19 April 2013

Acht Jahre bis zum Boss

Zwei historische Ereignisse waren entscheidend dafür, dass ich just heute in Hosseinis Stellinger Änderungsschneiderei vor einem Spiegel stand und sich mir ein kleiner Afghane mit einem vollbestückten Nadelkissen näherte.

Eins dieser beiden Ereignisse geschah 1991. Damals entschloss sich der US-amerikanische Autor Bret Easton Ellis, einen Roman namens „American Psycho“ zu schreiben.

Das hätte aber noch nicht gereicht für meinen heutigen Auftritt vor Hosseinis Spiegel in Stellingen. Hinzukommen musste – neben der unabdingbaren Erfindung des Internets 1969, die ich aber jetzt mal besser nicht mitzähle, sonst lande ich irgendwann noch beim Urknall –, hinzukommen musste 14 Jahre später Ereignis Nummer zwei: meine Entdeckung des Blogs Lyssas Lounge.

Ellis’ Roman löste vor 22 Jahren bei einem österreichischstämmigen Hamburger einen bis heute anhaltenden Fetisch für Herrenmode aus – und Lyssas lesenswerte Schreibe bei mir das Bedürfnis, selber das Bloggen anzufangen.

Dem österreichischstämmigen Hamburger gefiel, was er ab 2005 hier, auf der Rückseite der Reeperbahn, zu lesen bekam, weshalb er den Kontakt suchte. Nach anfänglichem Fremdeln wurde daraus Freundschaft, doch erst acht lange Jahre später – nämlich neulich – infizierte er mich (endlich) mit seiner Manie für hochwertige Herrenmode, als er mir notorischem Sparfuchs riet, mich doch mal auf Ebay nach all diesen Schurwollpreziosen umzuschauen.

Dort nämlich, raunte er, müsse man nicht etwa die üblichen vier-, sondern mit etwas Glück nur zweistellige Beträge für gebrauchte Spitzenware zahlen.

Was soll ich sagen: Der Mann hat Recht. Und deshalb stand ich heute in Stellingen vor einem Spiegel, während mir ein kleiner Afghane Nadeln in den Hugo-Boss-Selection-Anzug steckte und ich von hinten German Psycho sagen hörte: „Die Ärmel müssen aber noch etwas kürzer.“

Ohne Bret Easton Ellis wäre das alles niemals passiert. Ohne Lyssa auch nicht. Und natürlich auch nicht ohne den Urknall.


Kommentare:

  1. Hans Waldmann13:14

    Zweiknopfsakko, gefällt mir.
    Den Änderungsschneider werde ich mir merken, danke!

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  2. In der Tat sah der Anzug in echt deutlich besser als auf dem Bild aus, das möchte ich mal anmerken. Ich vermute allerdings, das liegt daran, daß der wohltrainierte Körper Herrn Wagners darin steckte.

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  3. Dafür nicht, Herr Waldmann.

    GP, wenn Sie glauben, dass Sie mich mit so was zum Erröten bringen, dann haben Sie … Recht.

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  4. Hans Waldmann13:41

    Andererseits wundere ich mich ja, dass ausgerechnet GP nichts gegen "Hugo Boss" vorzubringen hat.

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  5. Sie werden lachen: Es war seine Empfehlung! Aber nur, wenn es sich um die Reihe Selection handelt. Er weiß eben zu differenzieren, der Herr GP.

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  6. Hans Waldmann23:23

    Dann bitte ich den werten Herrn GP, mir die Vorzüge jener Reihe zu erläutern; ich lerne gerne dazu und bin wie Sie, Herr Wagner, ein Sparfuchs (bzw. einfach nicht sehr vermögend).

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  7. Ich versuche seine Ausführungen kurz zusammenzufassen: feinste Schurwolle (Super 150, d. h. 150 Meter Garn wiegen ein Gramm) und beste Verarbeitung (alles genäht statt verklebt). Und der Schnitt ist auch nicht der schlechteste.

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  8. Vielleicht darf ich noch den einen oder anderen Gedanken hinzufügen:

    Die Stoffqualität ist nicht einfach „je höher die Meter-Zahl, desto besser der Stoff“. Ihr Gieves-&-Hawkes-Anzug ist gegenüber dem Boss-Selection sicherlich der teurere Anzug, aber das spiegelt sich nicht in der S-Zahl wieder: Er hat ja "nur" einen S-110er Stoff. In 20 Jahren werden Sie den schwereren G&H-Anzug sicherlich immer noch tragen können, den Boss-Selection jedoch eher nicht, weil der Stoff durchgescheuert ist.

    Hinzu kommt die Wetterfrage: Im Sommer trüge ich keinen S-110er in dunkelgrau mit Nadelstreifen – im Winter hingegen keinen S-150er in mittelblau oder beige.

    Und zu Hugo Boss: Hugo Boss ist ein Konzern. Der hat mehrere Marken, darunter die von Ihnen, Herr Waldmann (zurecht!) nicht sehr gemochte Linie "Hugo Boss". Hinzu kommt die "Orange"-Linie, die aber unter uns älteren Herren ebenfalls keine Rolle spielen sollte.

    Früher gab es dann noch Baldessarini, eine Marke, die leider stetig an Qualität verliert, seit sie aus dem Konzern ausschied. Bis dahin war Baldessarini so ziemlich das Nonplusultra bei Anzügen. Viel Handarbeit, teure Stoffe, viel zu teuer. Hat keiner gekauft (ebay!)

    Nun gibt es einen vernünftigen Komromiss: Die "Selection"-Reihe (die es wohl leider auch wieder in 2 Ausführungen, aber das führt zu weit). Hier ist vor allem zu bemerken, daß die Anzüge nicht mehr verklebt werden ("fused"), die Schicht zwischen Futter und Außenstoff als nicht aus klebstoffartiger Masse besteht. Sondern hier setzt Boss auf die langlebigere und eine bessere Form verleihende, vernähte Einlage aus Stoff.

    Der Schnitt ist immer Geschmacksfrage, aber ich schätze bei "Selection", daß sie nicht jeden Trend mitmachen – beispielsweise den aktuellen, Sakkos so kurz zu schneidern, daß man, ohne den Rock zu heben, kacken gehen könnte. Verzeihung.

    Daß aber – und ich twitterte das bereits – eine Firma, die früher Wehrmachtsuniformen herstellte, nun ihre teuerste Kollektion "Selektion" nennt, ist auch irgendwie irre.

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  9. … aber immerhin mit c … ;)

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  10. Hans Waldmann14:16

    Das mit dem "c" dürfte Hamburgern doch gefallen ("Centrum").

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