29 Dezember 2009

Keine Traute

Vom Weihnachtsbesuch im elterlichen Heimatdorf (Detailfoto) mit unverändertem Körpergewicht zurückzukehren, ist eigentlich kein Anlass, um gleich montags wieder im Fitnessstudio einzukehren.

Dort saß ein Typ Marke Hell’s-Angels-Türsteher am Bizepstrainer: Glatze bis zum Stammhirn, schwarzes Muskelshirt mit Runenzeichen und tätowiert bis zur Poritze. Sein Nachbar am Adduktorengerät, ein deutlich schmaleres Hemd, fragte den Trumm: „Machst du Zirkel?“

„Nee“, antwortete der (mit einer erstaunlich dünnen Stimme, ähnlich der von Hänschen Rosenthal, falls sich an den noch jemand erinnert). „Das ist gut“, atmete der Schmale hörbar auf, „ich will nämlich zwischen unseren beiden Geräten wechseln.“

„Kein Problem“, kam es zurück. Allerdings blieb der Brocken dessen ungeachtet weiter sitzen. Ab und zu wuppte er ein paar Züge (natürlich einarmig), dann ruhte er wieder in sich wie ein Buddha des Bösen, und zwischendurch schnackte er mit Inkasso-Henry, der ihm pumpend und ächzend gegenüber saß.

Der Schmale trippelte derweil unruhig hin und her, setzte sich mal links und mal rechts neben den Tätowierten, stellte sich in die Nähe an den Tisch, tat, als müsste er was trinken, lief auf und ab – und traute sich bis zu seinem frustrierten Abgang nicht mehr, den Muskelmann an seine Zusage zu erinnern.

Zu Hause vertrimmt er wahrscheinlich ersatzweise seinen Hamster.

Kommentare:

  1. Deinen Blog find ich klasse. Weiter so! Du bist in meiner Blogroll!

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  2. Anonym00:10

    Also, auch wenn ich mir langsam vorkomme wie der MRR der Blogs: Nach dem Buch zur Bewegung 2.Juni empfehle ich nun gerne auch noch die Biografie vom guten alten Hans Rosenthal, die man unter dem Titel "Zwei Leben in Deutschland" auch heute noch günstig bei Anbietern wie dem ZVAB bekommt.
    Zumindest der erste Teil, beziehungsweise eben das "erste Leben" ist wirklich lesenswert, denn das überstand Herr Rosenthal als Jude in einem Berliner Schrebergarten, in dem er sich verstecken konnte.
    Der zweite Teil des Buches besteht dann aus Anekdoten rund um seine Jahre beim RIAS, aber der erste Teil ist tausendmal interessanter als dieser ganze Guido Knopp-(Mit Rücksicht auf Herrn Wagner fehlt hier jetzt ein Kraftausdruck, der wahrscheinlich eine fiese Abmahnung nach sich ziehen würde.)
    Und da es beim Herrn Wagner ja eigentlich eher um Musik geht, hier noch ein Tipp, wie man auf jeder Party sofort für fettes Aufsehen sorgt:
    Einfach wie wild und lautstark die These vertreten, der Musiker Henry Rollins ("Black Flag" und so) habe nur aus Begeisterung über "Dalli, Dalli"-HR einen Künstlernamen mit den gleichen Initialen gewählt.

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  3. Schön, dass wirklich noch einer Herrn Rosenthal kennt.

    PS: Hier geht es zuvörderst um den Kiez, nicht um Musik. Manchmal gibt es aber Schnittmengen, das gebe ich zu.

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  4. Anonym00:27

    Ja, klar, aber ich hatte jetzt auch eher Sie als die Rückseite der Reeperbahn gemeint.
    In dem Buch habe ich auch etwas erfahren, dass meine ganze Kindheit in einem neuen Licht erscheinen lässt:
    Wussten Sie etwa bislang, dass es nur eine Handvoll Zuschauer gab, die an ihren Sitzen im Studio Knöpfe drücken konnten, damit diese berühmte Sirene losging und Hänschen rufen konnte "Sie sind der Meinung, das war Spitze!"?

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  5. Ich frage mich, ob es den Begriff überhaupt vorher schon gab, oder ob Rosenthal ihn erfunden hat.

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  6. Joshuatree00:53

    @anonym: Warm anonmym? Ich kenne zwei paralysierte Praktikanten von Herrn Knopp, die des Lebens froh waren, aus Mainz zu entkommen. Beide sind heute beruflich auf einem guten Weg.

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  7. Anonym01:08

    Freut mich für die Damen.
    Aber ich wollte einfach nicht schuld daran sein, dass der Herr Wagner Ärger bekommt, weil ich hier irgendwelche "Historiker" beschimpfe. Sollte ich jemals ein eigenes Blog starten, werde ich dort natürlich – sozusagen auf eigene Verantwortung – natürlich keine Gelegenheit auslassen, die sich zum Knopp-Verachten bietet, das verspreche ich Ihnen hiermit hoch und heilig.

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  8. Joshuatree01:33

    Es war eine Frau und ein Mann @anonym. Ihre Geschichten waren nicht meine. Die Inhalte deckten sich aber. 2004 ging die Dame in ein Unternehmen, 2006 der Mann in eine bekannte Werbungssystemsredaktion.

    Grüße an GP.

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  9. Joshuatree03:21

    btw: Sprechen wir über Traute oder Chuzpe?

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  10. Ich sprach eindeutig über Traute. Und ich meine damit nicht meine Tante.

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