12 Oktober 2007

Der unbehinderte Prophet


Link: sevenload.com

Der sogenannten political correctness begegne ich traditionell mit Skepsis bis Abscheu. Ich lasse mir nur sehr ungern vorschreiben, welche Worte ich verwenden darf und welche nicht; ja, meine Zensurphobie ist ziemlich unheilbar.

Heute geriet ich mit einem Kollegen darüber in Streit. Er meinte den Begriff „Spasti“ in einem üblichen Beleidigungsduell verwenden zu dürfen, während er gleichzeitig meine Verwendung des Wortes „Behinderte“ als politisch unkorrekt kritisierte.

Daraufhin hielt ich ihm die statistische Normalverteilung als generellen Ausgangspunkt für Definitionen jeder Art vor. Nur weil das so sei, führte ich aus, könne man Menschen überhaupt als „klein“, „groß“, „dick“ oder „dünn“ bezeichnen. Oder eben als „behindert“, wenn sie durch bedauerliche Umstände – ob Armbruch oder Contergan – nicht über die statistische Normalmobilität verfügen.

Für mich ist das Wort „behindert“ also ein reiner terminus technicus, der die Realität sachlich und emotionslos beschreibt – im Gegensatz zum Wort „Spasti“, welches körperliches Elend in ein Schimpfwort verwandelt.

Kurioserweise aber hielt der Kollege zwar „behindert“ für tabu, gebrauchte aber das Wort „gehandicappt“, obwohl das auf englisch genau das Gleiche bedeutet. Das zeigt, wie groß die Gefahr für pc-Terroristen ist, in ihre eigenen Fallen zu tappen.

Meines Erachtens hingegen sollte jeder so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das Schlimmste, was dabei passieren kann: Er verrät, wie er geistig und politisch gestrickt ist, was er wirklich denkt. Und das ist viel besser, als wenn er tagtäglich pc-Kreide frisst und uns so hinters Licht führt.

Das alles hat natürlich überhaupt nichts mit dem völlig unbehinderten Chuck Prophet zu tun, der heute Abend im Knust ein schönes Konzert spielte. Das hier dokumentierte „New Year’s Day“ war die letzte Zugabe – zu meinem Bedauern, denn Prophets „No other Love“, einer der zehn schönsten Lovesongs aller Zeiten, hätte ich lieber präsentiert.

Es sollte in Künstlerkreisen pc werden, immer meine Lieblingslieder zu spielen, dann wäre die Welt einen ganzen Schritt weiter.

Kommentare:

  1. Stefan07:45

    Die Gefahr ist bei einigen Wörtern eben, dass man damit etwas relativiert. Mich hat man letztens als Nazi beschimpft und das in einem Zusammenhang, der nun so gar nichts mit Rassismus und Faschismus zu tun hatte. Es handelte sich um eine Lapalie und der Begriff Nazi war in dem Zusammenhang nun wirklich sehr weit hergeholt. Die Frage stellt sich also, relativiert man mit diesem Begriff die Greueltaten der Nazis oder ist es einfach nur grenzenlose Dummheit, diesen Begriff in dem Zusammenhang zu verwenden.

    Ich bin übrigens kein nachtragender Mensch und relativ tolerant und habe es als spätpupertären Leichtsinn abgetan. Und da stellt sich mir die Frage, ob ich es dadurch nicht auch relativiere?

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  2. dein_koenig13:52

    Dann liste doch mal Deine Lieblingslieder auf. Bin mal gespannt was da für Sachen aus dem Hut gezogen werden. Gruß
    Dein_Koenig

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  3. sandfloh15:17

    pc wäre körperlich bzw. geistig beeinträchtigt. An der Schule, die meine Kinder besuchen (Gymnasium mit Sonderauftrag zur Integration körperlich beeinträchtigter Schüler) mehr oder weniger liebevoll als kb´s bezeichnet.

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  4. dein_koenig, die liste ich lieber bei Gelegenheit mal an anderer Stelle auf.

    sandfloh, wo ist denn nun der qualitative Unterschied zwischen „beeinträchtigt“ und „behindert“? Wenn mir ein Arm fehlt, dann behindert ODER beeinträchtigt mich das beim Heben von Zementsäcken, oder nicht?

    Wer immer pc-ness propagiert (und meistens kommt das aus der konservativen bzw. reaktionären Ecke), versucht – wie es sinngemäß bei Wikipedia so schön definiert ist –, das bisher Unbewältigte davor zu schützen, endlich bewältigt zu werden.

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  5. Keine Witze mehr über Schäuble? Das wäre doch gelacht ...

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  6. Genau, das darf nicht sein. Ich sehe, wir verstehen uns.

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  7. Ich, Schäuble,
    ernannt und kraft Amtes Schäuble, bestehe darauf ,
    weiterhin von Agenten meines CdhD in meiner
    Eigenschaft als Schäuble und Leiter des BaziND
    verhohnepiepelt zu werden.

    Ich möchte allerdings nicht, daß Menschen mit
    Behinderungen mit verballhornten Bezeichnungen
    erwähnt werden. Ein Spastiker ist ein Spastiker,
    nicht ein Spasti! Ein Alkoholkranker ist ein
    Alkoholkranker ! (Z.B.:)
    Ein Alki z.B.:ist etwas anderes!
    Sorry for werding ernst here.

    Sis is wan of se Graund to blog not enni longer
    leik ei told Opa Edi jesterdäii in Cämp 10.

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  8. oldman20:30

    Bitte anfügenan :Leiter des BaziND die Schbezialisierung " SD "!

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  9. Was wäre denn die Alternative zu "behindert", außer der vermeintlichen Verschleierung durch den Anglizismus "gehandicappt"? Krüppel?

    Ich kenne viele Behinderte (körperlich oder geistig "Beeinträchtigte"), die sich selbst als Behinderte bezeichnen (und die müssen`s ja wissen).

    Wäre es politisch nicht viel unkorrekter, wenn man das Wort aufgrund seiner Semantik (denn darum geht es hier doch eigentlich) ausklammert, so, als existiere es nicht ? Warum beschönigt man "behindert"? Weil man seine Bedeutung als negativ empfindet. Und das ist ja wohl im Nachhienein viel abwertender, als die Dinge beim Namen zu nennen. Völlig wertfrei.

    Ich sage übrigens liebevoll "Ditschi", wenn auch hinter vorgehaltener Hand und nur bei denen, die genau wissen, WIE ich es meine.

    Ich bin sehr kurzsichtig, demnach (seh-)behindert und ich "spacke gerne auch mal ab" – voll behinddäärd, oder:-) ?!

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  10. vert02:09

    das problem, das hier anscheinend niemandem aufgefallen ist bisher:
    der kollege ist definitiv NICHT pc, du bist es - so leid es dir tut!

    (dessen ungeachtet höre ich bei bezeichnungen von menschen auch gerne mal auf die bezeichneten; und möchten, wenn schon das attribut so wichtig ist, als 'menschen mit behinderung' bezeichnet werden. ein wunsch, dem ich vorbehaltlos und ohne diskussion nachkomme.)

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