31 Dezember 2011

Offener Brief zu Silvester (6)

Alle Jahre wieder steht hier an dieser Stelle zu genau diesem Zeitpunkt ein inständiger Appell an Ihre Restvernunft, und alle Jahre wieder muss ich Anfang Januar in der Zeitung lesen, dass sie ihn überhört haben, ignorierten, darauf spuckten, in die Tonne traten, wegwischten, ja hohnlachend missachteten.

Das betrübt mich sehr. Aber vielleicht wird ja diesmal alles anders. Vielleicht denken Sie: Mensch, Matt könnte ja Recht haben, ich spreng mir dieses Jahr einfach mal nicht Nase, Augen, Arme, Beine und Geschlechtsteile weg.

Klingt jedenfalls nach einer guten Idee. Und genau die sollten Sie jetzt umsetzen. Ich will nämlich einmal Anfang Januar keine einzige dieser Silvestersplattergeschichten in der Zeitung lesen. Deal? Deal.

Und hier nun das Original von 2006. Es ist der am wenigsten angestaubte Text im ganzen Blog.



Liebe Krüppel vom Neujahrsmorgen,

schaut bitte jetzt noch mal an euch herab. Arme, Hände, Beine, Füße: Alles ist noch dran. Das ist gut. Noch.

Denn heute Nacht werdet ihr euch etwas wegsprengen. Ja, genau. Wahrscheinlich ein, zwei Finger, vielleicht auch eine Hand. Oder beide.

Manche von euch wird es noch schlimmer erwischen. Im Gesicht nämlich. Ihr werdet die Nase verlieren, den Unterkiefer, die Augen. Und einige von euch auch den Rest: euer Leben.

Alles ist momentan noch dran, wenn ihr an euch herabschaut. Das ist gut. Doch in den Zeitungen vom 2. Januar werdet ihr auftauchen: als Beispiele für Dumm-, Blöd- und Bescheuertheit. Jedes Jahr stehen diese Beispiele in den Zeitungen vom 2. Januar. Und diesmal seid ihr es, die zu blöd wart, einen Böller ordnungsgemäß abzufackeln.

Euer ganzes Leben – wenn ihr es denn behaltet – wird danach ein völlig anderes sein. Wahrscheinlich verliert ihr eure Mobilität. Vielleicht könnt ihr euch danach nie mehr alleine die Zähne putzen. Vielleicht verliert ihr euren Job. Oder euren Partner. Vielleicht beides.

Und alles aus Blödheit.

Aber noch ist nicht Mitternacht. Noch könnt ihr es vermeiden, am 2. Januar in den Zeitungen als Beispiele für lebensgefährliche Blödheit aufzutauchen.

Wie wär’s? Ist eigentlich ganz leicht.

Aber ich habe wenig Hoffnung. Denn genau das definiert ja Blödheit: Sogar das eigentlich Leichte noch zu leicht zu nehmen.

Schaut bitte noch mal an euch herab. Arme, Hände, Beine, Füße: Alles ist noch dran. Und jetzt sagt zu all dem bitte leise servus.

Melancholische Grüße,
Matt

Foto: Gruppe anschlaege.de



Kommentare:

  1. Anonym02:19

    Herr Matt,

    Sie sind ein guter Mensch.
    Immer wieder, wohl schon seit Jahren.
    Und hier die lustigen "Fachleute":
    http://www.youtube.com/watch?v=UH7y6zngdDM&feature=related

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  2. An alle Unbelehrbare:

    Lasst es krachen bis die Fetzen fliegen auch wenn es Eure eigenen sind! Die Fernsehnachrichten und Zeitungen werden es Euch danken, wenn es denn spektakulaer genug war.

    Allen zusammen einen guten Rutsch und alles Gute in 2012!!!

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  3. blogg-hittn-wirtin11:23

    Ach, wie recht Sie doch haben.
    Jedes Jahr wieder.
    Mir tut es vor allem leid um die Kohle - ehrlich gesagt mehr als um die paar freiwillig abgesprengten Finger. Das ganze Jahr jammern die Leute, dass sie jeden Cent 3 Mal umdrehen müssen und zu Silvester zünden Sie das schöne Geld bündelweise an. Wenn sie das ganze Jahr jammern würden, dass sie zu viele Finger haben, würde ich sagen: Bitteschön. Aber so? Nur bescheuert, oder?

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  4. Leider ist Ihr Appell auch heuer bei zahlreichen Deppen offenbar nicht angekommen, wenn ich mir die Meldungen in der Tagespresse ansehe. Gleich an zweiter Stelle hinter den Fingerwegsprengern rangieren in Österreich übrigens auch diesmal zu Silvester wieder jene Darwin-Award-Anwärter, welche auf Eisenbahnwaggons geklettert und zuverlässig in den Stromkreis geraten sind. Das übliche halt.

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