29 Oktober 2013

Gerettet vom Franken (ich geb’s ja zu)


Eine perfekt choreografierte Pannenserie verhinderte heute Abend das Feierabendbier und sorgte ersatzweise für den wissenschaftlichen Nachweis, dass mein „neuer“ Flohmarkttrenchcoat doch nicht wasserdicht ist. Aber der Reihe nach.

Gegen 17 Uhr schiffte es wie aus Kieztouristenblasen samstagsmorgens um zwei, weshalb ich dem Franken vorschlug, das Schietwetter bei einem Ratsherrenpils im vorzüglichen Restaurant Lila Nashorn auszusitzen. Als bester Freund herzhafter Genüsse fester wie flüssiger Provenienz war er, wie nicht anders zu erwarten, sofort einverstanden.

Keinen Widerstand gegen einen meiner Vorschläge zu leisten, bedeutet übrigens in der Frankenwelt bereits höchstes Lob, weshalb ich mich geradezu geschmeichelt fühlte von seinem grummelig hingemuffelten Ja. Er nahm die Wendeltreppe, ich schob das oben am Balustradengeländer angekettete „neue“ gebrauchte Fahrrad in den legehennenkäfigengen Fahrstuhl, quetschte mich dazu und drückte E für Erdgeschoss. 

Nach wenigen Sekunden blieb der Aufzug stecken. Ich fingerte an den Knöpfen herum, nichts tat sich.  „Franke!“, rief ich, keine Antwort. Handy raus – kein Netz. „FRANKE!!!“ Da plötzlich, gedämpft und von ferne: seine Stimme. Sie klang – und ich schäme mich nicht, das zu sagen – schalmeiengleich in meinen Ohren, denn dadurch war die Chance, hier doch nicht die Nacht verbringen zu dürfen, deutlich gestiegen, es sei denn, der Franke beschlösse, sich für all die als Demütigungen getarnten Hommagen der letzten Jahre (vgl. „Die Frankensaga“) zu rächen und mich meinem Schicksal zu überlassen. 

Tat er aber nicht, dieser raue herzensgute Sohn eines bewundernswert bier-, wurst- und weinorientierten Volksstamms, sondern versuchte Hilfe zu alarmieren. Der Monteur, der bereits den ganzen Tag über am unwilligen Lift herumgeschraubt hatte, sei leider vor wenigen Minuten gegangen, hieß es von einer Passantin, wie mir der Franke, der mich mittlerweile zwischen erstem Stock und Erdgeschoss lokalisiert hatte, zurief. 

Ich drückte derweil einfach mal interessiert den gelben Notknopf des Fahrstuhls, dessen Baujahr man nur mit der Radiokarbonmethode ermitteln könnte. Es machte „MÖÖÖÖÖP!!!“, und zwar in der Kabine. Mir fielen fast die Ohren ab. Das Prinzip Gegensprechanlage war zum Zeitpunkt des Einbaus anscheinend noch fernste Zukunftsmusik gewesen. 

Was nun? Monteur weg, Franke ratlos, Notknopf ohne Außenwirkung – was täte Bruce Willis in solch einer Lage?

Er würde Gewalt anwenden. Ich probierte die Finger am Rand der Tür in den Schlitz zu zwängen. Der Franke auf der anderen Seite kam auf dieselbe Idee – und siehe da, uns zwei vom mittäglichen Roastbeef wohlgestärkten Kraftbolzen gelang es gemeinsam, die heftig widerstrebende Fahrstuhltür brutal aufzuwuchten. 

Ich war frei! Frei! Und inzwischen reif für mindestens zwei Feierabendbier. Doch das Lila Nashorn hatte noch nicht auf und es zudem draußen aufgehört zu regnen – weshalb wir spontan beschlossen, die unverhoffte Trockenphase zu nutzen und doch rasch nach Hause zu huschen. 

Kurz hinterm Lessingtunnel freilich öffnete der Himmel alle Schleusen. Den Überresten des Orkans Christian gefiel es, Regen in horizontalen Fontänen durch Altona und St. Pauli zu peitschen. Und als ich zu Hause auf dem Kiez ankam, hätte man mit dem Auswringwasser meines Trenchcoats ein algerisches Dromedar drei Monate lang vorm Verdursten bewahren können. 

Der Trench freilich trocknet von selber wieder. Das geplante Feierabendbier mit dem Franken aber ist perdu für immer. Es ist so traurig.

Kommentare:

  1. Den Montööör kenne ich!

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  2. Also, offensichtlich hat sich der Fahrstuhl bei Ihrem Herausklettern nicht wieder in Bewegung gesetzt, sonst wäre das hier eine _mehrteilige_ Geschichte geworden ... ;-)
    Und es hat dem Franken wohl nichts ausgemacht, auf das lokale Feierabendbier, wenn auch situationsbedingt, zu verzichten, was ich als sein Landsmann durchaus nachvollziehen kann, wobei lokale Randsorten wie z.B. "Astra Arschkalt" oder "Flens Gold" geschmacklich eine positive Ausnahme darstellen. Aber sonst: wie schafft der Kerl das bloß, da oben auf Dauer zu überleben?
    Btw: Wollen Sie dem Franken nachträglich noch Dank zuteil werden lassen, überraschen Sie ihn doch mit einem leckeren, kalorienarmen und vollwertkosten Franken-Sushi: frisches Bratwursthäck (zur Not auch Mett), weißer Pressack und ein Stück Stadtwurst. Wohl bekommzd!

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  3. Beraternase13:37

    Gut, dass Sie nicht zwischen den Geschossen waren, dann hätte das Aufwuchten auch nichts gebracht. Es geht doch nichts über den guten alten Paternoster....

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    1. Paternoster sind zum von blogspargel erwähnten Zweiteilen erheblich geeigneter als normale Fahrstühle. Aber wahrscheinlich wissen Sie das sogar und haben deshalb … Nein, ich denke nicht weiter darüber nach.

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  4. Anonym13:30

    Welch köstlich Event! Das hätte ich gern auf YouTube... :-)

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    1. Drehen Sie’s nach. Meinen Segen haben Sie.

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  5. Anonym23:24

    Wie ich Ihren Worten entnehme, fahren Sie weiterhin Fahrrad. Und in diesem geographischen Zusammenhang: womöglich weiterhin ohne Gummihandschuhe und ohne in zur Entsorgung vorgesehener Garderobe in Ihrem (räumlichen) Umfeld mit öffentlichen Verkehrsmitteln?

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