23 November 2013

Das Butlerproblem

Wir können wirklich nichts dafür. Echt nicht.

Eigentlich hatten wir auf dieser Schiffsreise Richtung Israel nur eine einfache Balkonkabine gebucht. Einige Wochen vor Antritt des Urlaubs aber rief mich das Reisebüro an und offerierte ein recht günstiges Upgrade in eine Suite. Größer, breiter, weiter – nach kurzem Überlegen sagte ich erfreut zu. 

Bereits einen Tag später rief der Mann vom Reisebüro wieder an und sagte, er könne uns nunmehr sogar  hochbuchen in eine Grand Suite. Ohne Aufpreis. Das war gewissermaßen ein Pferdekopf im Bett; wie hätte ich dazu nein sagen können? 

Wir können also wirklich nix dafür. Echt nicht. 
Aber jetzt haben wir einen Butler. 

Er ist anscheinend ostasiatischer Herkunft, nennt sich Alan und wartet auf Aufträge. Allerdings haben wir als linksorientierte Verfechter der Überwindung der Klassengesellschaft überhaupt keine Erfahrungen im Aufträgeerteilen an Butler. 

Ratlos betrachten wir seine Telefonnummer (6666). Was soll Alan für uns tun? Und was tut er, wenn er mal nichts für uns tun muss, was praktisch ununterbrochen der Fall ist? Andererseits ist er nun mal ein Dienstleister in Habachtstellung, das kennt er, das weiß er, vielleicht will er das sogar. Möglicherweise ist Alan sehr gerne Butler, und unser typisch linksorientiertes deutsches bedenkenträgerisches Rumhadern würde bei ihm nur Kopfschütteln auslösen. 

Wahrscheinlich verdient er zehnmal so viel wie sein Bruder, der in Manila eine Suppenküche betreibt, wenn das Land gerade mal nicht von Erdbeben, Tsunamis oder Wirbelstürmen in Schutt und Asche gelegt wird. Wahrscheinlich fühlt Alan sich, als hätte er es geschafft. Denn er ist Butler der Gäste einer Grand Suite. Doch grau ist alle Theorie; wir wissen’s nicht, und es wäre unhöflich, ihn zu fragen. 

Es klopft, wir öffnen die Tür unserer Grand Suite. Davor steht ein Mann, der sich als Freddy vorstellt. Unser zweiter Butler.

Kommentare:

  1. Olaf aus HH15:02

    Oha -
    das Problem hatte ich auch immer, wenn ich als "Tourist" in ärmeren Ländern unterwegs war, aber nicht in dieser Deutlichkeit wie Sie. Für dortige Verhältnisse waren wir/ war ich mit der Reisekasse jeweils reich und wurden in Hotels natürlich auch hofiert. Dem konnte ich nie etwas abgewinnen im Sinne von "Genuß" oder "Lebensqualität", es war mir eher peinlich.
    Ich denke dabei immer, was ich selber erledigen kann, erledige ich selbst. Zuhause mache ich es ja auch nicht anders. Es war mir z. B. zu blöd, mir einen Aschenbecher bringen zu lassen, wenn ich ihn mir selber holen konnte.
    Ich bringe es einfach nicht fertig, andere unnötig für mich arbeiten zu lassen, damit ich... was eigentlich ? zelebrieren kann. Andere Leute lassen sich vom Butler die Tageszeitung bügeln (!).
    Soll Alan gerne (relativ zu seinen Landsleuten) gut verdienen, auch wenn er nicht von Ihnen in Anspruch genommen wird.
    Und weil der Mensch ein Mensch ist...

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    1. Das Problem ist nur: Wenn Sie Dienstleistern die Arbeit abnehmen, machen Sie sie über kurz oder lang arbeitslos und sorgen so für mehr Armut und Elend in der Welt. Allmählich tritt Ihr wahrer Charakter zutage, Olaf aus HH!

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  2. Raoul00:53

    Bitten Sie ihn doch einfach, alle 10 Minuten nach aktuellen Wünschen zu fragen. Dann ist er ausgelastet und Sie brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, weil Sie ebenfalls permanent genervt werden. Eine klassische Loose-Loose-Situation.

    Ansonsten hilft es, sich ausreichend oft "Oben" von Reinald Grebe anzuhören.

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    1. Bisher habe ich es noch nicht übers Herz gebracht, Ihren Vorschlag in die Tat umzusetzen. Wohl erst in israelischen Gewässern.

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  3. Also, das Butler"problem" hatten wir auch auf unserer Schiffsreise. Auf der einen Seite sehr angenehm, Betten aufgeschlagen, frisches Obst und Getränke, auf der anderen Seite hat man den Tagesablauf ein bisschen darauf abgestimmt. Macht man um halb fünf nachmittags ein Nickerchen, kann es sein, dass es klopft und dann einer im Raum steht.
    Und zu nett sein ist auch nix, dann kann es sein, dass sie das Schludern anfangen.

    Im Preis inbegriffen war, dass wir ihn nach der Reise mit nach Hause nehmen durften, wollte ich aber nicht. Denn, wenn ich zu nett zu meinem Häubchen bin, dann ....

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    1. Störungen durch den Butler können zuverlässig durch ein „Bitte nicht stören“-Schild an der Außenseite der Suitetür verhindert werden. Das als Tipp für Ihre nächste Schiffsreise in der Oberklasse.

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  4. Anonym00:27

    Hmmm, das "sonst wäre er ja arbeitslos" Argument finde ich ja inzwischen nicht mehr putzig, nein, es regt mich inzwischen fast auf.
    Gut, ich will jetzt nicht den KZ-Leiter-Vergleich näher erläutern, das wären dann wohl doch eher Kanonen und Spatzen…
    …aber wenn ein Job keinen gesellschaftlichen Mehrwert bringt, dann ist er m.E. überflüssig und die Gesellschaft würde sich freuen wenn eben dieser sich endlich einen Job sucht, der einen gesellschaftlichen Nutzen bringt.
    Die Großmutter im Altersheim muss unter Pflegenotstand leiden, während der vermeintlich gut bezahlte MTV-(gibts das noch?) Klatschreporter sich über die Hosenfarbe von Britney Spears auslässt und ob aus der Wahl der Socken Rückschlüsse auf den aktuellen Gemütszustand der amerikanischen Popsängerin gezogen werden können.
    Zum Butler, wenn Sie ihn nicht brauchen –aus welchen Gründen auch immer- dann nehmen Sie doch einfach seine Dienste nicht in Anspruch. Vielleicht macht er mit der Zeit dann ja etwas Sinnvolleres!
    Etwaige unsaubere Formulierungen und Zorn ob der Auswüchse in dieser unsrigen Gesellschaft bitte ich aufgrund der vorgerückten Stunde zu entschuldigen.

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  5. Anonym11:54

    Werter Herr, das "Butlerproblem" wird erst zu einem, wenn Sie es versäumen angemessenes Trinkgeld zu geben, denn das von Ihnen angesprochene Gehalt basiert auf der Annahme, daß der Butler Trinkgeld bezieht. Ansonsten verdient "der Bruder mit der Suppenküche" vielleicht doch mehr.....

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