11 Juni 2011

Wie die Zeit vergeht



Habe morgens um viertel nach zehn einen Termin auf der Führerscheinstelle in Hammberbrook, weil ich endlich den grauen Lappen loswerden will, von dem mich seit Äonen ein fremder verpickelter Teenager anblickt.

Ich trudle 25 Minuten zu früh ein, weil ich ein Zwangscharakter bin wie das nun mal meine Art ist. Der lange Gang ist menschenleer. Er wird flankiert von ungefähr einem Dutzend Büros mit offenen Türen, hinter denen Beamte offenkundig nicht in Arbeit ersticken. Sie träumen von Pfingsten.

Ich bin der einzige Kunde und nehme auf einem der bereitgestellten Drahtstühle Platz. Ab und zu gongt es leise, wenn wieder mal eine Nummer dran wäre, die niemand je gezogen hat. Die Displayarmada über den Flurtüren sagt in Neonrot Sachen wie „305 Raum 107“ oder „308 Raum 103“ ins menschenleere Nichts des Flurs. Ich lese derweil Spiegel.

Bald tritt eine Beamtin aus ihrem Büro und fragt: „Haben Sie einen Termin?“ „Ja, um viertel nach zehn.“ Sie blickt hoch zur Fluruhr. „Na, das ist ja noch ein bisschen zu früh“, bedauert sie aufrichtig und geht zurück an ihren Schreibtisch, ohne Beschäftigung auch nur zu simulieren.

Nirgends klingeln Telefone. Ab und zu huscht jemand in gespielter Eile durch den Flur, doch es ist nie ein Kunde.

Einige Minuten später, es ist jetzt bereits zehn Uhr, betritt eine andere Beamtin den Gang und fragt die gleiche Frage wie ihre Kollegin von vorhin: „Haben Sie einen Termin?“ „Ja, um viertel nach zehn.“ Sie schaut auf die Uhr und sagt: „Das ist aber noch ein bisschen früh.“

Dann geht sie zurück ins Büro, wo sie sich vor ihren Monitor setzt. Die Finger legt sie auf der Tastatur ab, als wären es Gänsefedern. In leichtem Schlummer lassen sie tatenlos weiter die Zeit runterticken, Pfingsten entgegen.

Um sechs nach zehn, also neun Minuten vorm vereinbarten Termin, kommt die erste Beamtin erneut aus ihrem Büro. „Sie können reinkommen“, lächelt sie mir zu. „Ich glaube, das ist jetzt in Ordnung so.“

Um halb elf fahre ich zurück nach St. Pauli.
Zurück ins Leben.


PS: Das Foto zeigt ebenfalls einen menschenleeren Gang, aber nicht den der Führerscheinstelle, sondern den erheblich prunkvolleren der Galleria Große Bleichen. Das muss man mir bitte nachsehen.


Kommentare:

  1. Nihilistin07:57

    Was ich mich immer frage, Herr Matt - WIRD man so, oder IST man so?
    Sprich: Würde ich, seit Jahrzehnten in der schnellen Kundenorientierung der freien Wirtschaft gestählt, auch so werden, wenn man mich für 5 Jahre in die Führerscheinstelle versetzen würde? Oder würde ich nach 10 Tagen den Freitod wählen, weil ich ums Verrecken so nicht werden KANN, selbst wenn ich es wollte?

    Die Beamtenseele ist und bleibt mir ein Rätsel.....

    AntwortenLöschen
  2. Anonym10:42

    Das paßt natürlich zum Dilbert von heute:

    http://dilbert.com/strips/comic/2011-06-11

    Nun mag das kein Symptom der Beamtenseele im Generellen werden. So wird beispielsweise der eine oder andere Beamte der Bereitschaftspolizei oftmals aktiver, als sich der Bürger wünscht.

    Hier im Umland von Hamburg besteht einer der wenigen Vorteile der Stadtflucht, daß man ohne Termin in das Aequivalent des Ortsamtes kommt, als trainierter Hamburger um 07:50 darauf wartet, daß der Kundenverkehr um 08:00 beginnt, um dann vom Bürgermeister zu hören: "Gehen Sie ruhig schon rein, die Damen sind schon da!". Sind sie auch. (In Hamburg würde man um die frühe Zeit wahrscheinlich noch wahrnehmen, daß sich am Verkehrsamt der Autostrich befindet. Macht ja irgendwie Sinn.)

    AntwortenLöschen
  3. Anonym, das macht es trotdem keinesfalls wett, NICHT in der Innenstadt zu leben … ;)

    Frau Nihilistin, die Adaptionsfähigkeit des Menschen war ein absoluter Evolutionsvorteil. Kurz: Weil wir bei Bedarf auch Beamte werden können, wurden wir zu Herrschern des Planeten.

    AntwortenLöschen
  4. Boah, die könnten doch ein paar Leute an die Einwohnermeldeämter (ja, ich weiß, die heißen inzwischen irgendwie anders) abgeben. Da steppt nämlich der Bär, angeblich wegen der neuen Persos, am besten soll man um 7.15 kommen, damit man um 8.00 noch eine Wartemarke ziehen kann, wenn sie aufmachen - und verstärkt wird das dann, dass dort die halbe Mannschaft von dem Stress (wahrscheinlich so ungewohnt) krank geworden ist... grrhh, ja genau, ich muss da morgen wieder hin

    AntwortenLöschen
  5. Dann alles Gute, leben Sie wohl …

    AntwortenLöschen
  6. Nummer15:54

    Warum haben Sie denn keine Marke gezogen? Sie hätten das System mit seinen eigenen Waffen schlagen können.

    AntwortenLöschen
  7. Es war der Termin, den ich hatte. Ich war gleichsam sediert. Wird mir aber nicht mehr passieren.

    Allerdings glaube ich, dass dieses System sich nicht mit Waffen schlagen lässt, schon gar nicht mit seinen eigenen.

    AntwortenLöschen
  8. (Wieso versteh ich den „leben Sie wohl”-Kommentar nicht? Auf was bezieht der sich'n?

    Anyhow: Eine Beamtenseele, meine Herren (geschlechtsneutral gemeint, wegen des Effekts), gibt es genausowenig wie genetisch bedingte Dummheit bei Negern. Da sind wir uns (hoffentlich) alle einig.

    Also muß es wohl daran liegen, daß es bei Behörden kein Anreizsystem gibt, oder? Individuell mag es ja auch eine Menge fleißiger und schlauer Beamter geben (und ich kenne sogar ein paar), aber im Schnitt ist es eben bequem, sich einfach treiben zu lassen, wenn man eh unkündbar ist. Und die Beförderungen bis zu einem bestimmten Punkt rein nach Dienstzugehörigkeit erfolgen.

    AntwortenLöschen
  9. Mein „leben Sie wohl“ bezog sich auf die bloße Tatsache, einen Termin in einem Einwohnermeldeamt zu haben. Sie glauben gar nicht, wie viele arme Seelen bereits nie mehr zurückgekehrt sind.

    Das Entstehen des Beamtenwesens ist in der Tat systembedingt, da gebe ich Ihnen völlig Recht. Allerdings klingen Worte wie „Unkündbarkeit“ und „automatische Beförderung“ manchmal wie Schalmeienklänge in meinen Ohren. In ganz schwachen Momenten, zugegeben.

    AntwortenLöschen
  10. Anonym02:20

    Übrigens: In Hamburg muß man für einen Führerscheintausch nicht nach Hammerbrook. Kann jedes Ortsamt.

    AntwortenLöschen