16 August 2010

Auf Kreuzfahrt (1): Der Kellner

Im Restaurant sitzen wir großartigerweise an Tisch 42 (remember Douglas Adams), doch der brasilianische Kellner scheint uns (und alle unsere Nachbarn) vom ersten Augenblick an zu verachten. Nicht uns als Menschen, sondern in unserer Inkarnation als Kreuzfahrtpassagiere.

Er verachtet uns, weil er scheißfreundlich sein muss und weil es unter seiner Würde ist, Teller abzuräumen, auf denen noch Garnelenreste liegen. Beim Bücken legt er den Kopf schief, eine verkrampfte Geste erpressten Devotseins, für die er seiner Meinung nach bei weitem zu lausig bezahlt wird.

Er ist ein stämmiger Einsneunzigmann mit licht werdendem Haar, das er streng zurückgegelt hat, und er verachtet uns auch deshalb, weil er seine Verachtung nicht zeigen darf.

Stattdessen knipst er sein Lächeln an wie eine 7-Volt Energiesparlampe und sagt mit italienischem Akzent laut „Entschuldigen, Madame!“, ehe er den Teller ruckartig hochnimmt und mit der Kante nur um Zentimeter die Schläfe einer Frau an unserem Tisch verfehlt.

„Entschuldigen, Madame!“, ruft er mit erpresstem, viel zu lausig bezahltem Energiesparlampenlächeln, doch in seinen Träumen zertrümmert er brüllend und mit geblecktem Gebiss sämtliches Porzellan auf unseren Köpfen und tranchiert uns mit allen acht Besteckteilen, die links und rechts neben dem Teller in genau jener Reihenfolge von außen nach innen aufgereiht sind, wie er es in der Kellnerschule gelernt hat.

Ich mag ihn nicht, aber ich kann ihn verstehen. Ich wäre genauso.



Kommentare:

  1. Vorsicht, Herr Matt, das war erst die "Erste Sitzung".
    Bei der dritten Sitzung piekt er einem Gast mit der
    Fleischgabel in die Backe.

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  2. Nihilistin12:48

    Weder die Tischnummer 42 noch die Kabinennummer 2222 könnten mich dafür entschädigen, täglich 17:45 zu Abend essen zu MÜSSEN.
    Wie viele Abende stehen Ihnen denn bevor, Herr Matt?

    Erholen Sie sich trotzdem gut. Und gefährlicher als Fleischgabeln sind kochendheiße Speisen auf der empfindlichen Innenseite der Oberschenkel. Ich hoffe Sie haben Ihre Anzughosen aus gutem englischem Wollstoff mit.

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  3. miele16:36

    auf dem raffaello-deck von diesem hässlichen kasten,
    viel spass trotzdem......

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  4. blogspargel17:15

    Hui, das ist genial. GP als Kellner auf einem Dampfer und die Chromaxt ruht wahrscheinlich ganz unscheinbar im Unterdeck vorm Kellnerschlafsaal neben dem Feuerwehrschlauch. Und es gibt kein Entrinnen bis zur Ausschiffung.
    Erholen Sie sich gut.

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  5. Anonym18:47

    Tisch 42 ist natürlich fantastisch, an zeitlich festgelegte Mahlzeiten könnte ich mich da vielleicht auch gewöhnen, was mich bei Kreuzfahrten wesentlich mehr stört sind zu kurze Ausflugszeiten. Barcelona von 8 bis 14 Uhr oder Tallinn von 8 bis 13, das fände ich einfach unbefriedigend. Ich wünsche Ihnen aber natürlich trotzdem viel Spaß und gute Erholung, vielleicht hatte der Kellner ja nur einen schlechten Tag.
    Zaphod

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  6. Die 7-Volt-Energiesparlampe wäre sicherlich ein durchschlagender Erfolg. Vielleicht könnten sie diese im Rahmen einer Kreuzfahrt oder im kleineren Maßstab bei einer Butterfahrt an das unterbelichtete Volk bringen. Es wäre mir eine Ehre und ein Vergnügen, ihnen bei eventuellen Verkaufsveranstaltungen als teilmaskierter, dauerdebilgrinsender Lampenhalter zur Seite zu stehen. In diesem Sinne wünsche ich eine vergnügliche Seefahrt, die ist lustig, die ist schön!

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  7. Frau Nihilistin, keine Sorge, alternativ stehen diverse Büffetrestaurants zur Verfügung. Ich werde also weder an einem zu engen Korsett noch Hunger leiden.

    Danke, Miele. Das Schöne ist: Der Kasten ist (wenn überhaupt) nur von außen hässlich. Aber wir schauen ja von dort auf die Welt, und die ist schön.

    Blogspargel, GP ist keine einsneunzig. Es muss ein Seelenverwandter von ihm sein. Was mich aber eher mehr beunruhigt.

    Zaphod, in Stockholm hatten wir einen ganzen Tag an Land, in St. Petersburg werden es sogar zwei sein. Und für manche Städte reichen auch vier Stunden, offen gestanden.

    Lockito, ich werde auf Ihr Angebot zurückkommen. Allerdings bin ich ein lausiger Verkäufer, weshalb dieser Karriereschritt eher unwahrscheinlich sein wird. Aber man soll ja nie nie sagen.

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  8. Martin W.16:28

    Ich hatte diesen März das große Glück, dass ich eine Kreuzfahrt machen durfte. Also mitgenommen wurde. Ein wunderbares Erlebnis. Urlaub in seiner angenehmsten Art. Und wir hatten auch genügend Zeit für die Landgänge, wobei dies in Le Havre nun wirklich nicht notwendig war, aber nun ja.

    Ihnen einen guten Urlaub und gute Erholung.

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