20 Dezember 2005

Der Dienstags-Deal

Das von Nietzsche stammende Motto des literarisch ambitionierten Blogs „Der Club der halbtoten Dichter" lautet: „Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.“

Das stimmt natürlich sehr, und auch das Gegenteil: Alle schlechten Dinge haben etwas Verkrampftes und stehen wie Rocker hinterm Tresen. Nicht weit von der abgebildeten Postfiliale in der Seilerstraße hat ein Schuster seinen Laden. Er ist tätowiert bis über beide Ohren, trägt Jeansjacke und Bandana, verströmt den Odeur der Harley-Davidson-Generation und hat sicher alle LPs von Steppenwolf im Schrank, aber noch nichts von sinnvollen Öffnungszeiten gehört.

Den Schuh, den ich ihm am Freitagnachmittag zum Reparieren vorbeibrachte, kann ich nämlich quasi gar nicht mehr zeitnah in meinen Besitz bringen. Ich arbeite (in Ottensen) von 9.30 bis 18.30, er hat geöffnet (in St. Pauli) von 10 bis 18 Uhr. Unsere Tagesabläufe sind völlig inkompatibel.

Weil mir das unbewusst war, hatte ich mich dummerweise auf sein Drängen hin verpflichtet, den Schuh heute abzuholen. Der Schuster war schon am Freitag recht muffig, weil ich nur einen Fünfziger dabei hatte und seinem Begehr nach Vorkasse (sechs Euro) nicht entsprechen konnte. Er grummelte, brummelte, sein Bart wackelte unwirsch, doch händigte er mir schließlich nach meiner Zusicherung, den Schuh ganz bestimmt am Dienstag abzuholen, einen blauen Abholzettel aus. Keine Ahnung, warum die Festlegung auf Dienstag für ihn eine Bedeutung hat wie die Roadmap für Palästina. Ich meine: Was will ich mit nur einem Schuh? Natürlich hole ich ihn wieder ab. Wenn nicht Dienstag, dann halt irgendwann.

Doch jetzt das: Ich brach den Dienstags-Deal!

In einer erklärenden und, wie ich finde, bewegenden E-Mail schilderte ich ihm heute den objektiven Grund dafür: die Inkompatibilität unserer Lebensabläufe. Doch ich erntete nur schmollendes Nichts. Was wird jetzt aus meinem Schuh? Wenigstens habe ich ab Donnerstag Urlaub, und wenn der Schuster ihn bis dahin nicht mit unwirsch wackelndem Bart und unter wütendem Abspielen von „Born to be wild“ rituell verbrannt hat, anstatt ihn zu kleben, dann gibt es eine Chance auf Rückgabe. Für sechs Euro.

Nein, besser: Ich schicke morgen Ms. Columbo vorbei; sie hat frei. Bin auf ihren Bericht gespannt.

Große Musik, die heute durch den iPod floss: „Keep a light in the window“ von J W Alexander, „If I were a carpenter“ von The Four Tops und „Elle et moi“ von Max Berlin.


Kommentare:

  1. am erstaunlichsten finde ich allerdings, dass du eine e-mail-adresse von deinem schuster hast!!!

    AntwortenLöschen
  2. Ich finde es erstaunlich, daß Sie tatsächlich Schuhe zum Kleben bringen. Es gibt gerade in unserer wundervollen Stadt durchaus einige Schuster, die immer noch in der Lage sind, ihr Handwerk traditionell durchzuführen. Natürlich kostet das mehr, aber letztlich: Wollen Sie wirklich Ihre Schuhe dadurch versauen, daß Sie die schöne Rahmennaht durch Klebstoff ersetzen Auf daß die Füße schön schwitzen?

    Egal - dem von Ihnen beschriebenen Schuster brächte ich - trotz grundsätzlicher Sympathie für seinen voraussichtlichen Musikgeschmack - gar nichts.

    Interessante Formulierung: „Da mir das unbewußt war“ ;-)

    AntwortenLöschen
  3. eins60, des Schusters Mail-Adresse stand auf genau jenem Schild an seiner verschlossenen Ladentür, das mich über seine fatalen Öffnungszeiten informierte …

    GP, meine Kenntnisse über Anatomie und Architektur von Schuhen sind recht begrenzt, so dass ich über Ihren Tipp beglückt bin und künftige Beherzigung zusichere.

    AntwortenLöschen
  4. Mein Kampf gegen geklebte Schuhe.... ;-)
    Aber ernsthaft: Wenn Sie mal eines von Ihren rahmengenähten Schuhpaaren vom Wohlfühlfaktor her gegen ein Paar geklebte vergleichen, merken Sie doch sofort, in welchem Paar der Fuß nicht schwitzt...

    Und rahmengenähte Schuhe kosten mittlerweile auch nicht mehr soviel wie früher.

    AntwortenLöschen
  5. Leider lese ich diesen Artikel erst heute. Ich bin zwar nicht mehr so ganz gut auf Schusters Rappen, aber ich habe alle Zeit der Welt und wohne in unmittelbarer Nähe.

    Wenn es also nicht geklappt hat mit Ms Columbo, ich habe auch eine E-Mail Adresse: lustgrufti@web.de

    Nötigenfalls ziehe ich meine Uniform an und sage, ich käme von der neuen Schusterpolzei von Innensenator Nagel. Wetten, daß der die Hufbereifung rausrückt?

    AntwortenLöschen
  6. Ich glaube, er würde schon bei Nennung Ihrer Mail-Adresse alles rausrücken, was Sie verlangen … lol

    Jedenfalls danke für das Angebot. Möglicherweise werde ich gelegentlich darauf zurückgreifen, auch bei renitentem Verhalten anderer Klein- und Mittelständler auf St. Pauli.

    AntwortenLöschen
  7. Andreas20:20

    Sieht so aus, als wäre es mal wieder Zeit für eine kleine historische Fundierung eines Eintrags von Dir. Früher war ja bekanntermaßen alles besser. Da lag der beschriebene Schusterladen noch auf der anderen Straßenseite (praktisch an der Ecke Detlef-Bremer-Str.) und wurde von "Ewald, dem St. Pauli Schuster" geführt, wie das über dem Laden hängende Schld verkündete. Ähnlich wie der hier vor einigen Monaten mal erwähnte Imbissbesitzer Freddy war Ewald damals so um die 50 Jahre alt, aber er war die eindeutig symphatischere Erscheinung. Weißer Schnurbart, gewinnendes Lächeln, sonore Stimme und insgesamt mit der Ausstrahlung eines leicht schlitzohrigen (Lebe-)Mannes von Welt. Er großartiger Schuster war er obendrein. Ob seine Öffnungszeiten zweckmäßiger waren als die des jetzt dort residierenden Harley-Fahrers, vermag ich nicht zu sagen - war damals ich noch Student ... Jedenfalls war Ewald irgendwann, es muss so um 1995 gewesen sein, auf einmal weg. Nachfragen ergaben, dass er offensichtlich genug Sohlen genäht und Absätze genagelt hatte, um sich einen sympathisch früh eingeleiteten und sicherlich genussreichen Lebensabend auf Mallorca leisten zu können. Bin mir sicher, dass Ewald es sich dort auch heute noch gut gehen lässt. Leider konnte keiner seiner Nachfolger ihm das Wasser reichen. Weder das extrem blasse junge deutsche Ehepaar, das lustigerweise den hinteren, für die Schuhreparatur offensichtlich nicht benötigten Raum für die Aufbewahrung einer gigantischen Überraschungseierfiguren-Sammlung nutzte, noch die zwei türkischen (?) Brüder (?), in deren Ägide der Umzug in die kleineren Räumlichkeiten auf der nördlichen Straßenseite fiel (die hatten halt keine Überraschungseierfiguren-Sammlung, die sie unterbringen mussten). Sehr nette Jungs, aber das schusterliche Fachwissen ließ doch extrem zu wünschen übrig. Da auch ihr Nachfolger, nämlich Matthias' Bikerfreund, mich nicht so richtig überzeugen konnte, bin ich dann doch irgendwann zu einem Schuster in der Hein-Hoyer-Str. gewechselt, der mich in seiner so zuvorkommenden wie schlitzohrigen Art tatsächlich ein wenig an Ewald, den St.-Pauli-Schuster erinnert.

    AntwortenLöschen
  8. Andreas, mit diesem zu meiner großen Freude immer wieder aufblitzenden stadtteilhistorischen Fachwissen solltest du einen eigenen Blog betreiben. Titelvorschlag: „Die Rückseite der Reeperbahn – Wie alles anfing“.

    Jedenfalls vielen Dank dafür. Ich muss allerdings gestehen, dass ich auch auf einen Kommentar von dir zu meiner Maskerade als John Lennon erwartet/erhofft hatte. Aber dafür ist es ja nie zu spät, wie nicht zuletzt dein heutiger Beitrag beweist. ;-)

    AntwortenLöschen
  9. Bibi Sunshine18:56

    *Tränen aus dem Augenwinkel wische*

    Bei diesen inkompatiblen Lebensläufen (wunderbare Formulierung, Lob und Anerkennung) frage ich mich doch, wie hast Du es geschafft, die Schuhe überhaupt abzugeben?

    Ansonsten weiß ich nicht, ob Du den Schuster verkennst *grins* ... nicht jeder tätowierte Ledernacken steht auf Steppenwolf. Wenn er das täte, würde ich ihn auch verhauen ... aber ich finde es schöner, wenn er lacht - und das kann er :-))

    AntwortenLöschen
  10. Bibi, immer wenn ich dort während der Öffnungszeiten vorbeikomme (was freitags möglich ist, weil ich früher Schluss habe), quillt Musik hervor, die im weitesten Sinne unter die Rubrik „Born to be wild“ zu fassen ist. Es war also keineswegs ein Vorurteil, was aufgrund seines Äußeren entstand, nein: Ich habe zwei Quellen für meine Vermutung.

    Du scheinst ihn ja persönlich zu kennen. Schlag ihm doch mal kompatiblere Öffnungszeiten vor!

    AntwortenLöschen
  11. Steppenwolf hin oder her, der schuster hat zwar ein harleyeskes Outfit, aber wie nackig er sich vor dir gemacht hat, dass du ein Tatoo gesehen hast, weiss ich nicht. "Über beide Ohren" ist, naja zumindest dramatisiert.

    im uebrigen: nicht alles ist "ein eigenes blog" wert

    AntwortenLöschen
  12. Anton, ich bin in beiden Punkten – was das Dramatisieren und das eigene Blog angeht – ganz und gar deiner Meinung.

    AntwortenLöschen