02 Januar 2011

Gefährlich still



Seit Tagen schon steht ein für die abwesende Nachbarin angenommenes DHL-Paket im Flur. Es trägt Schwarz auf Signalrot eine panisch brüllende Aufschrift: „ACHTUNG: LEBENDE FUTTERINSEKTEN!“.

Nachdem ich diese Warnung gelesen hatte, überprüfte ich das Paket zunächst einmal rundum auf seine Dichtigkeit. Der Test verlief sehr zufriedenstellend. Keine Ritzen, keine Löcher, nirgends Spalten. Vor allem Ms. Columbo zeigte sich davon beruhigt.

Nach etwa drei, vier Tagen allerdings begann mich das stumm im Flur herumstehende Paket mit einer neuen Fragestellung zu bedrängen. Nämlich der, ob nicht auch lebende Futterinsekten ihrerseits irgendwann einmal Futter bräuchten.

Immerhin sollen sie nach der (weiterhin in den Sternen stehenden) Aushändigung noch verfütterungsfähig sein. Und verhungerte Futterinsekten könnten möglicherweise die ihnen zugedachte Aufgabe nach Rückkehr der Nachbarin gar nicht mehr erfüllen.

Wer weiß, was damit überhaupt gefüttert werden soll; denkbar sind Fische, Frösche, Molche, Schlangen, Spinnen, im günstigsten Fall Wellensittiche. Doch selbst einem Grottenolm wäre es kaum zu verdenken, wenn er die dargereichten Futterinsekten in postmortalem Zustand vorsorglich verschmähen würde.

Wie auch immer: Ein soeben vorgenommener Hörtest am Paket ergab jedenfalls keinerlei Lebenszeichen. Es müsste darin nach menschlichem Ermessen doch herzhaft summen, sirren oder surren, nicht wahr, oder wenigstens schaben, rascheln, krabbeln, knabbern oder knistern.

Doch nichts dergleichen. Die lebenden Futterinsekten verhalten sich still. Gefährlich still.

Neulich habe ich übrigens mal versehentlich ein ebenso geräuscharmes Paket aus Potsdam angenommen, und zwar für einen Nachbarn, der gar nicht mehr hier wohnt, sondern längst in München.

Wer von St. Pauli dorthin zieht, sollte eigentlich zur Strafe keine Pakete nachgeschickt bekommen, aber was tut man nicht alles, wenn man ein gutes Herz hat.

Hat es vielleicht doch gerade gesummt oder gesurrt im Flur?
Na ja, ich kann mich auch verhört haben.


Kommentare:

  1. Hamburger Jung09:57

    Sollte es sich um Käferlarven oder Fruchfliegen handeln, dann sind die ersten so leise, dass ein normaler Mensch nichts hören wird und zum anderen in der Regel schon gut genug mit Futter versorgt, dass die es auch mal ein paar Tage ohne aushalten, ohne einzugehen. Nur Kälte bringt die eben sehr schnell um.

    Wie groß ist denn das Paket?

    AntwortenLöschen
  2. Kantenlängen rund 20 cm.

    Danke für den … ähem … TIPP mit der Kälte …

    AntwortenLöschen
  3. Matt, hol den Heizstrahler raus.... :-) Für eine gute Nachbarschaft wäre das sicherlich zuträglich.
    Fruchtfliegen ließen sich zur Not reproduzieren. Eine Banane etwas länger liegenlassen, schon kann man die niedlichen Tiere abpflücken.
    Doch irgendwie nicht unpraktisch, das unsere Haustiere sich mit Dosenfraß und gelegentlich einer Scheibe Wurst von unserem Frühstücksteller zufrieden geben. Sonst müsste ich lebende Mäuse ordern.

    AntwortenLöschen
  4. Vielleicht droht ja nach mehreren Tagen auch eine Überraschung und das ehemals kriechende oder krabbelnde Futter verwandelt sich unverhofft in fliegendes, aber das sollte dann ein Problem ihrer Nachbarin sein.
    Frohes neues Jahr übrigens, nachträglich.

    AntwortenLöschen
  5. Nihilistin18:14

    Tach und jesundes neuet Jahr, Herr Matt.

    Ich tippe auf Einzahl.
    EIN Futterinsekt.
    Es soll ja in tropischen Gegenden durchaus etwas groß geratene Exemplare geben.
    Haben Sie denn eine Ahnung, was Ihre Nachbarin für ein hungriges Haustier hält? Handelt es sich um ein Tier in Kaiman-Größe, so dürfte mein Tipp mit dem Einzelinsekt vermutlich richtig sein.

    AntwortenLöschen
  6. Frohes neues Jahr, werter Herr Matt. Nun, ich würde ja (als ausgebildeter Optimist) die Verpuppungstheorie bevorzugen allerdings glaube ich eher, das die im Hausflur herschenden Temperaturen für ein kühles Ende der Tierchen gesorgt haben. Insofern schonmal eine schwarze Schleife an den Karton legen zzgl. einiger aus Zahnstochern geschnitzter Holzkreuz. Schliesslich starben die Tierchen auf Sankt Pauli, einem schon vom Namen her heiligem Ort.

    Hochachtungsvoll und vor allem auch der kommenden Beiträge im neuen Jahr erwartungsvoll.

    Tom

    AntwortenLöschen
  7. Frau Momo, ich beschränke mich auf die reine Aufbewahrung zu den hier wohnungsüblichen Bedingungen. Alles andere liegt nicht in meiner Hand.

    Danke, Zaphod, Ihnen auch. Dito Frau Nihilistin (deren Theorie mir eine klitzekleine Gänsehaut den Rücken runterlaufen lässt).

    Tom, in unserem Flur herrschen heimelige 20 Grad; keine Gefahr also. Soeben war die Nachbarin übrigens da und hat nicht nur das Paket abgeholt, sondern auch seine Endabnehmer verraten: Laubfrösche.

    AntwortenLöschen
  8. Anonym10:42

    na, mich würde eher interessieren,ob die nun bekannten endabnehmer-frösche trotz ihres 3 bis 4 tage abwesenden frauchens überleben konnten...

    AntwortenLöschen
  9. Um das zu eruieren, bin ich zu diskret.

    AntwortenLöschen