15 Dezember 2005

Der Busfahrer

Nachdem ich die Zeisehallen (Foto) durchquert hatte, stellte ich mich an die Haltestelle Friedensallee. Bis zur Ankunft des Busses gab es noch keine Blog-Geschichte für heute. Wenig später schon.

Es begann damit, dass der Fahrer die hintere Tür nicht öffnete. Ich telefonierte gerade mit einem Freund und drückte gedankenverloren den Knopf, doch nichts geschah. Also hieß es nach vorne tapern, wo mich der Fahrer – ohne den Blick von der Straße zu wenden – mit den Worten begrüßte: „Statt telefonieren lieber Fahrkarte zeigen.“

Huch. Das war mir neu – und sein Tonfall vielleicht nicht hundertprozentig der Situation angemessen, denn immerhin sprach er mit einem Kunden, der mit einem nicht unerklecklichen Monatsbeitrag sein Gehalt finanzierte. Vielleicht hatte der gute Mann aber einfach diese Reflektionsebene noch nicht erreicht. Das sollte ihm allerdings auch im Lauf unserer Begegnung nicht mehr gelingen.

Bisher, wandte ich jedenfalls irritiert ein, habe man doch erst ab 21 Uhr die Karte zeigen müssen. Seit letzter Woche sei das eben anders, schnappte der Fahrer. Er schaute mich noch immer nicht an, sondern höchstens mal betont gelangweilt hoch zum Rückspiegel. Dabei gab es darin gar nichts zu sehen; immerhin konnte ja hinten keiner einsteigen, weil er die Tür nicht geöffnet hatte.

„Wo wurde diese Neuerung denn kommuniziert?“, fragte ich, nachdem ich meinem Freund gesagt hatte, ich riefe gleich zurück, derweil ich einhändig die Abokarte aus der Brieftasche fingerte. „In der BILD-Zeitung“, sagt er, „und im Hamburger Abendblatt.“

„Ich lese keine Springer-Zeitungen“, entgegnete ich dem Ignoranten recht giftig, obwohl ich manchmal doch in die eine oder andere reinluge, aber höchstens online. Zum Beispiel lese ich die Zitate im BILDblog (siehe links in der Blogroll), und die sind original Springer, nämlich allzu oft falsch, verdreht, verwechselt, dumm oder alles zusammen. Der Fahrer ratterte weitere Zeitungsnamen herunter.

„Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit“, demütigte ich ihn und zog mich in den hinteren Busteil zurück.
Als wir uns zehn Minuten später der Davidstraße näherten, stellte ich mich zum Aussteigen vor die hintere Tür. Und zu meinem nicht geringen Erstaunen prangte dort der übliche riesigrunde Aufkleber: „Ab 21 Uhr bitte Karte vorne beim Fahrer vorzeigen.“ Es war 18:20 Uhr.

Also ging ich nach vorn und fragte den Fahrer, warum denn dieser Aufkleber da hinten noch klebe und ob er ihn nicht vielleicht mal entfernen wolle angesichts der doch per Springer kommunizierten veränderten Zusteigepraxis. „Wenden Sie sich an die Hochbahn“, sagte er und schaute schon wieder sinnlos in den Rückspiegel, „ich mache gar nichts weg.“

Um es noch mal zusammenzufassen: In ihren eigenen Bussen fordert mich die Hochbahn zu etwas auf, das sie per BILD-Zeitung untersagt hat. Doch der Fahrer hört auf BILD.

Das ist Medienmacht.

Große Musik, die heute durch den iPod floss: „A few minutes after trancefer“ von Klaus Schulze, „Scarborough fair“ von Walter Parks & Alan Dynin und „A stream with bright fish“ von Brian Eno & Harold Budd.


Kommentare:

  1. Hrhr der gute HVV Service³ aber mal echt. Ich blog morgen auch noch mal was zum Thema ROTJACKEN!... to be continued.

    War grad noch in der Hasenschaukel 5 Astra deswegen erst morgen mehr ;)

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  2. Hey, gerade dein Blog entdeckt, über glück auf, glaube ich, schön mal wieder was aus Hamburg zu lesen. Unfreundliche Busfahrer erinnere ich leider zu Genüge.

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  4. Danke für den interessanten Hinweis – und Kompliment für die außerordentlich hohe Zahl der Kommentare dazu. Hoffentlich halten sich die Verkehrsbetriebsverantwortlichen wenigstens ab und zu mal in der Blogosphäre auf, um sie nach Verbesserungsmöglichkeiten auszuforschen. Ihre Mails scheinen sie jedenfalls nicht zu lesen, denn mein dezenter Verweis auf den Busfahrereintrag bei der Hamburger Hochbahn blieb dort ohne Reakton.

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  5. Anonym20:12

    Natürlich ist das Verhalten des Fahrers nicht in Ordnung. Aber fahren Sie mal in Hamburg Bus.Ich gehe jede Wette ein, dass Sie nach 2 Stunden genau so reagieren würden. Der Fahrer erträgt das Publikum vielleicht schon 20 Jahre.Es ist nicht so einfach wieder "runter zu kommen", wenn man gerade mit 5 rotzfrechen, überheblichen, anmassenden Jugendlichen zu tun hatte, die nichts anderes zu tun hatten als den Busfahrer zu ärgern und zu beleidigen.

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    1. Aber all das trifft doch auf MICH überhaupt nicht zu!

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