich, weil ich auch so ein 'Alvia'-Herrenrädchen habe - bei meinem Rad sind übrigens Sattel und Gepäckträger nicht mehr original, also sollte ich vielleicht demnächst doch mal wieder Hamburg einen Besuch abstatten, insbesondere dem Rödingsmarkt ... ;-)

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