19 Oktober 2006

Das Graffititabu

Rom ist schmutzig. Rom atmet grauen Staub. Und was der Ruß nicht schafft, führen die Sprayer zu Ende. Doch interessanterweise verschandeln sie die Stadt strikt auf italienisch.

Während sich in Deutschland sogar die intellektuelle Elite längst einem den Werbern abgelauschten Deppendenglish ergeben hat, besteht in Rom selbst der brutalste Sprühdosenvandale auf muttersprachliche Artikulation. Und nicht nur das: Vor seinen größten Kulturgütern, den allgegenwärtigen Ruinen, scheint ihn eine gleichsam heilige Scheu fernzuhalten.

Kein Graffito am Petersplatz, kein „Fascismo no!“ am Kolosseum (Foto). Nicht mal an den gewaltigen Basiliken, als Instanzen moralischer Macht traditionell Ziel juveniler Anarchie, ist das kleinste „Forza Lazio!“ zu finden.

Was hält rebellische römische Teens bloß brav fern von der Antike? Drohende Strafe kann es nicht sein. Vielleicht ist es genetisch. Vielleicht ist die Aura der Ruinen eingesickert in ihre DNS. Vielleicht wissen sie intuitiv, dass ihre Stadt kaum bedeutender wäre als Baden-Baden, verfügte sie nicht mehr über die wuchtigen Insignien einer jahrtausendealten Geschichte, die dem Abendland gemeinsam mit Athen das komplette Zeichen-, Gesellschafts- und Moralsystem bereitstellte.

Ja, das muss es sein. An Gelegenheiten nämlich fehlt es den Sprayern nicht. Doch sie schlagen sie aus. Für die Besitzer von Nichtruinen freilich ein ganz schwacher Trost.

Kommentare:

  1. Anonym22:58

    vielleicht gibt es in Deutschland nicht genug Ruinen?

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  2. Du hast ein "Fascismo no!" gesehen? Das ist mir entgangen ... Ich konnte vor zwei, drei Wochen ausschließlich rechtsextreme, plakatierte Banner entdecken.

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  3. Baden-Baden scheint mir nun fast juveniler zu sein als Rom.

    Wäre Rom ein Ort, um "Why don´t we do it on the road" zu singen und damit späte Zeichen zu setzen?

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  4. Ich habe an der Met.Ro Flaminio sogar irgendwo lateinische Graffitties gesehen. Hat mich sehr gefreut, im Gegensatz zu Italienisch verstehe ich rudimentäres Latein... *g*

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  5. animo, das ist eine Ueberlegung wert - Graffitis loswerden, indem man alles in Schutt und Asche legt.

    dl, in der Tat scheinen die rechten Parolen zu ueberwiegen; allerdings geht es mir wie vivec: mein Italienisch ist rudimentaer; ungefaehr wie mein Latein ...

    joshuatree, dieser Song schadet sicher keiner Stadt. Gute Idee.

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