17 Juli 2013

Der Chemie ist nicht zu trauen

Schon immer hatte ich intuitiv vermutet, dass man eine dubiose Tätigkeit namens „chemische Reinigung“ am besten zu übersetzen hat mit: „Wir tun gar nix, bitten Sie dafür aber herzlich gern zur Kasse.“

Die Verifikation dieser Vermutung erfolgte heute, als ich zwei auf dem Flohmarkt günstig geschossene Canali-Zweireiher aus reiner (und daher nicht waschbarer) Schurwolle von der Reinigung abholte. Als ich sie abgegeben hatte, wiesen die Hosen am Innenbund teils erhebliche Verschmutzungen auf, und jetzt, als ich sie abholte, hatte sich an diesem Status Folgendes geändert: nichts.

„Das sieht ja genau so aus wie vorher“, murrte ich verstimmt, während ich der Reinigungskraft vorwurfsvoll die Innenbünde entgegenhielt. Das müsse man halt waschen, antwortete die Frau, eine von jahrelanger Reeperbahnkundschaft hartgesottene Fachkraft. Ich hingegen bin nach all den Jahren auf dem Kiez noch immer eher zartgesotten und wandte daher zaghaft ein, Waschen ginge meines Wissens nicht, wegen Schurwolle und so.

Doch, sagte sie, da gäbe es ein spezielles Waschprogramm, das koste nicht mal mehr. Warum man diese Methode dann nicht bei meinen Anzügen angewandt habe, fragte ich mit inzwischen leicht bohrendem Unterton. Weil die Verschmutzungen dank meines Schweigens beim Erstbesuch unbekannt geblieben seien, sagte sie.

Einen Reinigungsauftrag, erwiderte ich inzwischen recht aufgebracht, müsse man doch wohl nicht mikrogeografisch spezifizieren; man komme als Kunde nun mal mit verschmutzter Kleidung und nähme sie sauber wieder mit – so meine, wie ich zugeben muss, laienhafte Vorstellung von „Reinigung“.

Nach einigem Hin und Her endete die ganze Geschichte damit, dass die Dame meine beiden Canali-Wollanzüge dabehielt und sie nun dem hochbrisanten Vorgang des speziellen Waschens unterziehen will. Und das alles belegt letztlich meine eingangs formulierte These zur chemischen Reinigung, was mich auf eine mir selbst ein wenig suspekte Art befriedigt.

Morgen jedenfalls wird ein spannender Tag. Die Canalis sind nämlich pro Stück mehrere hundert Euro wert, ob günstig geschossen oder nicht.




Update: Die meisten Flecken waren immer noch da – und zwar, weil die Anzüge doch nicht gewaschen worden waren. Grund: Ich hätte ja die Reinigung mit einer entsprechenden Unterschrift nicht von der Haftung entbunden. Wäre natürlich kein Problem gewesen, wenn man mir das nur vorgeschlagen hätte! Ich lachte höhnisch auf, woraufhin die Fachkraft mal telefonieren musste. Als sie zurückkam, hieß es, die Anzüge seien doch gewaschen worden. „Etwa ohne meine Unterschrift?“, brummte ich bedrohlich. „Ja, wenn etwas schiefgegangen wäre“, erklärte mir die Frau, „wäre das auf meine Kappe gegangen, ich wäre die Idiotin gewesen.“

So kann selbst ein kleiner Dienstleistungsauftrag zu unterhaltsamsten Verwickl- und Verwerfungen führen.

Kommentare:

  1. Also, da haben Sie vollkommen recht, die von oben nach unten gehenden hellblauen und grauen Verschmutzungen sind immer noch deutlich zu sehen. Hoffentlich sind diese nach der Reinigung vollkommen weg.
    Wenn nicht, nachts einfach auf links tragen. Dann fällt das eh nicht so sehr auf.

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    1. Zumal das Futter aus feinstem Rayon besteht – guter Vorschlag!

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  2. Anonym23:13

    genau so:
    Autoreparaturen, Arztbesuche und Klempnerarbeiten NUR noch, wenn der "Kunde" im Vorwege genau erklären kann, was vorliegt und/oder zu tun ist!!

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  3. Raoul02:30

    Anscheinend gibt es auch in Reinigungsbetrieben viel mehr Loriot-Fans als man gemeinhin denkt.

    Und vom Versuch, etwas inside-out zu tragen, würde ich allein aufgrund einer äußerst lehrreichen Seinfeld-Episode dringend abraten.

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    1. Oh ja, immer eine Referenz! Von Seinfeld lernen heißt fürs Leben lernen.

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    2. Raoul01:55

      Dem ist nichts hinzuzufügen!

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  4. Hans Waldmann08:15

    Ich bin sicher, dass der werte Germanpsycho Abhilfe weiß und warte gespannt auf seine wohlgesetzten Worte.

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