18 April 2006

Leblos auf der Lincolnstraße

Ich erinnere mich noch an den ersten Kiezbummel unseres Lebens. Es war 1995. Wir schlichen besorgt über die Reeperbahn mit jener Grundverkrampfung, die nun mal aufkommt an Schauplätzen düsterer Legenden.

Alle Geschichten und Warnungen, alle Räuberpistolen und Schmuddelstorys, die wir im Lauf unseres Provinzlebens über die sündige Meile gehört, gelesen und in Film und Fernsehen gesehen hatten, kondensierten in einem Gefühl von Bedrohung und Unsicherheit. Jürgen Roland, Hans Albers und Klaus Lemke hatten ganze Arbeit geleistet.


Alarmiert und nervös schritten wir sie ab, die berüchtigte Reeperbahn. Wir warteten sekündlich darauf, umstandslos ausgeraubt oder zumindest zu diesem Behufe in ein versifftes Kellerstriplokal gezerrt zu werden.


Zunächst aber geschah nichts. Bis wir die Lincolnstraße passieren wollten. Dort sahen wir in einigen zehn Metern Entfernung ein Bündel Mensch mitten auf der Fahrbahn liegen. Besorgt bogen wir in die Straße ein, als ebendies auch ein Auto tat und uns überholte. Es war ein großer Wagen, ein Mercedes. Kurz vor der reglosen Gestalt stoppte er, und der Fahrer, ein drahtiger junger Bursche, sprang heraus, packte das Bündel am Kragen, zog es humorlos an den Straßenrand, stieg wieder ein und fuhr weiter.


Wir waren fassungslos. Herzlosigkeit live! Die Kiezklischees: Sie waren wahr! Wir eilten hin und fanden eine weitgehend leblose Frau vor. Sie war verwahrlost und korpulent, ihre Augen hinter den schmalen Schlitzen blicklos, und sie antwortete nicht auf meine Frage, wie es ihr denn ginge. Sie atmete kaum.


Damals hatten wir noch keine Mobiltelefone, deshalb blieb Ms. Columbo bei ihr, und ich betrat (bang!) die nächstbeste Kneipe und wählte 110. Minuten später entstiegen einem Streifenwagen zwei Polizisten, auch Sanitäter trafen ein. Sie rüttelten die Frau, die ihnen offenbar nicht ganz unbekannt war, kräftig durch, was diese zum dumpfen Lallen brachte. Na bitte. Auch die Sache mit dem Mercedesfahrer, der die Frau beiseite gelegt hatte wie einen auf die Straße gerollten Mülleimer, nahmen die Ordnungshüter mit einer befremdlichen Lockerheit. Hätte der Mann die Frau etwa überfahren sollen? Noch mal na bitte.


Die Polizisten und Sanitäter schienen uns währenddessen unisono mit latentem Spott zu mustern. Mir wurde klar, wofür sie uns hielten: für dumme, ängstliche Landeier auf Stadtausflug, die
sich wegen einer simplen Besoffenen bepissten und alle Abteilungen der Exekutive in Bewegung setzten. Welch eine Verschwendung!

Dieser Vorfall prägte lange Zeit unser Bild vom Kiez, das ja eh auf Vorurteilen gründete. Als wir anderthalb Jahre später die Chance hatten, das verschnarchte Rentnerparadies Sülldorf gegen eine Wohnung in der Seilerstraße einzutauschen, erinnerten wir uns wieder an das Bündel Mensch auf der Lincolnstraße, an den brutalen Mercedesfahrer, an die spöttischen Polizisten. Wir überlegten hin und her. Aber dann sind wir doch umgezogen – und lernten sie rasch mögen, die Reeperbahn, die Besoffenen, die Bullen, die Dickewagenfahrer.

Und wenn heute irgendwer im Weg herum liegt, dann ziehe ich ihn natürlich beiseite, zu seinem eigenen Schutz. Ist doch klar.

Ex cathedra: Die Top 3 der fürsorglichen Songs

1. „You've got a friend“ von Carole King
2. „Carry me across the water“ von Midnight Choir
3. „Best for you“ von Morning Runner

Kommentare:

  1. Es mag sich wie ein Klischee anhören, aber eine Begebenheit, die sich bei meinem ersten Kiezbummel ca. 1980 oder so ergeben hat, kann ich mir nicht verkneifen.

    An einer Ecke lungerte eine Art Seemann.
    »Entschuldigung, aber wissen Sie zufällig, wo der Babystrich ist?«, fragte ich ihn.
    »Ja, weiß ich wohl.«
    »Und, würden Sie mir das auch verraten?«
    »Nö.«
    »Aha, und wieso nicht?«
    »Weil hier jede Auskunft ein bisschen was kostet.«

    Was soll ich sagen? Schierer Geiz führte dazu, dass ich bis heute nicht weiß, wo der Babystrich ist.

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  2. Schöne Geschichte. So ist St Pauli eben. Ich wurde auch kurz nach meinem Umzug vor gewarnt das es ein paar bekannte Gestallten gibt auf die man nicht reinfällt.Sollte man es doch tuen, würde man sich postwendend als Neuling im Stadtteil brandmarken.
    Eine dieser Personen (hab ich im Winter gar nicht mehr gesehen) scheint für den Normal Bürger hilfebedürftig und verlangt nach einem Krankenwagen und jeder Normal Bürger sollte auf jedenfall auch den Krankenwagen rufen (wäre ja schlimm wenn nicht). Doch tut man dies bei dieser Person behauptet die beim Eintreffen des Wagens, ihr ginge es wunderbar und man habe warum auch immer den Krankenwagen gerufen.
    Naja letztes Jahr sollte ich selbigen 3x rufen, aber wer um zum Spaß um Hilfe schreit dem glaubt man nicht mehr.

    PS. "teyrud" Klingt auch nach einem Wort was von einer versoffenen Gassengestalt stammen könnte.

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  3. Herr poodle, Ihrer seit 1980 an Ihnen nagenden Ungewissheit könnte ich abhelfen. Natürlich gegen eine kleine Gebühr.

    daiko, dieser Mensch ist mir bisher noch nie untergekommen. Wo trifft man ihn den gemeinhin an?

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  4. Jetzt müßte ich natürlich die Geschichte von dem Mann erzählen, der seine Frau schlug, wogegen ich matt protestierte, woraufhin beide über mich herfielen. Aber das tu ich nicht. Es ist schon zu lange her.

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  5. hamburg grüßt seine zugezogenen auf eigenart.
    bei mir, ca. sechs jahre her, stieg ich an der s- bahn sternschanze aus, ein für mich bis dato relativ unentdecktes terrain, um auf der anderen straßenseite auf eine rückenlagige person zu treffen.
    mein geschultes auge reizte mir sofort ein "grand mal anfall" zu.
    also durchbrach ich den kreis der gaffenden um die zuckende person auf meinem schneidersitz zu betten.
    kurze zeit später tätütete es auch schon.

    nicht ganz eine woche später, flanierte ich auf dem gelände des museums der arbeit um mir gebrauchtes anzuschauen.
    diesmal vernahm mein ohr einen knall hinter den mauern der zinnschmelze.
    meine beine gingen wie von selbst in richtng der sanitäranlage damit meine augen den verdacht meiner ohren bestätigen konnten.
    "grand mal"! och nee, also wieder in den schneidersitz, warten bis das heftige krampfen nachläßt und urin durch die hose weicht.
    danach schauen mich große frauenaugen an, der mund öffnet sich und sie sagt: "ICH HABE ANGST"!
    ich auch, denke ich in banger erwartung der nächsten tage und kauf mir ein viel zu teures bambusdidgeridoo.
    seitdem bin ich anfallsfrei.

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  6. Matt die Person hab ich bisher immer auf meinem Eck (ich ergreife hiermit keine Besitzrechte) getroffen, sprich 2x Silbersackstraße und einmal auf dem Spielplatz direkt hier.

    In der Silbersackstraße steht unten zwischen dem Bäcker und "Crazy Jeans" auch immer einer ältere Dame die jeden mit einem lockeren "Hallo... Hallo du da, komm doch mal her" versucht zu locken. Sollte man dadrauf hereinfallen ist es nicht so schlimm, die alte Dame will bloss eine Kippe haben.

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  7. opa, auch meine Geschichte ist schon mehr als zehn Jahre alt. Also bitte raus mit der Sprache!

    stefan, ich verstehe nicht ganz, wie dich ein Didgeridoo vor solchen öffentlichen Zwischenfällen schützen kann. Oder führt das sonore Brummen zur Heilung Anfallsgefährdeter? Wenn ja, könnte das die Therapie revolutionieren.

    daiko, den Anmachspruch hat die Gute aber von der Davidstraße, nehme ich mal an. Vielleicht hat er in ihrem früheren Leben auch nicht nur Zigaretten gegolten. Jedenfalls merke ich doch immer wieder: Die andere Seite der Reeperbahn ist die deutlich interessantere.

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  8. Aber auch lauter ...

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  9. Das war sie eigentlich schon, die Geschichte. Aber dasselbe passierte mir vor kurzem auch auf dem Steindamm. Ich hätte es wissen müssen.

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  10. Wolfgang Unger21:14

    Habe von 1984 bis 2005 im Hamburger Berg 37 - Ecke Reeperbahn gewohnt und mich dort sehr wohl gefühlt. Passiert ist mir nie was. Nur wenn ich die Berichte in der Press über meinen Wohnort gelesen habe, wurde ich von Ägnsgten überfallen. Vor der Presse unserer Hansestadt Hamburg.

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