18 März 2013

Time to say goodbye (3)

Der Versuch, die von den unverlässlichen Freunden bisher verschmähten Bücher komplett an einen Profihöker zwecks Vermarktung zugunsten eines sog. „sozialen Projektes“ zu verschenken, scheiterte heute Mittag kläglich.

Dabei hatte der Ankäufer überall Kiezlaternenpfähle und -hauseingänge mit Zetteln bepflastert, auf denen ebenso großspurig wie offenkundig widerrechtlich behauptet wurde, er käme mit Freuden vorbei und nähme die ganze Sammlung mit – sofern „gut erhalten“.

Ja, Pustekuchen! Nach einem Blick auf die oben abgebildete Bücherwand verzog das überpünktlich hereinschneiende mittelalte Paar beinah angewidert das Gesicht und murmelte etwas von „maximal zwei bis drei Prozent interessant“. Die feinen Herrschaften vermissten plötzlich Sciencefiction und Krimis und waren derart schnell wieder draußen, dass Ms. Columbo und ich uns ungläubig schief angrinsten.

Ja, wo sind wir denn, dass diesen Leuten auf einmal Schiller, Lessing (Doris und G. E.), Houellebecq, Melville oder Foster Wallace nicht mehr gut genug sind? Ja, wo denn??

Das Foto oben war eigentlich als Erinnerungsstück gedacht, an dem sich dereinst Wehmut und Nostalgie entzünden könnten, sofern der bald losbrechende Sonnensturm der X-Klasse alle Daten der Welt hinwegrafft, auch die auf unseren elektronischen Lesegeräten. Wobei auch das Foto weggeblitzt werden würde, aber das ist jetzt mal kurz egal. (So funktioniert Dialektik.)

Erst neulich erst musste ich ja die Demütigung des Weggeschicktwerdens verdauen, als ein Plattenhändler angesichts meiner Tasche mit alten CDs quasi einen Lachanfall bekam. Und jetzt das. Kann man sich denn heutzutage nicht mehr ordnungsgemäß von seinen Besitztümern trennen, ohne zum Gespött zu werden? Kann man im 21. Jahrhundert nicht mehr vom Jäger und Sammler zum Abschaffer umschulen, ohne gesellschaftliche Ächtung zu riskieren?

Es war jedenfalls viel leichter, den ganzen Kram herbeizuschaffen, als ihn jetzt wieder loszuwerden. Wir müssen uns also wohl oder übel über kurz oder lang der charakterlichen Fragwürdigkeit des schnöden Wegwerfens schuldig machen. Mit dieser Schuld werden die Händler der Welt leben müssen. Und unsere feinen Freunde natürlich.

Als die unwilligen Höker entflohen, riefen sie uns noch einen Tipp zu. „Gehen Sie zur Rathauspassage“, schallte es schon halb aus dem Treppenhaus, „die nehmen ALLES.“

Der Subtext dieses Ratschlags gefällt mir übrigens ganz und gar nicht.


Kommentare:

  1. Schon seit Monaten lese ich verwundert Ihre Posts zu diesem Thema. Eigentlich widerstrebt es mir auch, hier Werbung für eine Dienstleistung zu machen. Aber ich kann und will es einfach nicht riskieren, dass Sie diese Möglichkeit übersehen und sich die Mühe machen, Ihre Bücher zum Altpapier-Container zu bringen. Deshalb – und nur deshalb – frage ich Sie: Kennen Sie www.momox.de denn nicht?

    Dort können Sie fast jedes Buch und auch viele CDs und DVDs sehr einfach verkaufen. Am einfachsten geht es, wenn Sie die Bücher (und DVDs und. CDs) in einen (oder mehrere) große Kartons packen und dabei per Smartphone-App die Strichcodes der Medien scannen. Dann erfahren Sie sofort, wieviel Momox für Ihr Buch zahlt (von nix bis über 10 Euro hatte ich schon alles). Auf der Website des Dienstes erhalten Sie kostenlose Paketaufkleber. Sogar einen Abholtermin können Sie mit dem Paketdienst vereinbaren.

    Probieren Sie das bitte, bevor Sie die Altpapier-Container verstopfen und niemand mehr seine IKEA-Kartons hineinwerfen kann...

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  2. Danke, aber Momox kenne ich. Dort wird man gewiss genau so reagieren wie oben beschrieben. Außerdem habe ich ja gar keine finanziellen Interessen. Also last exit Rathauspassage.

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  3. Mittlerweile gibt es in fast jeder Stadt "Öffentliche Bücherschränke". Das wäre doch auch eine Lösung.

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  4. Wenn Sie zufällig Sol Steins "Über das Schreiben" besitzen, könnten Sie es Ihrer Praktikantin schenken, die Ihnen lebenslänglich treu ergeben ist und jedes einzelne Laubblatt im Bloggarten poliert, bevor Sie es mit Ihren ehrenwerten Füßen betreten. Das wäre doch eine tolle Idee.

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  5. Werde ich erwägen. Obwohl sie zuletzt bei den Buchenblättern etwas nachlässig war.

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  6. Haben Sie das Buch wirklich??? So in echt und so?

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  7. Zwischen Solschenyzin und Steinbeck steht es zumindest nicht.

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  8. Schade. Ich hätte es Ihnen abgekauft. Für richtig viel Geld. Eine Menge Geld. Einen ganzen Sack voll Geld sozusagen. Und ich hätte Sie in meinem Buch erwähnt. Lobend erwähnt. Was jetzt natürlich nicht geht, da ich ohne Sols Schmöker das Ding nicht schreiben kann.
    Sie wären berühmt geworden! Und ich erst...

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  9. Anonym12:07

    Hallo, als Tip für die ungeliebten Bücher hätte ich noch www.bookcrossing.com. So freuen sich evtl. ja noch (mehrere) andere über Lesestoff.

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  10. Da habe ich mit Sol Steins Buch ja einen echten Leckerbissen bei Herrn Wagner ergattert! :)

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  11. Och,ich finde das Buch sehr lehrreich! Wieviel bietet denn der Kommentator? :)

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  12. Chef, das war ein schwerer Fehler! Der letzte Fehler dieser Art ist dem Pianisten der Titanic unterlaufen, der seine Fahrkarte schon verkauft hatte, diese beim Pokern aber wieder zurückgewann!

    @Sinnsphäre: Cheffe hätte ich lebenslängliche Ergebenheit geboten und 25 bis 45 Euro. Ihnen biete ich so viel, wie Sie selbst für das Buch bezahlt haben. (hehe)
    Und ein Auftritt in meinem noch nicht geschriebenen Roman. Ich hätte da noch die Figur eines anonymen Was-auch-immers zu besetzen. Klingt das verlockend?

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  13. @Anna Darauf kann ich mich einlassen. Allerdings erbitte ich mir noch etwas Geduld, da selber noch am Schreiben und mit Umzugsstress befasst.

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  14. @Sinnsphäre, pssst, ich habe das Buch auf einer geheimen Auktionsplattform gesehen und versuche es zu ersteigern. Falls mir das gelingt, schreibe ich Ihnen Bescheid! Sie können dann natürlich trotzdem einen anonymen Was-auch-immer in meinem ungeschriebenen Roman spielen!?

    Sie natürlich auch, Chef!

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  15. Ein entzückendes Angebot. Ich werde Ihnen alsbald eine grobe Charakterzeichnung meiner Figur zukommen lassen, die Sie dann euphemistisch ausgestalten dürfen.

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  16. Ich wollte Sie eigentlich ein bisschen ironisch verfremden. Natürlich nur so weit, dass es Ihnen überhaupt nicht auffällt.
    Aber immer nur her mit den Wunschvorstellungen!

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  17. Hans Waldmann20:53

    Ich kann gar nicht verstehen, dass die Leute Schiller, Lessing (Doris und G. E.), Houellebecq, Melville oder Foster Wallace nicht haben wollen. Ich nähme alles mit Kusshand.

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  18. Das ging mir so, als ich meine CD-Sammlung aufgelöst habe und so einen Zettel-an-Laterne-Kleber bestellt habe.
    Dieser angeekelte Blick beim Begutachten der Ware scheint wohl überall gleich zu sein. :)

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  19. Anonym20:22

    Hallo Herr Wagner, einige Pflegedienste in Hamburg freuen sich über Bücherspenden für Senioren-WGs u.ä. Ich weiß das zum Beispiel von der Firma Pflegezeit, Große Bergstrasse 223, Tel: 3196011

    Gruß, eine Leserin ;-)

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  20. Anna, Sie lesen mir doch eh jeden Wunsch von den Lippen ab. Dann mal los!

    Herr Waldmann, wo waren Sie, als Sie gebraucht wurden?

    µnÐ3rÐ09, Kulturprodukte scheinen eben generell aus der Mode zu kommen. Zumindest, wenn sie mit physischen Medien verbunden sind. Geht mir ja auch so …

    Liebe Leserin, wenn die Rathauspassage einen Rückzieher macht, werde ich auf Ihren Vorschlag zurückkommen. Danke schon mal.

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  21. @Matt: Update: Sol Stein ist auf dem Weg zu mir. Ich werde ihn bald in meine Arme schließen - der Rest ist dann ein Kinderspiel.
    Angebot: Sie heißen Torben und tragen rosa Oberhemden. Dafür sagen Sie andauernd sehr kluge Sachen und gehen ins Fitness-Center, um Ihren Körper zu stählen.
    Sind Sie ebenso begeistert wie ich gerade?

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  22. Nachdem auch ich vergeblich und über mehrere Monate hinweg versucht hatte, meine rund 700 Bücher trivialer Literatur der Weltgeschichte zum zuletzt lächerlichen Preis von 50 € zu verkaufen, habe ich sie dorthin gebracht, wo es mir am meisten weh tat: In den Altpapiercontainer.

    Asche aus Papierverbranntem auf mein haupt. Aber niemand, noch nicht einmal die Alten-, Kinder-, und sonstwas heime (schreibt man das jetzt groß oder klein?) wollten die drei Billy-Regale voller Wissen und Abenteuer haben.

    Ich bin geneigt, vor den Sommerferien hier im neuen Haus einen Bücherflohmarkt für Tauschwillige zu veranstalten. Aber wer reist schon aus HH an, um in NRW vielleicht keine Bücher zu verkaufen?

    Ach, ich sehe es schon. Bücher sind völlig "out of time".

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