21 August 2012

Der Schrank des Schreckens



Neulich im überfüllten ICE. Wir sitzen im Gang auf dem Boden, gemeinsam mit einer Polizistin, die einen Roman liest, wahrscheinlich von Stieg Larsson.

Plötzlich, in einer Kurve, schwingt der verglaste Schrank mit den Werbedisplays auf und donnert volley gegen die Klotür. Hätte gerade jemand das Örtchen verlassen wollen, läge er jetzt mit Schädelbasisbruch unter der Vakuumschüssel.

Ich versuche den wieder zurückschwingenden Schrank – übrigens ein circa zentnerschwerer Trumm – wieder zuzudrücken, doch nirgends rastet etwas ein. Bei der nächsten Kurve schwingt er wieder auf und gefährdet Menschenleben.

Ich kämpfe mich durch den Zug und erkläre drei Wagen weiter einer Schaffnerin das Problem. „Isch kümmär misch“, sagt sie ohne hochzuschauen, ihr Akzent ist frankophil, der ICE kommt ja auch aus der Schweiz. Wieder zurück stelle ich mich an den Schrank, damit er nicht aufschwingt. Nach einer Viertelstunde wechsle ich mich mit der Polizistin ab, die im Stehen weiterliest.

Vom Zugpersonal lässt sich niemand blicken. Eine halbe Stunde nach der Erstmeldung kämpfe ich mich erneut durch den Zug, um zu erfahren, was denn jetzt Sache sei in Sachen Kundenleben retten. Im Zugbegleiterabteil finde ich alle Bediensteten in trauter Runde, auch die Frankophone.

Wo sie denn bliebe, frage ich ob der lässigen Herumlungerei mit unverhohlener Erregung. „Isch bin seit Basäl an Bord“, sagt sie müde aufschauend, „isch ’abe auch nur swei Füßö!“

Das regt mich noch mehr auf, ich zetere herum, schimpfe, blöke, aber alle schauen mich nur mit halb heruntergelassenen Jalousienlidern derart öde an, als wäre ich ein Film mit Adam Sandler.

Ich dampfe zornschnaubend ab, die Polizistin lächelt bei meiner Rückkehr weise ob meiner Schilderung. Eine weitere Viertelstunde später kommt endlich ein Offizieller und erschrickt beim Anblick der Polizistin. Wahrscheinlich denkt er, sie sei inzwischen alarmiert worden und sichere den Tatort. Mit grimmigem Vergnügen lasse ich ihn in dem Glauben.

Eilfertig untersucht er den Displayschrank.
„Völlisch richtisch, was Se sache“, wendet er sich dann beifallheischend an mich, während er mit einem Auge die Polizistin im Blick behält, „ä Sichäheidsrisigo. Mer müsse de Waache ewwaguiere.“

Meint er „evakuieren“? Haben Sie das auch gehört? Erst eine Stunde lang unbeeindruckt die eigene Kundschaft der Gefahr, nach dem Toilettengang zügig erschlagen zu werden, anheimstellen, und dann auf einmal ewaguiere wollen?? Eine unkalkulierbare Verspätung in Kauf nehmen? Auf Spiegel online landen? Nein, nein, so haben wir nicht gewettet, ICE-Begleiter!

Haben wir auch nicht, denn mit einem Schraubendreher schafft der Mann es doch, den Schrank des Schreckens irgendwie zu fixieren. Er evakuiert nicht, und es gibt auch keine Toten. Wir sitzen wieder im Gang, außer Gefahr.

Die Polizistin schaut mich an und lächelt mit jenem spöttischen Fatalismus, den jeder regelmäßige Bahnnutzer im Lauf der Zeit mimisch virtuos zu beherrschen lernt. „Er hätte uns ja wenigstens“, sagt sie, „ein Freigetränk spendieren können.“

Aber man darf nicht zu viel verlangen. Immerhin haben wir überlebt.

Kommentare:

  1. Wie sagte schon der deutscher Dichter Matthias Claudius(1740 - 1815)
    Wenn jemand eine Reise tut,
    so kann er was erzählen.

    Ja mit der Bahn kann Ihnen alles passieren, egal ob es sich um ausgefallene Klimaanlagen handelt, oder Verspätungen in Kauf nehmen muss und nun auch noch dieser sehr bedenkliche Vorfall.

    Mal schauen, was uns im September erwartet, wenn wir auf dem Weg von Frankfurt nach Wremen sind.

    AntwortenLöschen
  2. Au weia. Ich fahr morgen auch ICE. Und ich habe auch keine Reservierung. Da werde ich mich weit entfernt der Toilette, die von fiesen Türen umgeben ist, auf den Boden setzen.

    AntwortenLöschen
  3. Lijbosz Nek01:18

    Menzeline, ich schreibe dies nicht aus Kleinkariertheit, sondern weil ich das Wort so gerne mag: bei Claudius heißt es "verzählen".

    Die Vertonung von Beethoven ist großartig (zugegeben, der "Refrain" nervt auf Dauer beträchtlich): http://www.youtube.com/watch?v=4u-Yl62x1P0

    Besonders am Herzen liegen mir die Zeilen

    "Von hier ging ich nach Mexico -
    Ist weiter als nach Bremen -
    Da, dacht' ich, liegt das Gold wie Stroh;
    Du sollst'n Sack voll nehmen."

    AntwortenLöschen
  4. @ Lijbosz Nek
    Verzählen klingt so schön norddeutsch, fast wie Plattdütsch. Find ich auch viel besser, daher bin ich dankbar, dass Sie mich daraufhin gewiesen haben.

    AntwortenLöschen
  5. Das Wort findet sich auch in dem hessischen, westerwaldnahen Dialekt, mit dem ich aufgewachsen bin. Dort heißt es „verzehln“.

    AntwortenLöschen
  6. Lijbosz Nek15:18

    @Menzeline
    Im Plattdeutschen wäre es dann sowas wie "vertelln". Oh, das erinnert mich an meine Großmutter selig...

    AntwortenLöschen