07 November 2005

Das ungleiche Liftduell

Weil es unschön nieselt, bin ich heute mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Abends um 18:30 Uhr an der S1 in Altona folgende Szenerie: Ich bin gerade in die Bahn gestiegen und schaue nach des Tages Last mit müden Augen raus, als ich einen alten Mann im Rollstuhl auf den Aufzug zufahren sehe. In letzter Sekunde aber flitzt ein etwa 30-jähriger Kerl an ihm vorbei und schiebt sein Fahrrad in den Lift.

Der Rollstuhlfahrer ist mir bekannt. Man trifft ihn öfter in Ottensen und Altona. Er ist stets ausstaffiert mit einer Helmut-Schmidt-Gedächtnismütze und einer dickglasigen Hornbrille. Ich weiß, dass er nicht nur nicht laufen, sondern auch nicht artikuliert sprechen kann. An einem Imbisstand traf ich ihn mal in Begleitung einer Betreuerin, und seine explosiv ausgestoßenen Lautkaskaden wusste sie semantisch zu deuten, so dass er zu seiner offenbar gewünschten Currywurst mit Spezialausstattung kam.


Jetzt und hier aber, nachdem er so schamlos ausgebootet worden ist, gerät er in äußerste Rage. Er beschimpft lautstark stammelnd den Radfahrer, der ihm den Platz im Aufzug genommen hat, er schüttelt die Faust und brüllt und zetert in seiner wilden Fantasiesprache, doch der Mann im Lift wendet ihm den Rücken zu und tut, als sei er allein auf der Welt.


Als sich die Türen meiner Bahn schließen, sehe ich, wie der Rolli wutrot kehrtmacht, zum Stationshäuschen düst und die beiden HVV-Männer mit Schreien und Gesten auf das empörende Ereignis aufmerksam zu machen versucht. Doch die beiden haben schon mehr gesehen, als sich der alte Mann eralpträumen kann, viel mehr. Und sie schauen ihn mit Augen an, die müde sind von des Tages Last.


Meine Bahn fährt los und in den Tunnel ein, ich verliere den hilflos Tobenden aus dem Blick – und ärgere mich natürlich (mal wieder), nicht spontan ausgestiegen zu sein, um dem Liftdieb die Wut des Rollstuhlfahers in verständliches Deutsch zu übersetzen. Ich hätte auch gerne gewusst, wie sich so einer jetzt fühlt. Als Sieger? Oder wie ein Arsch? Jedenfalls kam er insgesamt rund zwei Minuten früher dort an, wo er hinwollte. Und der alte Mann zwei Minuten später. Doch das Ganze hat für beider Leben mehr zu bedeuten, viel mehr.


Heute kam die Queen Mary 2 nach Hamburg zurück, um sich für einen zweistelligen Millionenbetrag im Trockendock aufhübschen zu lassen. Mein Foto zeigt sie am Kreuzfahrtterminal in der Hafencity.


Große Musik, die heute durch den iPod floss: „Sail beyond doubt“ von Sugarplum Fairy, „Stairs“ von Weeping Willows und „Blow him back into my arms“ von Moneybrother.

Kommentare:

  1. Andreaas14:20

    Herr Wagner, das kann so nicht weitergehen! November hin, Nieselregen her: Ich verlange nach Tagen des Trübsaals, der bedrückenden Beobachtungen und der Schilderungen menschlichen Leids und menschlichen Versagens endlich mal wieder etwas Erfreuliches in diesem Blog!

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  2. Großartig bleiben die Texte trotz der tiefhängenden Trübsalswolken ja trotzdem! :)

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  3. Wie sagte Freddie Frinton einst: „I'll do my very best!“
    Andreas, vielleicht hast du ja noch eine rosarote Brille für mich über! ;-)

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  4. Aber bitte - resignativ-mitfühlende Beschreibungen sind doch der Hauptgrund, warum das Blog so lesenswert ist! ;-)

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  5. ... insofern ein Pendant zu Ihrem gewiss noch lesenswerteren Blog, das ja von ausgesucht stilvoller Misanthropie geprägt ist. Höfliche Abscheu trifft es glaube ich auch. Oder abscheuliche Höflichkeit …? ;-)

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