01 Dezember 2011

Lemmy und mein limbisches System

Es muss im Pleistozän gewesen sein. Mein Klassenkamerad Klaus, der Hinkefuß, hatte schon einen Kassettenrekorder, wir standen an der Bushaltestelle, und der Kassettenrekorder spielte „Silver Machine“ von Hawkwind.

Ich war sofort hoffnungslos verloren an diesen Song und wusste jahrzehntelang nicht, woran das eigentlich lag. Jetzt weiß ich es: Es ist der Basslauf. Dieses tiefe hektische Sägen, das dem Stück den Takt gibt.

Selbst der Drummer muss sich ihm unterwerfen. Er kann nur versuchen, diesem Bass zu folgen, er ist sein Lakai, sein Diener, er muss sich unterordnen, weil nichts und niemand der Macht dieses Basslaufs widerstehen kann.

Und weil dieser Bass so elementar ist, bricht das Stück auch ausgerechnet im Refrain, der doch eigentlich der Höhepunkt des Songs sein soll, komplett zusammen. Der Bass überlässt das Feld plötzlich der ideenlosen Multiplikation eines ideenlosen Refrains, und es ist jedes mal eine tiefe Erleichterung, wenn er den liegengelassenen Groove wieder aufnimmt.

Jahrzehntelang hat es gedauert, bis ich endlich das Geheimnis dieses Stückes begriff – und noch einmal einige Jahre, bis mir klar wurde, wer diesen Bass
überhaupt spielt: Es ist Lemmy Kilmister. Der Mann, der heute Abend in der Alsterdorfer Sporthalle Motörhead anführt.

Und jetzt erst begreife ich auch, was einen Abend mit Motörhead so euphorisierend, so einmalig macht: vor allem dieser Bass. Lemmy spielt ihn wie 1971 in „Silver Machine“. Es ist immer noch dieses tiefe hektische Sägen, eine Demonstration der Stärke, eine Verkörperung der Essenz des elektrischen Rock’n’Roll.

Dieser Bass prägt jedes, jedes Stück von Motörhead, und deshalb ist es mir auch egal, dass seit einem Vierteljahrhundert alle ihre Platten gleich klingen. Ihr Werk ist eine große, gewaltige Kathedrale, erbaut zu Ehren dieses Basses, der seit dem Pleistozän in der Welt ist, als mein Klassenkamerad Klaus, der Hinkefuß, draußen an der Bushaltestelle seinen Kassettenrekorder anwarf und „Silver Machine“ von Hawkwind herauskam, ein Song, an den ich sofort verloren ging.

Wir trafen heute Abend einen völlig verrückten Kasselaner, der im T-Shirt in der Kälte stand und seinem 132. Motörhead-Konzert entgegenfieberte. Ich frage ihn, was ihn antreibt, was Motörhead für ihn bedeutet.

Seit Jahren reist er Lemmy hinterher, geht auf jedes verdammte Konzert, das irgendwie zeitlich und verkehrstechnisch erreichbar ist, er hat eine ganze Schublade voller abgerissener Motörhead-Eintrittskarten, er hat buchstäblich Monate seines Lebens in Gegenwart von Motörhead verbracht, und doch wusste er auf meine Frage nur hilflos zu antworten:

„Weil sie einfach geil sind.“

Lemmy hat ihn so oft in der ersten Reihe stehen sehen, dass er ihn irgendwann hochwinkte auf die Bühne. Jetzt hat der Kasselaner den bandinternen Status „Superfan“, er bekommt bei jedem Konzert einen V.I.P.-Ausweis (Foto) und darf hinter die Bühne. Heute ist Lemmy ein bisschen erkältet, verrät uns der Superfan, er trinkt vor allem Wasser und nur ein bisschen Jack Daniels.

Ich frage mich, ob eine Band taktisch das Richtige tut, wenn sie Superfans auf die Bühne winkt und hinter die Bühne lässt. Ist nicht gerade deren Hingabe Beweis einer für die Band merkantil gesehen lukrativen Glorifizierung, die keineswegs durch Backstageerlebnisse entmystifiziert werden darf?

Aber was weiß ich schon über Lemmy. Nur, dass er den Bass auf eine Art spielen kann, die im limbischen System Dinge dauerhaft verändern kann, über Jahrzehnte.

Und das ist einfach geil.
Foto: German Psycho

Kommentare:

  1. Lemmy dürfte durch einen Backstagebesuch nicht zu entmystifizieren sein, ich schätze die Erlebnisse dort werden (entprechend ausgeschmückt) weitergetragen und den Mythos eher festigen. Als Superfan hat man ja auch eine Aufgabe.

    Die ideenlose Multiplikation des ideenlosen Refrains hat mich bei Silver Machine übrigens immer derart genervt, ich hab den Bass nie beachtet. Und, nachdem ich es eben nach bestimmt 20 Jahren mal wieder gehört habe, doch lieber Motörhead aufgelegt.

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  2. keine bassläufe waren es 1986, als lemmy und co die savage army aus der markthalle rausprügelten.
    das war mehr als einfach geil
    und so lemmy did

    buddel

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  3. Anonym01:44

    81 war´s

    buddel

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  4. Auch wenn ich mit der Musik von Herrn Kilmister und seinen Mannen so gar nix anfangen kann, darf ich Ihnen dennoch zu diesem großartigen Text gratulieren.

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  5. nicke A.11:27

    ..taktisch das richtige tut.....und hinter die bühne lässt / merkantil gesehen lukrativ zwecks entmystifizierung ?!

    also wer sowas schreibt, tzzz.....meiner meinung nach würde ich, so jemanden never ever backstage lassen! das wäre dann wohl eher "taktisch" das richtige....;)

    nein im ernst, das ist es doch was motörhead / lemmy ausmacht!! die realness und der fame jeglicher allüren, den er sich über die ganzen jahre bewahrt hat, obwohl zich full(part)-time models / latte macchiato-strich gänger ein motör-shirt anhaben und doch denken ace of spades sei nur die höchste karte im deck!

    aber vielleicht liegt es ja genau daran.....?!

    wie gesagt, nur meine bescheidene meinung

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  6. Nihilistin14:40

    Im Grund Ihres Herzens sind Sie, Herr Matt, ........... doch auch ein wenig neidisch auf den Kasselaner. So im positiven Sinne. Oder?

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  7. Da hab ich ewige Zeiten am Oldie-Donnerstag im legendären "Galaxis" diesen Song gehört und nie gewußt, wie er heißt und von wem er war, nun ist diese Lücke geschlossen.

    Und vor meinem geistigen Auge sehe ich den jungen Matt mit langen Haaren selbige zur Luftgitarre schütteln...

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  8. habe ich nicht gewusst, ist mir auch nie aufgefallen aber stimmt total - geiler Bass!

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  9. lemmy is super. ich kann übrigens auch wärmstens den dokumentarfilm mit/über ihn empfehlen: http://www.lemmymovie.com/

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