10 März 2006

Der große Schnee

Der Kiez sieht aus, als wäre er zur idealen Disneyland-Winterlandschaft hergerichtet worden, und zwar von Michael Jackson als Artdirektor. Räumfahrzeuge haben es längst aufgegeben, die Reeperbahn zu räumen. Zwischen World of Sex und dem Schmidttheater gegenüber ist alles eine große weiße Fläche; sogar die gewaltige Baugrube, die einmal der Spielbudenplatz war, wird nivelliert vom Schnee.

Seit heute früh um 5 fällt er unablässig, wie mir eine glaubwürdige Augenzeugin – Renate vom Käseladen – mit Behagen berichtete. Und weil alles so harmonisch geweißt wurde im Lauf des Tages und des Abends, weil man nicht mehr sieht, wo der Gehweg aufhört und die Straße beginnt und es deshalb egal scheint, ob man nun an der Fußgängerampel oder irgendwo anders die Seite wechselt, stolpern die Touristen mitten auf der Reeperbahn herum und werden wütend angehupt von schneckenhaften Taxis.

Wie auf Kommando entschloss sich übrigens halb Hamburg, die jahrhundertwinterartige Wetterlage zu nutzen, um die Unfallstatistik ordentlich aufzumöbeln. Die Polizei zählte bis jetzt 300 Crashs. Wieso dieser Automatismus – schlechtes Wetter, viele Unfälle – immer wieder wirksam wird, ist vollkommen schleierhaft. Wenn die Welt dort draußen offensichtlich die wildeste Schnee- und Eisorgie seit anno dunnemals inszeniert, dann setze ich mich doch nicht ins Auto und rutsche mit Ansage in ein anderes. Nun: anscheinend doch.

Als ich heute Nachmittag nach Hause stapfe und am Burger King an der Ecke Reeperbahn und Davidstraße vorbeikomme, fällt mir das Interview mit Adam Green wieder ein, das ich heute bei Spiegel online las. Green sitzt, wie er sagt, liebend gern dort am Fenster, um den Prostituierten bei der Arbeit zuzuschauen, während er einen Burger mampft. Im Vorbeigehen habe ich reingeschielt, aber heute war er nicht da.

Es war auch noch zu früh; die Huren haben erst ab 8 Dienstbeginn. Und Green wäre eh nicht durchgekommen bis zum Kiez, bei dem Schnee.


Ex cathedra: Die Top 3 der Wintersongs
1. „Night shift“ von Bill Morrissey
2. „Snowin' on Raton“ von Townes van Zandt
3. „Winterlong“ von Neil Young


Kommentare:

  1. Ich denke, dass Schnee aus rein ästhetischen Gründen fällt. Damit man die trist-graue Winterlandschaft nicht mehr sieht und die Zeit für die Augen erträglicher macht bis es wieder grünt.
    Aber inzwischen hab ich viel mehr Lust auf Grün als auf weiß.

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  2. Eine plausible Theorie. Aber welche Ästhetik steckt dann hinter Nieselregen?

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  3. Nach dem Adam Green Interview in Spiegel weiß ich den Sampler NOCH mehr zu schätzen! (Falls das überhaupt mäglich ist)

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  4. Das freut mich NOCH mehr! (Falls das überhaupt möglich ist)

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  5. Vielleicht wird man mich nun steinigen, wenn ich nach all den Heroen der internationalen Pop&Rockgeschichte an dieser Stelle den äh Liedermacher Willy Astor anführe. Dieser hat auf seiner vorletzten CD ein Lied veröffentlicht, das in der Tat "Nieselregen" beschreibt und seine Schönheit und dass dieser durchaus dazu geeignet ist, als Geburtstagsgeschenk zu dienen.

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  6. Hier wird niemand gesteinigt, trillian, keine Sorge.

    Nun fehlt eigentlich nur noch der bewegende Song über straußeneigroße Hagelkörner …

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