29 Dezember 2011

Raus in Uelzen



Der IC strandete in Celle. Triebwerkschaden. Lange standen wir ratlos auf dem Gleis, ehe es weiterging, aber nur bis nach Uelzen. Hier war der Zug endgültig kaputt.

In Uelzen auszusteigen ist dank Susanne Fischer literarisch unabdingbar, praktisch aber möglichst zu vermeiden. Dort gibt es ja gewöhnlich nichts – heute aber immerhin den außerplanmäßigen Stopp des ICE aus München, der uns Havarierte liebevoll aufnahm („Kommen Sie, gehen Sie gleich in die erste Klasse!“, rief der Zugbegleiter) und weiter gen Hamburg transportierte.

„Ab 30 Minuten Verspätung gibt es eine Teilrückerstattung“, informierte ich Ms. Columbo, und da es bereits jetzt 35 waren, entschlossen wir uns, den zu erwartenden Geldsegen präventiv zu verfuttern. Im Speisewagen orderten wir Chili con Carne.

Man lieferte uns dazu einen Brotkorb von üppigster Ausstattung, den ich als posthume Backpfeife für Mitropa interpretierte. „Das sollte man fotografieren und an Rach mailen“, jubelte Ms. Columbo, die sich noch ungut an jene berühmte singuläre Minischeibe Brot erinnerte, die uns damals im Tafelhaus eine Livrierte mit großer Geste auf den Teller hub, ehe sie auf Nimmerwiedersehen entschwand in Rachs halbdunkler Räuberhöhle.

Sofort fotografierte ich den Brotkorb, um das Dokument an Rach zu mailen. Während des Chili con
Carne erreichten wir Lüneburg. Die Verspätung war noch immer befriedigend bis gut, und wir hielten sie locker bis Harburg, in Hamburg waren es weiterhin 35 Minuten. Damit hatten das Stranden in Celle und das Aussteigen in Uelzen etwas echt Gutes, was Susanne Fischer in ihrer nächsten Uelzen-Geschichte mitberücksichtigen sollte.

Vom Zugbegleiter ließ ich mir handschriftlich die Ankunftszeit bestätigen und begab mich vergnügt ins Reisezentrum, um die Teilrückerstattung entgegenzunehmen. „Wir sind erst mal in Celle liegengeblieben“, versüßte ich der jungen Frau hinterm Schalter die Lektüre meines inzwischen vielschichtigen Onlinetickets, „und dann mussten wir in Uelzen den Zug wechseln.“

Die Bedeutsamtkeit gerade letzterer Information schien der Frau trotz meiner kursivierten Sprechweise gar nicht recht bewusst zu sein; wahrscheinlich hatte das arme Hascherl Susanne Fischer überhaupt nicht gelesen. „Schließlich sind wir mit 35 Minuten Verspätung in Hamburg angekommen, deswegen hätte ich gern eine Teilrückerstattung.“

Sie schaute lächelnd hoch, legte das Köpfchen schief und klimbimberte mit den Lidern. „Das tut mir Leid“, sagte sie, „erst ab einer Stunde Verspätung. Da kann ich leider nichts machen.“

Ich war verdattert. Hatte mir nicht der mit allen Bahnwassern gewaschene Franke etwas von einer halben Stunde als Untergrenze der Rückerstattungsfähigkeit erzählt? „Aber … Ich dachte … 30 Minuten …“, stammelte ich, „hat sich das denn geändert?“

Noch immer trug sie ihr mädchenhaftes Tröstungsgesicht zur Schau. „Ach“, lächelte sie mich final in Grund und Boden, „da ändert sich immer mal wieder was.“

Und wer, frage ich, ersetzt uns jetzt das Chili con
Carne?
Also Rach bestimmt nicht.


Kommentare:

  1. Pappenheimer04:44

    Werter Herr Matt, erlauben Sie mir bitte die Frage:
    Warum wird 'Chili' groß geschrieben, und 'carne' nicht ? Sind beide Ingredenzien nicht gleichberechtigt. Wird der Fleischanteil etwa diskriminiert ?

    imprägnierte Grüße aus dem Regenwald,
    xs4all

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  2. In Uelzen aussteigen ist überaus heikel. In Uelzen seine Jugend verbringen und dazu aus Berlin wegziehen zu müssen, eine wahre Nahtoderfahrung.

    Ich weiß vor was es Ihnen graute. Und ich verspreche Ihnen: Es stimmt alles, was man über dieses Ort sagt. Alles.

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  3. Uelzen, jetzt wo sie es nannten: ich erinnere mich.
    Vage. Vage an Stroh das durch einsame Strassen fegt [und im Hintergrund ein Seniorant der leise 'Spiel mir das Lied vom Tod' summte.]

    Bis vor kurzer Zeit
    dachte ich immer mein Heimatort
    sei der Dreh-, Angel- & Arschpunkt unseres Landes.
    Dank Uelzen weiss ich jetzt:
    es hätte mich 27 Jahre lang schlimmer treffen können.

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  4. Anonym08:40

    Hier die Regelungen:

    http://www.bahn.de/p/view/service/fahrgastrechte/nationale_regelungen.shtml

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  5. Pappenheimer, die Antwort ist ganz einfach: Weil ich blöd bin. Aber das wird jetzt korrigiert. Nicht meine Blödheit, sondern die Schreibweise.

    waterkantroyal, ich hatte ja keine Ahnung …
    Aber es muss auch in Uelzen liebenswerte Ecken geben, Frau Fräulein. Oder nicht? Echt nicht?

    Anonym: Hmpf.

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  6. Fragen sie Madame Waterkant,
    die kann Ihnen da sicherlich mehr relevante Informationen zukommen lassen.
    Ich war stets nur zu Besuch.
    Leider, dem Himmel sei Dank oder wie auch immer.

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  7. Schöne Ecken, schöne Ecken.
    Diese eine Straße, die sie Altstadt nennen ist ganz ansehnlich. Allerdings frei von interessanten Geschäften.
    Ich bloggte einmal über das Leben in besagtem Landkreis.
    Statt auf Lebensqualität legt die Stadt Uelzen mehr Wert auf Historie und Hundertwasser. Jugendliche, wie ich eine war, können damit einfach nicht viel anfangen.

    http://waterkantroyal.wordpress.com/2011/06/18/luder-provinzialer-kollaps/

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  8. Ich KOMME aus einem 1000-Seelen-Dorf (mit Pflegeheim, wo ich Zivildienst absolvierte) und weiß genau, was Sie meinen. Aber es ist leichter, dort aufzuwachsen und dann in die Stadt zu gehen, als umgekehrt. Will sagen: mein Beileid.

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  9. Danke.
    Man lernt damit umzugehen. Und aus mir ist ja trotzdem was geworden.
    Was ich sagen will: Hey ihr Kids an den Empfangsgeräten da draußen, macht was draus.

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