29 Dezember 2005

Die weiße Nacht

Der Kiez, ein Wintertraum. Dreck, Elend, Glamour und Blendwerk: alles eingeebnet, gleichgemacht vom großen Weiß des Winters. Man geht wie verzaubert durch Tage wie diese, wenn der Schnee wirklich liegen bleibt, wenn er sich nicht gleich verwandelt in jenen braunen Matsch, der Städte, die kaum höher liegen als das Meer, allwinterlich heimsucht.

In der Seilerstraße herrscht eine Ruhe wie lange nicht mehr. Der Schnee würde alle Geräusche dämpfen, doch es gibt keine. Der Verkehr ruht, und wer zu Fuß vorüberhastet, der zieht sich in sich selbst zurück, der duckt sich tief in seinen Mantel und sucht den schnellsten Weg nach Hause. Oder in die nächste Kneipe.


Gelassen dämmern die Autos im Parkverbot durch die Seilerstraßennacht. Wer jetzt keinen Anwohnerparkschein hat, der braucht auch keinen mehr. Denn keine Politesse wird sich herbemühen, um den dicken Schnee von den Scheiben zu wischen und die Finsternis dahinter nach dem richtigen Wisch abzusuchen.


Nächte wie diese sind heller als unter Vollmond. Denn die unermüdlichen urbanen Lichter spiegeln und verdoppeln sich in jeder Flocke und lullen alles ein in sattes milchiges Weiß – sogar den Himmel über der Stadt.


Der Kiez, ein Wintertraum. Wer jetzt allein ist, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Straßen hin und her mit geradem Blicke wandern, wenn die Flocken treiben – denn man sieht sie ja eh nicht mehr unter all dem Schnee, die Hundekacke.


Große Musik, die heute durch den iPod floss: „For all we know“ von Parov Stelar, „I'd rather go blind“ von Rod Stewart und „Last dance“ von Dirty Three.


Kommentare:

  1. Dein Blog ist der Knaller und zeigt mir mal wieder, welche unglaublichen Talente an einem kleinen Kulturblatt verschwendet werden. Du bist für Größeres geboren mein Freund...

    Mach weiter so, aber bitte greife dabei nach den Sternen. Für deine Ms. Columbo (süüüüß getroffen) gilt übrigens das Gleiche.

    Ach hätt ich nur ein bischen mehr Zeit und Talent, ich glaub ich würde deinem Vorbilde folgen.

    Ein warmen Gruß aus dem winterlichen Berlin (kl)

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  2. Ob es dir an Talent mangelt, ist noch gar nicht sicher, denn du hast (in der Tat) zu wenig Zeit, um es herauszufinden. Aber ob sich das ändern wird, bevor die frischen Kiddies Abi haben … ? ;-)

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  3. Ha, erwischt (=8
    Der vorletzte Absatz ist eindeutig ein frei interpretierter Abschnitt aus "Herbsttag" von Rainer Maria Rilke
    ciao - Axel

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  4. Erwischt? Nun ja: Das sollte schon merken, wer mag (und kann). Übrigens gibt es auch vorher schon eine Anspielung – schau dir den Satz mit dem Anwohnerparkschein noch mal näher an … ;-))

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